Leitartikel: zur Krise der Marktwirtschaft - Der perfekte Sturm

Guido Bohsem
Thomas Koehler/photothek.netDoch es sind nicht die Kreditinstitute alleine. Niemand sollte vergessen, dass Corona zu einem Zeitpunkt zugeschlagen hat, an dem sich beinahe die gesamte deutsche Wirtschaft in Problemen befunden hat, zumindest aber die Giganten Autobranche und Maschinenbau. Und als ob das alles nicht genug wäre, kommt beim digitalen Hoffnungsträger Wirecard einer der größten Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik ans Licht. Das Vertrauen in die Marktwirtschaft dürfte jedenfalls erst einmal Schaden nehmen.
Schwer zu sagen, was im Fall Wirecard fataler wirkt: Erstens die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Vorstände ihre Anleger, Kunden und Investoren über Jahre hinweg betrogen haben? Oder, zweitens, das erneute Versagen einer der vier größten Wirtschaftsprüfer-Firmen, die ihr „Ok“ gaben, ohne sich um die Details zu kümmern. Oder ist es, drittens, vielleicht die erschütternde Einsicht, dass sich die staatliche Finanzaufsicht lieber mit einem deutschen Dax-Unternehmen verbündet, statt kritischen Presseberichten über das Unternehmen nachzugehen? Jeder Punkt für sich alleine wäre schon bestürzend, die Kombination birgt zerstörerisches Potenzial und wirft ernste Fragen zur Zukunft der Marktwirtschaft auf.
Befristete Hilfen und beherzte Reformen, beides ist notwendig, um das Vertrauen in die Marktwirtschaft zu erhalten. Es ist dabei paradoxerweise der Staat – zugleich Auslöser (wenn auch nicht Verursacher) der Corona-Wirtschaftskrise –, dem diese zentrale Aufgabe zukommt. Der Einstieg bei der Lufthansa, die umfangreichen Unternehmenshilfen und das Konjunkturpaket zeigen deutlich, dass die große Koalition der drei Staatsparteien CDU, CSU und SPD sich dieser Aufgabe annimmt, sie geradezu annehmen möchte. Hier kommt es darauf an, den Staat beizeiten zu erinnern, sich auch wieder aus der Wirtschaft zurückzuziehen. Im Fall der Commerzbank hat er das nach einem Jahrzehnt noch nicht geschafft.
Die bislang im Fall Wirecard angekündigten Reformen reichen jedoch nicht aus, um Vertrauen der Anleger in den Finanzmarkt Deutschland wieder herzustellen. Tatsächlich war die viel gescholtene und nun zur Reform anstehende Bafin ja nur ein Teil des Problems. Viel dringender scheint es, den Kontrolleuren der Wirtschaftsprüfer endlich ein paar Instrumente (bei derzeit 15 Mitarbeitern auch mehr Leute) zu geben, mit der sie das Milliarden-Geschäft der Wirtschaftsprüfer besser kontrollieren können.
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