Internetattacken: Vor allem Frauen sind vom Hass betroffen

Wird im Netz beschimpft: Nicole Diekmann
ZDFDer Tweet einer Korrespondentin löst eine Welle von Hass im Netz aus. Wieder einmal ist eine Frau von den Anfeindungen betroffen. Die Behörden sind im Kampf dagegen oft keine große Hilfe.
Wie schnell es geht, im Internet Opfer von Drohungen und Hasstiraden zu werden, zeigt das neue Jahr eindrücklich. Die ZDF–Journalistin Nicole Diekmann twitterte am Abend des 1. Januars zwei Worte: Nazis raus. Die Meinungsäußerung sorgte für hellen Aufruhr auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Bis gestern wurde sie tausende Male weiterverbreitet und mehr als 700 Mal kommentiert, darunter auch mit vielen zustimmenden Worten. Ein großer Teil der Äußerungen liegt jedoch weit unter der Gürtellinie: Beschimpfungen, Morddrohungen und Vergewaltigungsaufrufe wurden über die Hauptstadtkorrespondentin ausgeschüttet. „Grünes Miststück…. Verpiss dich!“ fällt darunter noch in die harmlosere Kategorie.
Diekmann, die kontroversen Debatten auf Twitter nicht aus dem Weg geht, konterte die Anfeindungen in ironischem Ton. Auf die Frage eines Nutzers, wer für sie denn ein Nazi sei, antwortete sie: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“Sie zielte damit auf ein in der rechten Szene gebräuchliches Klischee ab, Journalisten im Allgemeinen und öffentlich–rechtliche Medien im Besonderen würden lediglich ein grünes und linkes Meinungsspektrum abbilden. Viele der Kommentatoren jedoch haben die Ironie in Diekmanns Tweet wohl absichtlich ignoriert: Die Nachricht wurde zigfach weiterverbreitet, der Shitstorm weitete sich aus.
Diekmanns Fall ist dabei beileibe kein einzelner. Eine aktuelle Umfrage von Amnesty International bestätigt den Eindruck, dass im Internet vor allem Frauen Opfer von Hassattacken werden: 1,1 Millionen beleidigende Tweets wurden 2017 alleine an 779 befragte Politikerinnen und Journalisten verschickt — durchschnittlich einer alle 30 Sekunden. In Deutschland sind Politikerinnen wie Sawsan Chebli (SPD) und Julia Schramm (Linke) immer wieder betroffen. Die Moderatorinnen Anja Reschke (NDR) und Dunja Hayali (ZDF) machen ihre Erfahrungen seit Jahren öffentlich. Im Sommer ergoss sich so viel Hetze über Fußballexpertin Claudia Neumann, dass das ZDF Strafanzeige stellte.
„Der Hass im Netz betrifft alle Geschlechter, aber er nimmt bei Frauen eine andere Facette an“, erklärt die Autorin Ingrid Brodnig, die ein Buch über das Thema geschrieben hat. „Wenn Frauen online beleidigt werden, dann geht es sehr schnell um das Körperliche, dann wird es erniedrigend, das Aussehen wird herabgewertet, man wird als Schlampe bezeichnet.“ Schnell kommen auch Bedrohungen dazu, bei Frauen meist mit Vergewaltigung, genau wie jetzt bei Nicole Diekmann. Dazu kommt laut dem Marburger Sozialpsychologen Ulrich Wagner „brutaler Sexismus“, der sich zur brutalen Sprache gesellt.
Dass der Hass im Netz jedoch nicht nur ausschließlich Frauen trifft, zeigt der Fall des Journalisten Richard Gutjahr. Gutjahr befand sich 2016 sowohl beim Amoklauf von München als auch beim Terroranschlag an der Strandpromenade von Nizza zufällig in der Nähe der Tatorte und berichtete von dort für die ARD. Kurz danach wurden er und seine Familie Ziel von Verschwörungstheoretikern. Zeitweise seien etwa 1200 Videos mit verleumderischem Inhalt über die Familie unter anderem auf der Videoplattform Youtube online gewesen, berichtet er. Der Tenor: Die Attentate habe es nicht gegeben, sie seien eine Regierungsverschwörung und Gutjahr ein Teil davon. Seine Familie gehöre gehängt, wurde auf Facebook gepostet und geliked.
So wundert es Gutjahr auch nicht, dass der Schüler, der jüngst persönliche Daten und Chatprotokolle über Politiker und Journalisten illegal veröffentlicht haben soll, ebenfalls aus diesem Milieu stammen soll: „Für mich ist Youtube ein größeres Problem als Facebook. Youtube ist die Petri–Schale für Hass–Kulturen, geradezu gemacht für Radikalisierungen jedweder Art. Vor allem der komplett unkontrollierte Kommentar–Bereich unter den Videos ist für mich Kloake des Internets. Nirgendwo werden mehr Hassverbrechen begangen als hier“, sagte er dieser Zeitung.
Sich gegen Hassverbrechen zu wehren ist dabei alles andere als leicht. In einem Blogeintrag schilderte Gutjahr eine regelrechte Odyssee im Kampf gegen Plattformen wie Youtube, die Inhalte nicht vom Netz nehmen wollen. Auch die Ermittlungsbehörden seien keine große Hilfe gewesen. „Mir sind Staatsanwälte und Richter begegnet, die meinten: Halb so wild, ist ja ‚nur im Internet‘“, berichtet er. Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, mit dem Plattformen verpflichtet werden sollen, Hasskommentare vom Netz zu nehmen, könne sich als kontraproduktiv erweisen, weil vorschnell gelöschte Beiträge nur noch schwer zur Anzeige gebracht werden können.
Seiner Kollegin Nicole Diekmann wünscht Gutjahr deswegen außer guten Freunden vor allem einen guten Anwalt. „Oft die einzige Sprache, die in diesen Tagen noch verstanden wird“, schreibt er auf Twitter. Bei ihm habe es geholfen: „Ich erstatte grundsätzlich Anzeige und schalte zusätzlich noch meinen Anwalt ein. Das hat sich rumgesprochen in der Szene. Seitdem ist es besser geworden.“
