Facebook: Mark Zuckerbergs eigene Währung
Wäre Facebook ein Staat, dann hätte er bald eine eigene Währung. Gemeinsam mit einigen Partnern will das größte soziale Netzwerk der Welt schon im kommenden Jahr Libra unter die Leute bringen: eine digitale Münze, die die Finanzwelt komplett auf den Kopf stellen könnte. Würde auch nur ein Viertel der 2,7 Milliarden Facebook-Mitglieder das Angebot nutzen, entstünde ein Währungsraum größer als die USA und Europa zusammen.
„Wenn die staatlichen Regulierer dem Projekt keinen Strich durch die Rechnung machen, könnte mit einer Kryptowährung wie dieser die Revolutionierung unseres Geldwesens beginnen“, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute. Denn anders als die andere bekannte Digitalwährung Bitcoin wird Libra keine extremen Kursschwankungen aufweisen: Das Facebook-Geld soll an einen Korb von Währungen wie US-Dollar, Euro und Yen gebunden werden.
„Wenn zum Beispiel jemand Libra für 100 Euro kauft, fließen diese 100 Euro in die Reserve“, erklärt der für das Projekt zuständige Facebook-Manager David Marcus. Das macht das Zahlungsmittel benutzerfreundlich und – integriert in die Facebook-App, WhatsApp oder die digitale Libra-Geldbörse – für Milliarden Menschen kinderleicht zu benutzen, egal ob online oder im Laden. Selbst die Restaurantrechnung kann man dann per Chat untereinander aufteilen.
Bei allen Unterschieden ist an Libra jedoch genau das revolutionär, was es mit dem Bitcoin gemeinsam hat: Banken werden als Mittler aus dem Geschäft herausgeschnitten. Kryptowährungen basieren auf der Blockchain-Technologie. Vereinfacht gesagt wird jegliche Transaktion in einem öffentlich einsehbaren, dezentral aufbewahrten, digitalen Grundbuch gespeichert. Geldüberweisungen benötigen dadurch keine zentrale Instanz mehr, die das Vertrauen aller Beteiligten genießt und den Vorgang verwaltet. Sie können direkt zwischen den beiden Parteien abgewickelt werden. Banken werden schlicht nicht mehr benötigt, Transaktionen werden günstiger.
Bevor es so weit ist, soll Libra jedoch zunächst in Entwicklungsländern für Überweisungen über Ländergrenzen hinweg zur Verfügung stehen. Traditionelle Anbieter wie Western Union verlangen dafür bisher horrende Gebühren. Man kann deswegen davon ausgehen, dass Libra sich als günstige Alternative schlagartig ausbreiten wird. Wohin die Reise langfristig geht, kann man schon heute in Asien beobachten.
Dort hat die chinesische App „WeChat“ ebenfalls einst als einfacher Messenger-Dienst begonnen. Inzwischen kann man mit der App bezahlen, einkaufen, Taxis bestellen, Frisörtermine buchen, etc. Kurzum: Sie ist als potente Allround-App aus dem Alltag der meisten Chinesen nicht mehr wegzudenken. Mit einer eigenen digitalen Weltwährung setzt Facebook hier noch einen drauf. Und treibt Notenbankern damit den Angstschweiß auf die Stirn.
Denn Zuckerbergs Digitalgeld würde nicht nur das Geschäftsmodell klassischer Banken unter Druck setzen. Libra könnte auch die Geldpolitik der Notenbanken untergraben. Denn sie soll nicht nur an einen Währungskorb gebunden, sondern zusätzlich auch durch Staatsanleihen gedeckt werden. Facebook könnte sich so zu einem der größten Gläubiger von Staaten entwickeln – und dementsprechend mächtig werden. „Ich hielte es für bedenklich, wenn Nationalstaaten auf diese Weise abhängig werden von einem Konzern“, sagt Bundesbank-Vorstand Frank Wuermeling.
Das könnte vor allem in Entwicklungsländern geschehen, in denen instabile Währungen die Menschen in Scharen in die Hände des Digitalkonzerns flüchten lassen – also in genau jenen Ländern, auf die es Facebook zum Marktstart nächstes Jahr abgesehen hat. Je weniger Nationalwährung die Bürger eines Landes aber besitzen, desto weniger Spielraum hat eine nationale Zentralbank, über den Leitzins Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. „Wenn Libra auch nur mäßig erfolgreich wird, würde es einen Großteil der Kontrolle über die Geldpolitik von Zentralbanken an private Unternehmen übergeben“, warnt deswegen Chris Hughes, Mark Zuckerbergs ehemaliger Partner und Mitbegründer von Facebook.
Dass Libra sich jedoch stoppen lässt, glaubt kaum jemand. „Es ist in der Geschichte noch nie gelungen, technischen Fortschritt aufzuhalten“, sagt Volkswirt Mayer. Die Kritik an Libra erinnert ihn vielmehr an die Maschinenstürmerei im 19. Jahrhundert. Auch Verbieten wäre kaum möglich, sagt Notenbanker Wuermeling, denn Deutsche könnten sich Libra einfach im Ausland kaufen. Einer Weltwährung könne man deswegen nur mit weltweit abgestimmter Regulierung beikommen, sagt er. „Und zwar schnell.“
Der Kopf von Libra
Der Mann, der hinter der Kryptowährung von Facebook steckt, ist David Marcus. Der 46-Jährige führte einst den Online-Bezahldienst PayPal und wechselte 2014 zu Facebook. Dort leitete der gebürtige Franzose vier Jahre den Bereich, welcher für den Messenger zuständig war. Nach diesen vier Jahren wechselte er an die Spitze des Teams, das sich mit der Blockchain-Technologie bei Facebook beschäftigte. Das Resultat der Arbeit ist die Kryptowährung Libra. ⇥dot


