Detlef Pollack: „Es ginge auch ohne Religion“

Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Uni Münster.
Brigitte Heeke/Westfälische Wilhelms-Universität Münster/dpaDie Deutschen treten in Scharen aus den Kirchen aus. Glauben diese Menschen nicht mehr oder vertrauen Sie nur den Kirchen nicht?
Detlef Pollack: Beides spielt eine Rolle. In erster Linie ist der Kirchenaustritt ein Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber allen Fragen, die mit Kirche und Religion zu tun haben. Es gibt allerdings immer einige Ausschläge, wennzum Beispiel Missbrauchsfälle besonders stark diskutiert werden.
Gibt es unterschiedliche Gründe bei Katholiken und Protestanten, wenn es um die Abkehr von ihren Kirchen geht?
Bei den Protestanten spielt das Desinteresse an der Religion die entscheidende Rolle. Bei den Katholiken ist die Verbundenheit zu ihrer Kirche deutlich höher als bei den Protestanten. Viele leiden an der katholischen Kirche, treten aber trotzdem nicht aus. Gemessen an der Unzufriedenheit vieler Katholiken ist die Zahl der Austritte noch relativ gering.
Es gibt deutliche Ost-Westunterschiede hinsichtlich der Religion in Deutschland. In Ostdeutschland scheint man denMenschen die Religion komplett ausgetrieben zu haben.
Es gibt in Ostdeutschland einen lang anhaltenden Prozess der Entkirchlichung und Säkularisierung. Dieser Prozess begann bereits im 19. Jahrhundert, als vor allem Arbeiter und Angehörige der unteren Schichten zum Christentum auf Distanz gingen, ohne gleich aus der Kirche auszutreten. In der Nazizeit wurde politischer Druck auf die kirchliche Bindung ausgeübt, und während der DDR-Zeit wurden die Kirchen systematisch ausgegrenzt.
Und der große Einfluss der Kirchen in den Tagen der friedlichen Revolution war nur eine Momentaufnahme und hatte mit Religion nichts zu tun?
So weit würde ich nicht gehen. Immerhin fanden die Friedensgebete und viele andere oppositionelle Veranstaltungen in der Kirche statt. Da gab es auch religiöse Motive. Denken wir nur an die Verknüpfung von Umweltfragen mit dem Schöpfungsgedanken. Aber in dem Maße, in dem die Menschen nach der Wende sich vor allem mit Problemen der Existenzsicherung und der Umqualifizierung auseinandersetzen mussten, wandten sie sich wieder von den Kirchen ab.
Warum kommen die Menschen in Ostdeutschland ohne Religion aus, während es in Russland, wo die Kirche viel stärker im Sozialismus verfolgt wurde, eine regelrechte Renaissance des orthodoxen Glaubens zu geben scheint?
Ja, das ist interessant. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Einer ist: In Ostdeutschland und überhaupt in Deutschland kann sich Religion aufgrund der diskreditierenden Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus nicht mit nationalen Interessen verbinden. Diese Ressource religiöser Mobilisierung wird in Russland voll ausgeschöpft. Ein guter Russe ist eben auch ein guter orthodoxer Christ…
…Und die Kirche ist wieder Staatskirche?
Zumindest wird die Kirche politisch stark instrumentalisiert. Putin zeigt sich mit dem Patriarchen. Wir erleben eine regelrechte Symphonie von Thron und Altar, womit das moderne Russland an eine alte russische Tradition anknüpft.In Deutschland leben wir in einer funktionierenden Demokratie und in einem Rechtsstaat. Den Menschen geht es vergleichsweise gut. Auch wenn sie oft unzufrieden sind. In Russland ist das anders. Dort vertraut man nicht dem Parlament und den Gerichten, sondern dem Präsidenten, der Armee und eben der orthodoxen Kirche.
Heißt das umgekehrt, eine funktionierende Demokratie ist in gewisser Weise religionsfeindlich?
Eine funktionierende Demokratie, ein intakter Rechtsstaat und ein vergleichsweise hoher Lebensstandard weisen der Religion einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zu. Und das ist eben nicht der wichtigste Platz. In Russland erfüllt die Kirche nicht religiöse, sondern auch politische, nationalstaatliche und zivilgesellschaftliche Funktionen. Das macht sie stark.
