Historiker Jürgen Zimmerer
: „Das Humboldt-Forum wird in den Sand gesetzt“

Der Historiker Jürgen Zimmerer ist Kolonialismus-Forscher und ein scharfer Kritiker des geplanten Humboldt Forums.
Von
Lena Grundhuber
Berlin
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Übt Kritik: Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer

UHH-Dingler

Der Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer ist ein führender Kolonialismus-Forscher und ein scharfer Kritiker des geplanten Humboldt Forums. Er sprach mit Lena Grundhuber.

Herr Zimmerer, darf Berlin das Brachiosaurus-Skelett behalten oder gehört es nach Tansania?

Letztendlich muss man anerkennen, dass es unter den Bedingungen des Kolonialismus nach Berlin gekommen ist. Und wenn etwas widerrechtlich hier ist, dann ist es egal, ob es sich um ein Kunstwerk handelt, um einen Knochen oder einen Diamanten. Wenn das Skelett niemand zurückfordert, wäre eine saubere Lösung: Man erkennt das Eigentumsrecht Tansanias an und zahlt eine Leihgebühr, so dass für das Geld eine Museumsstruktur in Tansania aufgebaut werden kann. Wir können nicht die Geschichte rückabwickeln, aber wir müssen deutlich machen, wo die Objekte herkommen und neue Formen des kulturellen Teilens entwickeln.

Nicht nur im Falle des Dinos beruft man sich darauf, dass die Ausgrabung und der Transfer nach damals geltendem Recht legal waren.

Es ist eine völlig absurde Position, sich auf Kolonialrecht zu berufen und damit koloniale Aneignungsprozesse zu bestätigen. Es ist das Recht der Eroberer und Besatzer. Die Grenzen der Kolonien wurden nur mit den anderen Kolonialmächten ausgehandelt. Land ohne „offiziellen“ Besitzer, also ohne europäische Besitztitel oder Grundbucheinträge, konnte dann als Land der Kolonialherrscher betrachtet werden. Oder es hieß, Afrikaner hätten keine Vorstellung von Eigentum. Das war schon damals falsch, denn einen Eigentumsbegriff gab es schon, oftmals allerdings einen kollektiven.

Die Kolonialzeit in den Köpfen ist noch nicht vorbei?

Schauen Sie sich nur eine Folge „Traumschiff“ an! Afrika steht immer noch für Chaos, die Homogenisierung und Exotisierung des Kontinents ist konstituierend für unsere Wahrnehmung. Wir drücken uns vor der Frage, wie wir unsere eigene Gesellschaft und Weltsicht dekolonisieren. Das ist eine Mammutaufgabe, weil das ein Überschreiben jahrhundertealter Denkgewohnheiten bedeutet, die uns im Zentrum der Welt angesiedelt haben. Ich bin aber zutiefst überzeugt, dass wir das brauchen, um eine Zukunft zu haben.

Deutschland hat blinde Flecken. Lange lebte man in der Vorstellung: Wenigstens als Kolonialmacht waren wir nicht so schlimm.

Das ist unsinnig. Wahr ist, dass die Phase des formalen deutschen Kolonialismus relativ kurz war, wenn auch doppelt so lang wie das „Dritte Reich“. Gerade der vergleichsweise späte Beginn aber hatte die Konsequenz, dass man sich beweisen wollte. Der Völkermord an den Herero in Namibia resultierte nicht zuletzt aus der kurzen Dauer der Herrschaft. Das ist eher eine Erklärung, warum die Brutalität so massiv war.

Sie sind ein scharfer Kritiker des Humboldt Forums, in dem künftig die ethnologischen Sammlungen ausgestellt werden sollen. Warum macht Sie das so wütend?

Es ärgert mich, weil ich das Humboldt Forum als Riesenchance begreife, die in den Sand gesetzt wird und weil die Verantwortlichen sich so wenig gesprächsbereit zeigen. Wir müssen aber eine breite öffentliche Debatte darüber führen, wie wir mit kolonialem Erbe umgehen wollen. Etwa, ob wir in öffentlich finanzierten Häusern geraubte Güter ausstellen wollen.

Wie wäre das Projekt denn zu retten?

Meiner Meinung nach muss man das konservative Programm des Humboldt Forums radikal überschreiben mit mutigen Lösungen. Zum Beispiel: Wir restituieren die „Benin-Bronzen“, die eindeutig Raubkunst sind, noch vor der Eröffnung, geben das Eigentumsrecht an Nigeria ab und bezahlen eine Leihgebühr, aus der die museale Infrastruktur in Nigeria ausgebaut werden kann. Und um die Überschreibung deutlich zu machen, sollte man es „Benin Forum“ nennen.

Oft wird die Befürchtung geäußert, dass man sich in Afrika nicht angemessen um die Objekte kümmere und sie auf dem Kunstmarkt landen.

Natürlich ist das möglich, es ist aber nicht unsere Sache zu entscheiden, was der Eigentümer damit tut. Außerdem gilt erst seit 1945, dass die Stücke in Europa sicher waren – was in den Weltkriegen zerstört wurde, wird nie berücksichtigt. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu Rückgaben.