Hoffnungslos: Rückkehrer in den Südsudan: Der zerstörte Traum

Der 18-jährige Bol Thuch zeigt, wie der Pflug funktioniert, den er und seine Familie von der Organisation Welthungerhilfe bekommen haben.
Gioia Forster/dpaDer 36–Jährige sitzt in der Mittagshitze im Schatten eines Schilfdachs. "Was ich gesehen habe, werde ich niemals in meinem Leben vergessen.“ Noch schmerzhafter als die Erinnerung scheint die Enttäuschung zu sein, die er heute verspürt. Als 2005 der Frieden und das Versprechen eines unabhängigen Südsudan kamen, ging Mol zurück in sein Heimatdorf Nyamlell in der entlegenen Region Northern Bahr el Ghazal. Das war 2011. Doch die Euphorie des Aufbruchs hat sich in Bitterkeit verwandelt: „Wieder wurde ich enttäuscht. Unsere eigenen Anführer haben uns erneut in den Krieg geführt.“
Wie Mol kehrten vor und nach der Unabhängigkeit des Südsudan Tausende Flüchtlinge zurück, um die Geburt des jüngsten Staats der Welt in Ostafrika mitzuerleben. Sie reisten an, in vollgepackten Zügen auf der Bahnstrecke, die heute noch immer Northern Bahr el Ghazal durchquert. Dort ist zu sehen, was es bedeutet, wenn ein Staat zwar gegründet, aber kaum aufgebaut wird. Die Bahnstrecke, auf der einst hoffnungsvolle Südsudanesen anreisten, wird seit Jahren nicht befahren, sie ist von Gras überwuchert. Die Gleise schlängeln sich durch den kleinen Ort Aweil. Entlang der Hauptstraße stehen die Skelette großer Reklametafeln, ohne Reklame. Denn es gibt kaum etwas zu bewerben im Südsudan. Eine Staubstraße führt zu Mols Heimatdorf Nyamlell. Die Piste ist mit Schlaglöchern übersät. Straßenschilder gibt es keine, nur die weißen Schilder von NGOs, auf denen steht, welche Organisation welches Projekt unterstützt, und wer dafür zahlt.
„Nyamlell“ bedeutet „Erde essen“, wie Anwohner erklären. Einst hielten hier arabische Sklaventreiber ihre afrikanischen Sklaven und mischten Erde in deren Essen, heißt es. Gekämpft wurde hier zwar im jüngsten Bürgerkrieg kaum, die Region hat aber schwer unter dem Konflikt gelitten. Die Menschen sind bitterarm. Sie leben weitgehend von dem, was sie selbst anbauen, etwa Sorghumhirse oder Erdnüsse. Kommt eine Dürre oder eine Überschwemmung oder müssen die Menschen fliehen, verlieren sie alles.
Die Regierung ist abwesend
So sind die meisten Südsudanesen abhängig von humanitären Helfern. Diese versorgen die Bürger mit Nahrungsmitteln, bauen Straßen, bezahlen Lehrer, verteilen Saatgut, geben finanzielle Unterstützung. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Südsudan, 7,5 Millionen Menschen, braucht laut Uno humanitäre Hilfe.
„So abwesend wie der Staat im Südsudan ist, ist er in kaum einem anderem Land“, sagt Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe. NGOs und die Vereinten Nationen springen ein, sie übernehmen oft Aufgaben der Regierung. „Wenn Hilfe kommt, kommt diese von der internationalen Gemeinschaft, nicht vom Staat.“ Doch mehr als Überlebenshilfe zu leisten sei extrem schwer. „Die Menschen haben so viel Flucht und Vertreibung erlebt, dass sie nicht mehr an eine sichere Zukunft glauben.“ Das Leben der Menschen verbessert sich nur sehr langsam.
Wie bei Thuch Aguot. Der Vater von sieben Kindern hat ein schweres Jahr hinter sich. Die jüngsten Überschwemmungen zerstörten seine komplette Ernte, erklärt er. Er musste zwei seiner fünf Kühe verkaufen, damit seine Familie etwas zu essen hat. Es gibt aber einen Lichtblick: Der 46–jährige Aguot hat von der Welthungerhilfe einen Pflug bekommen. Das Gerät, das in Europa seit Jahrhunderten in der Landwirtschaft benutzt wird, ist hier eine Innovation. Die wenigsten Bauern in der Region haben so ein Gerät.
In Northern Bahr el Ghazal erscheint der Staat nur in Form seiner Funktionäre. Der Gouverneur von Aweil, George Awad, begrüßt seine Gäste hinter einem hölzernen Schreibtisch, der überdimensioniert wirkt für den Raum. An der Wand hängt ein Foto von Präsident Kiir in seinem typischen schwarzen Cowboyhut. Awad sagt wenig, dafür redet sein Landwirtschaftsminister Joseph Garang Garang. Die nationale Regierung in Juba habe nicht die Kapazität, allen Bedürfnissen im Land nachzukommen, erklärt er. „Wenn es Frieden geben würde, könnte es die Regierung.“
Von ihrer Regierung fühlen sich viele Südsudanesen betrogen. Manche sagen es offen, andere hinter vorgehaltener Hand. Fast alle hatten einst etwas für die Unabhängigkeit geopfert. Entweder kämpften sie wie Luka Mol, oder versorgten die Rebellen, oder litten unter den Überfällen der arabischen Milizen, die hier in Northern Bahr el Ghazal, so nahe an der Grenze zum Sudan, besonders schlimm waren. Doch von der Unabhängigkeit profitiert haben die wenigsten. dpa