Insgesamt scheint die religiöse Entwicklung widersprüchlich zu sein. Wir erleben den Siegeszug der sogenannten Erweckungskirchen in Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens. In den USA spielt Religion nach wie vor eine große Rolle. Manche halten das Zeitalter der Säkularisierung für beendet und sehen einen neuen religiösen Aufbruch. Sie auch?
Nicht dort, wo es funktionierende Demokratien und prosperierende wirtschaftliche Entwicklungen gibt. Das gilt selbst für die USA. Dort ist das Niveau der Religiosität zwar traditionell höher als in Westeuropa. Aber seit ungefähr 15 Jahren lassen sich starke Tendenzen der Entkirchlichung beobachten. Inzwischen geben in den USA prozentual etwa genauso viele Menschen an, konfessionslos zu sein wie im Westen Deutschlands. Ein anderes Beispiel: Südkorea. Dort gingen lange Zeit Modernisierung und religiöse Vitalisierung Hand in Hand. Nun ist der Prozess an sein Ende gekommen.
Was ist mit der berühmten Islamisierung?
Auch da gibt es unterschiedliche Tendenzen. Dort, wo die Religion von oben verordnet wird, wie im Iran oder zum Teil in der Türkei, wenden sich viele aus Protest von der Religion ab. Es stimmt, dass in Afrika und Lateinamerika Religion im Moment boomt. Aber sobaldWohlstandsanstieg und Demokratisierung einsetzen, gehen traditionelle und patriarchalische Haltungen zurück und nimmt das Interesse an Religion ab.
Zumindest im Westen hat man den Eindruck, es gibt auch eine Tendenz zur Individualisierung der Religion. Jeder mixt sich seine eigene Religion zusammen.
Das stimmt. Man muss aber diese Bekenntnisse zur tatsächlich gelebten religiösen und alltäglichen Praxis ins Verhältnis setzen. Individualisierte Religion geht einher mit einer Verflüssigung der Glaubensvorstellungen und hat auf die Lebensführung, etwa die Erziehung der Kinder, das Freizeitverhalten oder die politische Einstellung, oft wenig Einfluss.
Heißt das, eine moderne Gesellschaft kommt ganz gut ohne Religion aus?
Sie ist zumindest nicht notwendig für das Funktionieren dieser Gesellschaften. Wiewohl sie oft sehr nützliche Funktionen ausfüllt. Menschen, die sich in Kirchen oder anderswo religiös engagieren, tun das oft auch anderswo. Sie haben mehr Vertrauen zu anderen Menschen, und Vertrauen ist ein wichtiger Kitt für die Gesellschaft. Aber es ginge auch ohne Religion.
Auch dann, wenn sich Menschen immer häufiger von der Globalisierung und von der Komplexität der Welt überfordert fühlen?
Es mag sein, dass manche da in der Religion Trost und Sicherheit finden. Aber das wird nicht für alle gelten. Zur Komplexität gehören ja auch Differenzierung und Fragmentierung der Gesellschaften. Da gibt es nicht die eine, seligmachende Antwort. Wer die anbietet, wird eher Misstrauen ernten.
Wie würden Sie Ihr eigenes Verhältnis zu Religion und Glauben beschreiben?
Mich hat die geistliche Musik stark geprägt. Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche in Deutschland und besuche auch gelegentlich den Gottesdienst. Insgesamt habe ich ein enges Verhältnis zur Kirche, die ich für eine wichtige Institution halte. Es stimmt mich traurig, dass oft nicht gesehen wird, wie viele großartige Menschen die christliche Botschaft auf eine sehr ansprechende Weise verbreiten.
Sie halten die Kirche für unterschätzt?
Ja. Und es wird zu wenig beachtet, wie sehr sich vor allem die evangelische Kirche in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Sie ist viel näher bei den Menschen als früher. Ich bin zwar ein Säkularisierungstheoretiker, aber einer, der über die Säkularisierung nicht glücklich ist.