Klimawandel: Und wieder stirbt der Wald

Kleiner Käfer, große Wirkung: Vom Borkenkäfer zerstörte Fichten im Harz. Viele Wissenschaftler sehen die Zukunft der Fichte nur noch oberhalb von 800 Metern.
Swen Pförtner/dpaDer Killer des Waldes kommt nicht mehr als saurer Regen von oben. Er kommt von unten angekrabbelt und feiert Fressorgien. Kranke Bäume senden Signale aus, die der forstschädigende Borkenkäfer mit feinem Gespür aufnimmt. Die Larven des „Buchdrucker“ und des „Kupferstecher“ mästen sich an den saftführenden Schichten der Fichte. Der „große“ und der „kleine Waldgärtner“ nehmen sich die Kiefer vor. Andere Borkenkäfer sind für weitere Baumarten zuständig.
Die Käfer vernichten die Rinden, der Baum vertrocknet und stirbt ab. Irgendwann stürzt er um und liegt neben dem sogenannten Schadholz, das zuvor von einem der immer häufiger werdenden Stürme „produziert“ wurde. 2018 schlug der Orkan „Friederike“ regelrechte Schneisen in die Fichtenbestände. In den Holztrümmern vermehrte sich der Borkenkäfer dann besonders schnell. Gesunde Bäume können sich wehren. Sie setzen Harz gegen die gefräßigen Krabbeltiere ein. Normalerweise. Doch wegen der Trockenheit können die Bäume nicht genügend von der zähen Flüssigkeit bilden. Sie sind wehrlos. So werden in kürzester Zeit ganze Wälder befallen.
Wieder in den Schlagzeilen
Und wieder taucht das Wort "Waldsterben“ in den Schlagzeilen auf. Ursache für die Angst davor: Der Klimawandel und dadurch auftauchende heißere Sommer. Der „gefährdet sowohl einzelne Baumarten als auch ganze Waldökosysteme“, teilt die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen mit. Allerdings sieht man im zuständigen Landwirtschaftsministerium die steigenden Temperaturen nur als einen „von mehreren Stressfaktoren für den Wald“. Welche die anderen sind, bleibt nebulös. Und wenn es um die Folgen für den Wald bei einer globalen Temperaturerhöhung um zwei Grad geht, hat die Regierung wenig mitzuteilen. „Die sich unter neuen Klimabedingungen entwickelnden Standorte und Konkurrenzbeziehungen sind derzeit nicht abschätzbar“, heißt es über die Zukunft des Waldes.
Andere werden deutlicher. „Forscher gehen davon aus, dass sich die Fichten unterhalb von 800 Metern nicht mehr halten können“, sagt Hans-Georg von der Marwitz, Präsident des Waldbesitzerverbandes AGDW. Der Verband vertritt etwa zwei Millionen Mitglieder, die häufig kleine oder kleinste Waldflächen besitzen. Besonders prekär ist die Lage für die, die vom Wald leben und auf Fichtenholz gesetzt haben. „26 Prozent der deutschen Wälder bestehen aus Fichte“, sagt der Verbandspräsident, der auch CDU-Bundestagsabgeordneter ist. „Aber 90 Prozent der Erträge stammen von der Verarbeitung dieses Baumes. Und vom Wald leben in Deutschland mindestens so viele Menschen wie in der Autoindustrie arbeiten."Wie immer sich die Beschäftigtenzahlen im Automobilbereich entwickeln, die im Forstbereich könnten dramatisch sinken. Wissenschaftler vermeiden allerdings den Begriff „Waldsterben“ und sprechen eher vom „Baumsterben“. Auch weil unter den sterbenden Bäumen die nächste Generation nachwachse. Manchmal. Trotzdem: In einer von der Berliner Humboldt-Universität und der Universität für Bodenkultur in Wien erstellten Studie zeigen die Forscher auf, dass sich die Sterberate in den Wäldern Deutschlands, Österreichs, Polens, Tschechiens, der Slowakei und der Schweiz in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt hat. Das aktuelle Baumsterben übersteige das in den 1980er-Jahren deutlich. „Die Schäden im Wald waren tatsächlich noch nie so groß“, sagt auch der Forstwissenschaftler Ulrich Dohle. Im Interview mit der „Tageszeitung“ wehrt er sich allerdings gegen den Begriff Waldsterben. Das klinge zu sehr nach kurzfristigem Horrorszenario. Es handele sich um eine langfristige Entwicklung.
Der Waldbesitzerpräsident von der Marwitz sieht die Rettung der Wälder als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Schadholz müsse jetzt aus dem Wald und zwar schnell. Dafür verlangt sein Verband staatliche Unterstützung, weil die Bergungskosten enorm sind und der Holzpreis längst ins Bodenlose gerutscht ist. Aber: „Das Schadholz muss aus dem Wald, egal wie.“ Ein nicht unwesentliches Problem dabei: Es fehlen Transportkapazitäten. „Dafür wären die Länder zuständig. Bislang ziehen nicht alle mit.“ Die Lösung, so sieht es auch die Bundesregierung, liege im Waldumbau. Mischwälder anstelle von Monokulturen. Fichte und Kiefer könnten durch „Einwanderer“ wie Douglasie, Roteiche oder Japanische Lerche ersetzt werden. Auch Züchtungen resistenter Arten sind wichtig. Die Grünen wollen unter anderem dafür Milliarden in einen Klimafonds stecken.
Doch das Landwirtschaftsministerium warnt vor der Erwartung schneller Erfolge. Wirtschaftswälder hätten „in Deutschland Produktionszyklen von zum Teil 100 bis 120 Jahren“. Und im schönsten Amtsdeutsch: „Aufgrund der natürlichen Wachstumsdynamik der Wälder sind die Möglichkeiten zur Beschleunigung des Waldumbaus begrenzt.“ So wird der Borkenkäfer noch lange sein Unwesen treiben können. Auch weil in Deutschland 10 000 Forstarbeiter fehlen. Und weil der Abtransport des Schadholzes zu teuer für viele Waldbesitzer ist.
Viele wollen, dass der Wald auch als Wasserspeicher, als Naherholungsgebiet und vor allem wegen des Einflusses auf die CO2-Bilanz einen ökonomischen Wert bekommt. Hans von der Marwitz will für Waldbesitzer ein CO2-Zertifikat, mit dem sie handeln können. So stünde „Geld für die Beseitigung von Schäden und für Aufforstung“ zur Verfügung. Ohne den Wald seien die Klima-Ziele nicht zu erreichen.
48 Prozent in der Hand privater Eigentümer
Von den 11,4 Millionen Hektar Wald sind in Deutschland rund 48 Prozent in der Hand von privaten Eigentümern. 19 Prozent gehören Körperschaften – also etwa Kirchen und Kommunen. Der Rest ist Eigentum von Bund und Ländern. Nur 1,9 Prozent der Wälder werden nicht bewirtschaftet.
Vom "Waldsterben" war seit dem Beginn der 1980er-Jahre die Rede. Als Folge der Umweltverschmutzung wurden vor allem in den Mittelgebirgen die Kronen der Nadelbäume licht. 1983 beschloss die schwarz-gelbe Bundesregierung Gegenmaßnahmen. Entschwefelungsanlagen und Katalysatoren für die Autos führten zur Reduzierung der Schwefelemissionen um 90 Prozent. Weil der Wald dann doch nicht starb, wurde das "Waldsterben" zum Synonym für Umwelthysterie und die Ängste der Deutschen. In Frankreich spricht man daher auch vom "Le Waldsterben".⇥abo