Interview: Über das Verhältnis von Mensch zu Tier
Her Kinser,sind wir also in Sachen Artenvielfalt auf einem guten Weg?
Leider nicht. Es gibt einige wenige, dafür aber recht prominente, große Arten, die wiedergekommen sind. Wir haben aber Riesenverluste bei vielem, was eher klein ist. Bei Insekten, bei Feldvögeln und auch bei Pflanzen.
Der Eindruck, die Natur kehrt oder schlägt sogar zurück, der ist falsch?
Ja. Er ist durch die manchmal fast schon spektakuläre Rückkehr bestimmter Arten verzerrt. Insgesamt geht das Artensterben weiter.
Welche Rolle spielt der Naturschutz zum Beispiel für die Wiederkehr des Wolfes?
Kaum eine. Der Wolf konnte sich in Deutschland erst ausbreiten, als die DDR am Ende war und auch auf ostdeutschem Territorium die Jagd verboten wurde. Selbst bei Kranichen oder Seeadlern, deren Populationen enorm angewachsen sind, liegt das vor allem daran, dass sie mit unseren Kulturlandschaften gut zurechtkommen. Das gelingt aber nur wenigen Arten.
Wölfe sind von allein zurückgekommen, aber andere Arten wie Luchs und Biber wurden wieder angesiedelt. Ist das nicht auch ein Eingriff in die Natur? Möglicherweise ein bedenklicher?
Ob man Wildtiere aktiv ansiedelt oder nicht, muss sehr gut überlegt werden. Wir von der Deutschen Wildtier Stiftung glauben, dass man das bei nur sehr wenigen, ausgewählten Arten machen sollte. Beim Luchs war das in Ordnung, weil er sich nur sehr langsam in der Fläche ausbreitet. Wir machen noch eine zweite Ausnahme — und zwar beim Feldhamster. Er ist regional bereits komplett ausgestorben und gleichzeitig gibt es eine sehr erfolgreiche Zucht mit geeigneten Tieren.
In der Praxis gestaltet sich die Koexistenz von Mensch und Wildtier oft schwierig. Beispiel das Gamswild in Bayern. Warum werden diese friedfertigen Tiere oft als Problem angesehen?
Das hängt von der Brille ab, durch die man sieht. In Bayern ist es im Fall der Gämse die Brille der Forstwirtschaft. Statt erst einmal die faszinierende Tierart zu sehen, wird das Augenmerk auf Waldschäden gelegt.
Für besonders viel Aufregung sorgt der Wolf. Manche halten ihn als natürlichen Feind von Rehen oder auch Wildschweinen für nützlich. Andere meinen, Wölfe bedienen sich lieber auf Schafweiden — brauchen wir denn wirklich den Wolf?
Ich antworte mit einer Gegenfrage: Brauchen wir klassische Musik? Für ein imaginäres ökologisches Gleichgewicht brauchen wir den Wolf nicht. An einigen Stellen hilft er dabei, alte und kranke Tiere aus Populationen zu entfernen. Aber die Wölfe werden uns nicht ernsthaft dabei helfen, hohe Schalenwildpopulationen zu reduzieren. Aber neben der schon erwähnten Faszination für Wildtiere sollte es auch so etwas wie Demut geben, angesichts der Tatsache, dass da eine Wildtierart von allein zurückgekehrt ist.
Und was ist mit den gerissenen Schafen?
Das darf man natürlich nicht ignorieren. Mit dem Problem muss in Zukunft lösungsorientiert und unbürokratisch umgegangen werden. Fairerweise ist aber zu sagen, dass die Wölfe sich zu über 95 Prozent von Wildtieren ernähren und ganz natürlich bei uns leben.
Gerade wenn es um den Wolf geht, entsteht schnell ein Gefühl der Bedrohung. In der Regel ist das unbegründet. Warum ist es trotzdem da?
