Dirk Messner
: „Szenarien vom Untergang lähmen nur“

Dirk Messner wird Chef des Umweltbundesamtes. Er fordert ein Ende der Verbotskultur und Anreize für einen nachhaltigen Lebensstil.
Von
Igor Steinle
Berlin
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Dirk Messner wird  Präsident des Umweltbundesamtes.

© UNU-EHS über Igor Steinle

Der UN-Forscher Dirk Messner ist einer der renommiertesten Nachhaltigkeitsforscher weltweit. Ab kommendem Jahr ist er Chef des Umweltbundesamts. Er folgt auf Maria Krautzberger, die in Ruhestand geht. Anders als sie kommt Messner nicht aus der Verwaltung, sondern aus der Politikwissenschaft. Die Regierung berät er bereits seit 2004 im Wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltveränderungen. Für Aufsehen sorgte Messner, als er im vergangenen Jahr Klimapässe für Klimaflüchtlinge forderte. Wie tickt Deutschlands zukünftig oberster Umweltbeamter?

Herr Messner, man hat den Eindruck, um den Klimaschutz ist ein Kulturkampf zwischen Stadt und Land entbrannt. Wie kommt man da wieder raus?

Der ländliche Raum wurde vernachlässigt, da sind die Fingerzeige der Gelbwesten oder die Wahlergebnisse im Osten ein Warnsignal. In England waren es ebenfalls die zerfallenden, alten Industrieregionen, die für den Brexit gestimmt haben, ähnlich wie in den USA, wo Trump die Globalisierungsverlierer mobilisieren konnte. Wir müssen uns stärker um die ländlichen Räume kümmern als wir das bisher getan haben, sonst bekommen wir im Umbau zur Klimaverträglichkeit Konflikte mit denjenigen, die sich abgehängt fühlen.

Wie kann das gelingen?

Man darf nicht glauben, dass man irgendwo in Berlin Strategien entwickeln kann, die man dann in den Kohleregionen umsetzt. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, die eigenen Städte und die Wirtschaft weiterzuentwickeln. Auch im Ruhrgebiet wurden in den 70ern zunächst große Konzepte aus der Landesverwaltung umgesetzt. Später hat man gelernt, dass es besser ist, Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft vor Ort besser zu mobilisieren und zu vernetzen.

Und wie lassen sich die Menschen für Klimaschutz begeistern?

Wir dürfen kein Verlierer- und Verzichtsthema daraus machen, sondern ein Lebensqualitätsprojekt. Untergangsszenarien lähmen und machen hilflos.  Wir alle  brauchen positive Zukunftsentwürfe, damit wir uns für Wandel engagieren können. Deswegen müssen wir die Klimadebatte mit dem Thema Lebensqualität verbinden. Es ist doch großartig, wenn wir lebenswerte Städte schaffen und öffentlichen Verkehr attraktiv machen. Nachhaltigkeit muss das neue gesellschaftliche Leitbild werden.

Momentan streitet die Bundesregierung vor allem darüber, wie CO2 einen Preis bekommen soll. Sind Sie für einen Emissionshandels in den Bereichen Wärme und Verkehr oder für eine CO2-Steuer?

Die beste Lösung wäre ein umfassender, europäischer Emissionshandel. Aber dafür bräuchten wir  viel Zeit, weil wir das erst innerhalb  der EU aushandeln müssten. Wir müssen aber schnell Fortschritte erreichen, beim Klimaschutz läuft uns die weg. Deswegen brauchen wir kurzfristig ein Preissignal in Form einer Steuer, die dann mittelfristig in einem europäischen Handelssystem aufgehen  kann.

Angela Merkel reist hinterher zum Klimagipfel nach New York. Welche Rolle spielt der ehemalige Klimavorreiter Deutschland international?

Wir sind als erstes Industrieland mit der Energiewende vorangegangen. Bis dahin galt der Verzicht auf fossile Energie in einem Industrieland als unmöglich. Deutschland hat diesen Prozess begonnen. Ob wir jetzt schlapp machen oder zeigen, dass wir Klimaschutz zu einem ökonomischen Erfolgsmodell machen, ist daher von einer enormen Bedeutung.

Der Weltklimarat betont, dass die Erderwärmung sich nicht auf 1,5 Grad begrenzen lässt, wenn der Atmosphäre nicht CO2 entnommen wird. Reden wir zu wenig darüber?

Wir müssen das Thema differenziert angehen. CCS, also die Einspeicherung von CO2, ist in begrenztem Umfang ein Teil der Lösung. Die Umwandlung von Emissionen in Produkte, etwa für die Pharmazie, ebenfalls.  Insofern müssen wir darüber reden. Worüber ich nicht reden möchte, ist die Manipulation des Erdsystems, um das Klimaproblem zu lösen. Es gibt ja Vorschläge, dass wir unseren Planeten einnebeln, damit die Sonneneinstrahlung reduziert wird. Das wäre eine großskalige Veränderung des gesamten Erdsystems mit Folgen, die wir gar nicht absehen können, weder für die Biodiversität unserer Böden noch unsere Psyche. Das halte ich für gefährlich.

Europas größte Umweltbehörde

Das Umweltbundesamt (UBA) in Dessau ist die zentrale Umweltbehörde der Bundesrepublik. Sie ist dem Umweltministerium unterstellt. Mit rund 1500 Mitarbeitern ist sie zudem die größte Umweltbehörde auf dem europäischen Kontinent.Zu ihren Aufgaben gehören die wissenschaftliche Unterstützung der Bundesregierung, der Vollzug von Umweltgesetzen und die Information der Öffentlichkeit zum Umweltschutz. Es versteht sich selbst als "Frühwarnsystem", das zukünftige Beeinträchtigungen von Mensch und Umwelt rechtzeitig erkennt, bewertet und Lösungen vorschlägt". ⇥igs