Keine Kandidatur
: Sahra Wagenknecht: Größerer Abstand vom Lagerfeuer

Langweilig wird es mit Sahra Wagenknecht nicht. Die Ausnahmepolitikerin hält vor allem die eigenen Leute in Atem.
Von
André Bochow
Berlin
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Sieht wie Abschied aus: Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linkspartei und Ikone der "Aufstehen"-Bewegung will künftig ohne Ämter Politik machen.

dpa/Britta Pedersen

Zwei Monate lang hat man von Sahra Wagenknecht fast nichts gehört. Sie war nicht einmal auf dem Europaparteitag in Bonn. Wagenknecht hatte sich krank gemeldet. Was Spekulationen auslöste. Vieles wurde vermutet. Doch noch bevor ein Sprecher der Bundestagsfraktion erklären konnte, „Frau Wagenknecht“ sei „wieder völlig gesund“, hatte die berühmteste deutsche Linke mit einem Medienauftritt für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt.

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeit“ verkündete sie ihren Rückzug aus der Spitze der von ihr maßgeblich mit geschaffenen Bewegung „Aufstehen“. Und kaum hatten deren Mitglieder Luft geholt, langte Wagenknecht wieder hin und erklärte, sie werde nicht mehr für den Vorsitz der linken Bundestagsfraktion kandidieren. Selbst enge Vertraute waren zuvor ahnungslos.

„Ja, ich wurde von Sahras Ankündigung überrascht“, sagt Sabrina Hofmann. Die Düsseldorfer Lehrerin gehört seit dem 15. Januar dem vorläufigen Vorstand von „Aufstehen“ an. So wie Wagenknecht bislang. Auch eine Sprecherin von „Aufstehen“ muss zugeben, ahnungslos gewesen zu sein. „Im Nachhinein kann man immer darüber spekulieren, was man hätte besser machen können. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, die Situation zu klären.“ Sabrina Hofmann hätte gern so etwas wie ein koordiniertes Vorgehen erlebt. „Es wäre sicher hilfreich gewesen, wenn sie uns vorher informiert hätte. Grundsätzlich aber war klar, dass die Bewegung an die Basis übergehen werden soll – dies war immer unser Ziel.“

Grundsätzlich. Als Ziel. Aber jetzt schon? „Mir ist noch nicht ganz klar, was Sahra damit meint, wenn sie einerseits sagt, die ehrenamtlichen Strukturen könnten offenbar nicht alles leisten, was wir uns vorgenommen haben, und andererseits soll die Führungsarbeit der Basis übergeben werden.“

Sahra Wagenknecht selbst bestreitet nicht, dass es nicht nur strukturelle Gründe für ihren Rückzug aus der „Aufstehen“-Führung gibt. Auch die zweimonatige Krankheit habe ihre Entscheidung beeinflusst. „Die gesundheitlichen Probleme waren eine direkte Folge des extremen Stresses, den ich in den letzten Jahren hatte“, erklärt sie im wöchentlichen Newsletter von „Team Sahra“. „Ich muss in Zukunft mein Arbeitspensum etwas anpassen und eine neue Balance finden.“

Wird Sahra Wagenknecht in Zukunft also nur noch ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen? Bücher schreiben, Bücher lesen, Vorträge halten und in Talkshows auftreten? Es sieht ganz so aus. Wagenknecht war schon immer vor allem eines: Individualistin. In der DDR bescheinigten man dem Einzelkind: „Nicht kollektivfähig.“ Und sie selbst erzählt immer wieder, wie genervt sie von Ritualen und vom Gruppenzwang war. „Lagerfeuer war nicht meins. Ich wollte lieber meine Ruhe.“

Sie hat sich oft das Gegenteil von Ruhe eingehandelt. In der PDS war sie lange Zeit die Ikone der Kommunistischen Plattform. Aber gerade Wagenknechts Umgang mit der Plattform zeigt auch ihre Wandlungsfähigkeit. Ohne sich je von den Links–Orthodoxen zu distanzieren, wuchs sie allmählich aus diesem ideologisch einzementierten Kreis heraus. So wie jetzt aus der „Aufstehen“-Bewegung? Deren Sprecherin schüttelt energisch den Kopf. „Das kann man nicht miteinander vergleichen. Sahra Wagenknecht ist sich auf jeden Fall der Verantwortung für ‚Aufstehen‘ sehr bewusst und wird dieser auch Rechnung tragen.“

Katja Kipping, die Parteivorsitzende und Wagenknecht in inniglicher Feindschaft verbunden, verkneift sich jeden Triumph. „Ich freue mich, dass Partei und Fraktion nun gemeinsam und geschlossen in den Europawahlkampf ziehen“, sagt sie trocken.