Das hat schon mit Geschichte, Märchen und Mythen zu tun. Und früher gab es eine ganz reale Basis für die Angst. Man muss sich vorstellen, im 17. und 18. Jahrhundert hatten wir auf unserem Territorium vermutlich deutlich weniger große Wildtiere als heute. Das führte dazu, dass Wölfe viel häufiger ungeschützte Nutztiere rissen. Die Menschen waren abhängiger von ihren Herden und die Ängste wurden überliefert.
Spielt nicht auch die mangelnde Erfahrung im Umgang mit Wildtieren eine Rolle?
Sicher. Vielfach wird zum Beispiel behauptet, die Wölfe hätten die Scheu vor den Menschen verloren. Das stimmt nicht. Allerdings sind vor allem junge Wölfe sehr neugierig. Das ist einer der Gründe warum aus dem Wolf der Hund domestiziert wurde.
Ist es möglicherweise eine Illusion in unserem zersiedelten Land mit Wäldern, die wirtschaftlich genutzt werden, auf die Dauer Wildtieridylle zu schaffen?
Unsere Wälder sind der Lebensraum für Wildtiere. Aber die Wälder werden auch forstwirtschaftlich und zur Erholung genutzt. Das alles lässt sich durchaus verbinden, wird aber leider oft ignoriert. In den südlichen Bundesländern gibt es beispielsweise die sogenannten „Rotwildbezirke“, in denen dieses Wild leben darf. In den anderen Landesteilen müssen die Tiere ausgerottet werden. In Baden–Württemberg auf96 Prozent der Landesfläche.
Obwohl es dort einen grünen Ministerpräsidenten gibt?
Das hat daran nichts geändert. Begründet wird diese gesetzlich festgelegte Ausrottung mit forstwirtschaftlichen Schäden. In Brandenburg, Niedersachsen und Mecklenburg–Vorpommern etwa gibt es diese Ausrottungs–Gesetze nicht. Dabei gibt dort durchaus eine erfolgreiche Forstwirtschaft.
Ihre Stiftung hat das Reh zum Tier des Jahres 2019 gemacht? Warum eigentlich?
Wieder eine Gegenfrage: Warum ist es das Reh nie davor gewesen? Das Reh ist mit Sicherheit das präsenteste Wildtier, das wir haben. Ein großartiges Tier, das zwar oft beobachtet wird, über das viele aber nur wenig wissen. Auch beim Reh gibt es übrigens Konflikte. Bei zu hohen Beständen leidet der Wald. Deswegen sind wir nicht gegen eine Bejagung.
Es gibt noch ein Problem bei Rehen: Jahr für Jahr geraten tausende Kitze in dieMähmaschinen bei der Grünlandmahd.
Ja. Und darauf wollen wir aufmerksam machen, obwohl wir uns üblicherweise um bedrohte Arten kümmern. Wer einmal ein Rehkitz gesehen hat, dessen Beine abgeschnitten wurden und das versucht aufzustehen, den lässt der Gedanke daran so schnell nicht los.
Was ist dagegen zu tun?
Es gibt technische Möglichkeiten, die Kitze zu suchen. Und man kann die Mahd verschieben. Das bedeutet aber erhebliche wirtschaftliche Ausfälle für die Landwirte, für die es einen Ausgleich geben muss.
Was zu der Frage führt, ob man den Umgang mit der Natur und den Schutz von Wildtieren gewissermaßen ökonomisieren kann?
Da wird es spannend. Wenn wir bei der Wiesenmahd bleiben: Von der sind auch sehr viele Vögel betroffen. Auch denen ist geholfen, wenn die Mahd verschoben wird. Wir sind der Meinung: Artenschutz muss zum Produktionsziel in der Landwirtschaft werden. Nur: Wenn die Landwirte damit Geld verdienen sollen, muss die EU entsprechende Vorgaben machen. Letztlich ist der größte Hebel für den Artenschutz in Brüssel zu suchen.