Corona Schule BW
: Mehr als 170 Schulklassen müssen zu Hause bleiben

Die Schulen in Baden-Württemberg sind stark von Corona betroffen. Doch wie viele Klassen können nicht in den Präsenzunterricht und wie viele Schulen sind komplett geschlossen?
Von
Chris Wille mit DPA
Stuttgart
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Eine Schule in Ulm ist wegen Corona komplett geschlossen.

Christian Wille

Knapp zwei Wochen nach dem Start des neuen Schuljahres sind 172 Schulklassen im Südwesten aus dem Präsenzunterricht genommen worden. An insgesamt 111 Standorten werden die Klassen wegen einer Infektion mit dem Coronavirus oder dem Verdacht einer Infektion vorübergehend nur im Fernunterricht unterrichtet. Das teilte das Kultusministerium am Donnerstag mit.

So viele Schulen in BW sind wegen Corona komplett geschlossen

Die Zahlen entsprechen dem Stand vom 23. September 2020. Insgesamt drei Schulen in Ulm, Friedrichshafen und Schorndorf seien vorerst vollständig geschlossen. Zuvor hatte die Stuttgarter Zeitung davon berichtet. Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg rund 67.500 Klassen in 4500 Schulen.

Lehrer und Erzieher können sich länger auf Corona testen lassen

Lehrer und Erzieher können sich jetzt länger als zunächst geplant zwei Mal kostenfrei und freiwillig auf das Coronavirus testen lassen. Das Zeitfenster, in dem dies für das gesamte Personal an Schulen, Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege gelte, werde bis zum 1.11.2020 verlängert. Das teilte das Kultusministerium am Donnerstag in Stuttgart mit. Die Tests seien wie bisher auch ohne Symptome möglich, das Land übernehme bis zum Ende der Herbstferien die Kosten. „Damit können sie auch noch die ersten kühleren Tage abwarten, bevor sie sich testen lassen und ihre Tests gezielt wahrnehmen“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Neben Corona ist Gewalt an Schulen ein großes Problem

Nach Einschätzung von Schulleitern in Baden-Württemberg nimmt die Zahl körperlicher Angriffe und Beleidigungen gegen Lehrer zu. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Landesverbands Bildung und Erziehung (VBE), die vor den Corona-Einschränkungen erhoben wurde. Der Anteil der Berichte über Angriffe auf Lehrer und auch Mobbing im Internet ist nach Angaben der Studie im Südwesten aber niedriger als im Bundesgebiet insgesamt.

Körperliche Gewalt gegen Lehrer an Schulen in BW nimmt zu

Knapp jede vierte Schulleitung berichtet über Fälle von körperlichen Angriffen gegen Lehrer in den vergangenen fünf Jahren - 2018 waren es noch 16 Prozent. Auch bundesweit nahmen die Attacken zu. Im Vergleich zum Jahr 2018 wuchs in Baden-Württemberg außerdem die Zahl der Fälle, in denen Pädagogen beschimpft, bedroht oder gemobbt wurden. Die Beleidigungen und Bedrohungen gingen aber nicht ausschließlich von Schülern aus - auch Eltern beleidigten Lehrer, wie der Landesverbandsvorsitzende Gerhard Brand am Donnerstag in Stuttgart mitteilte.

Auch die Kriminalstatistik der Polizei in Baden-Württemberg wies 2019 eine Zunahme an Bedrohungen und Körperverletzungen gegen Lehrer und Pädagogen auf. Die Anzahl der Straftaten stieg auf 79; ein Jahr zuvor waren es 61, 2017 noch 47, wie ein Sprecher des Innenministeriums angab.

Mehr Gewalt gegen Lehrer aber weniger Unterstützung nach den Angriffen

Für die Umfrage wurden bundesweit 1302 Schulleiter befragt, darunter 251 in Baden-Württemberg. Schulleitungen teilten vermehrt mit, es falle schwerer, Lehrkräfte nach Gewaltfällen zu unterstützen. Vor zwei Jahren hatten noch 85 Prozent der Schulleiter angegeben, dass dies kein Problem sei; bei der aktuellen Umfrage war es die Hälfte der Befragten. „Wir beobachten einen doppelten Negativtrend: Während Gewaltvorfälle stark steigen, kann zugleich die dringend benötigte Unterstützung nach einem Gewaltvorfall immer seltener geleistet werden“, sagte Brand.

Zudem stieg die Zahl der Fälle von Cyber-Mobbing. Kinder trauten sich im Internet eher, anonym Lehrer zu beleidigen, erklärte Brand. „Die Schüler sind nicht per se böse, sondern steigern sich häufig da rein. Wenn man die Aussagen liest, können sie sehr bedrohlich wirken.“

Betrunkener Zehntklässler attackiert Schulleiter mit Wodkaflasche

Efthymios Vlahos ist Schulleiter an einer Grund und Werkrealschule in Remchingen, zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Er hat selbst Gewalt erlebt: Ein betrunkener Zehntklässler bedrohte und verfolgte den 35-Jährigen vor einigen Jahren, nachdem Vlahos ihn gebeten hatte, das Schulgelände zu verlassen. „Ihm sind die Sicherungen durchgebrannt, mit einer Wodka-Flasche wollte er auf mich los“, erinnert er sich. Im Endeffekt ließ der Schüler von dem Rektor ab. Da der Zehntklässler vor dem Abschluss stand, habe er nur noch das Zeugnis zugeschickt bekommen. Beide haben sich nie wieder gesehen. „Direkte Gewalt ist die Ausnahme im Schulbetrieb“, sagte Vlahos. Die Konfrontation habe ihn gelehrt, in manchen Situation besser aufzupassen.

Efthymios Vlahos, Rektor der Bergschule Singen in der Gemeinde Remchingen, war selbst Opfer von Gewalt gegenüber Lehrkräften. Ein betrunkener Zehntklässler hatte ihn mit einer Wodkaflasche bedroht und verfolgt.

Uli Deck, DPA

Die aktuellen Zahlen überraschen den Schulleiter nicht. „Ich kann es teilweise beobachten, dass gewisse Tugenden wie Höflichkeit und Respekt bei einigen Schülern in Vergessenheit geraten.“ Bei manchen Schülern sei die Gewaltschwelle niedriger. Eltern spielten ebenfalls eine Rolle, wenn sie Gewalt und Beleidigungen abwiegelten.

Der VBE fordert vom Kultusministerium mehr Medienbildung an den Schulen. Diese seien deswegen sowohl finanziell als auch zeitlich zu entlasten. Zudem sind Fachkräfte wie Sozialarbeiter und Psychologen aus Sicht von Verbandschef Brand dringend notwendig. Lehrer müssten mehr psychologische Hilfe bekommen. Dies sieht auch Rektor Vlahos so: „Die Schule allein kann das nicht bewältigen.“