Joachim Trebbe: „Zum Tempolimit hat jeder eine Meinung“

Kennt sich aus mit emotionsgeladenen Debatten: Professor Joachim Trebbe von der FU Berlin
Bernhard WannenmacherFahrverbote, unpünktliche Bahn, Tempolimit: Derzeit wird sehr emotional über Mobilitätsthemen debattiert. Der Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler Professor Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin erklärt im Gespräch mit Dorothee Torebko, warum das so ist.
Herr Trebbe, warum ist die Debatte über verkehrspolitische Themen derzeit so präsent?
Es gibt Themen, die ein besonders hohes Zuspitzungspotenzial haben. Dazu gehören das Tempolimit oder die Fahrverbote. Man kann gut darüber streiten, denn man kann die Frage nach ihnen mit Ja oder Nein beantworten. Jeder hat eine Meinung dazu.
Ist gerade das Auto ein mit Emotionen aufgeladenes Thema?
Ja. Das Auto geht traditionellerweise jeden etwas an. Obwohl viele Verkehrsexperten das Ende des Individualverkehrs voraussagen, ist das Auto nicht auf dem Rückzug. Im Gegenteil steigt die Zahl der Fahrzeuge genauso wie die Zahl der Pendler. Deshalb ist alles, was die Einschränkungen beim Auto berührt, ein sensibles Thema.
Vor wenigen Monaten noch wurde viel mehr über Flüchtlinge diskutiert. Haben die Mobilitätsthemen die Migrationsdebatte abgelöst?
Nein. In den Themenfeldern wird anders diskutiert. Das Migrationsthema ist nicht so leicht zuzuspitzen wie etwa das Tempolimit. Die Migrationsdebatte ist kompliziert. Die wenigsten antworten auf die Frage „Bist du für Migranten?“ mit ja oder nein. Einzig die AfD spitzt das Thema zu – und das ist auch ein Teil ihres Erfolgs. Meist kommen ganz viele Aber. Zum Auto hat jeder eine Meinung und traut sich auch, die zu sagen. Selbst wenn er gar kein Auto fährt, sondern die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt.
Man hat bei den Debatten der Politiker den Eindruck, dass sich jeder schnell beleidigt fühlt und zu harten Worten greift. Ist unsere Gesellschaft sensibler geworden? Wurde früher weniger gefühlsintensiv diskutiert?
Bei diesen Pro-Contra-Themen ging es immer schon emotional zu. Das Tempolimit, die Gurtpflicht und Promillegrenze kommen in regelmäßigen Abständen immer wieder. Insgesamt ist der Ton aber eskaliert und wesentlich emotionaler geworden. Das hat mit den sozialen Netzwerken zu tun. Früher gab es Leserbriefe und Anrufe, da wurde eine gewisse Form und Distanz gewahrt. Es gab nicht diese Hass-Themen. Das hat sich seit Twitter und Facebook geändert.
In den 70er-Jahren wurde der Satz „Freie Fahrt für freie Bürger“ geprägt. Ist diese Freiheitsliebe, was das Auto angeht, typisch deutsch?
Ja. In Frankreich oder England ist das Tempolimit kein so großes Thema. Für Deutsche waren Autobahnen gepaart mit der Ingenieurskunst schon immer mit Stolz verbunden. Dahinter steckt die Idee: In Deutschland werden nicht nur schnelle Autos entwickelt, hier kann man auch schnell fahren. Schneller als in anderen Ländern, wo es Beschränkungen auf den Autobahnen gibt. Bei manchen Themen wie der Grenzwertdebatte spielt auch EU-Kritik mit rein. Im Sinne von: Von denen da oben lassen wir uns in Deutschland nichts vorschreiben.
