Frau Neubauer, überwiegt bei Ihnen als Aktivistin Wut oder Zynismus angesichts der Klimapolitik der Bundesregierung?
Ich bin zu jung für Zynismus. Wut ist aber auch nicht der richtige Begriff. Es ist eher eine überwältigende Irritation, dass das jetzt deren Ernst sein soll. Dabei könnten die Bedingungen nicht besser sein, es kommt enorm viel Druck aus der Gesellschaft. Doch statt zu handeln, wird effektiver Klimaschutz auch noch blockiert.
Es gibt eine große Angst, die Menschen, vor allem im Osten, mit dem Strukturwandel zu überfordern. In der Lausitz etwa haben viele das Gefühl, dass sie die Kohlekraftwerke abschalten und auf Wohlstand verzichten müssen, während die Kraftwerke anderswo weiterlaufen dürfen.
Wenn Sie mit Wohlstand einen lokalen Arbeitsplatz und eine funktionierende Infrastruktur meinen, ist das erst mal keine klimapolitische Frage, sondern eine struktur- und kommunalpolitische. Natürlich muss man die Regionen stärker entwickeln. Für die Menschen vor Ort ist das eine Herausforderung, die man nicht kleinreden kann. Nur sollte man sie nicht gegen das Klima ausspielen.
Ist eine sozial-ökologische Marktwirtschaft die Lösung, grünes Wachstum sozusagen?
Mir ist völlig gleich, wie wir das nennen, ob grünes Wachstum oder Postwachstum oder wie auch immer. Die Frage ist, mit welchem Leben wir das füllen. Wenn es um die Vermehrung von Glück, Seeligkeit, Bildung, Gesundheit und Gleichberechtigung geht, ist das großartig. Wenn wir Wachstum aber als kopfloses Verschleudern endlicher Ressourcen auf Kosten von Natur, Menschenrechten, Gesundheit und Artenvielfalt interpretieren, dann nein, danke.
Ist das nicht eine sehr eurozentristische Ansicht? Andere Länder müssen materiellen Wohlstand erst noch erwirtschaften.
Natürlich. Ich rede von Deutschland und nicht der Welt. Wenn wir sagen: Ja, andere Menschen sollen auch noch materiellen Wohlstand erleben können, wird das nur funktionieren, wenn wir anfangen, Wachstum neu zu interpretieren.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat kürzlich gesagt, er habe manchmal panische Gefühle angesichts der Klimakrise. Kennen Sie solche Gefühle?
Klar. Das ist das Natürlichste, das passieren kann, wenn man sich ernsthaft mit der Wissenschaft auseinandersetzt.
Angst ist kein guter Ratgeber, heißt es.
Ja, das kann man so sagen. Das kann man aber auch nur sagen, wenn man sich nicht ausreichend mit den Fakten auseinandergesetzt hat. Die sind schlimmer, als man sich vorstellen kann. Ich habe Wissenschaftler erlebt, die geweint haben, während sie erzählten, dass sie die Klimakrise jetzt seit 30 Jahren erforschen und nie geglaubt hätten, dass es so weit kommen würde. Auf einmal sind die Kipp-Punkte, an denen die Klimakatastrophe nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, in greifbarer Nähe. Deswegen erlebe ich solche Momente auch. Keiner spricht aber davon, in genau diesen Momenten große Entscheidungen zu treffen.
Was macht Ihnen mehr Angst: Der auftauende Permafrost oder der Rechtsruck in der Gesellschaft?
Es sind unterschiedliche Arten der Beklemmung. Die Klimakrise wird jede Sekunde angeheizt und könnte bald die ­angesprochenen Kipp-Punkte erreichen. Den Rechtsruck können wir als Gesellschaft überwinden. Natürlich ängstigt er mich aber auch. Ich habe Todesdrohungen bekommen und erlebe deswegen eine ganz persönliche Furcht.
Was hat sich für Sie seit den Morddrohungen verändert?
Ich bin weniger allein unterwegs. Das Paradoxe an Morddrohungen aber ist: Sobald Du auf Todeslisten stehst, kannst Du nicht aufhören das zu tun, was Du tust. Sonst würdest Du den Leuten Recht geben, die diese Listen in die Welt setzen.
Sie sind sehr jung. Raten Ihnen Ihre Eltern nicht, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?
Meine Mutter unterstützt mich in dem, was ich mache. Sie wäre aber die erste, die sich freuen würde, wenn ich wieder mehr Schlaf und weniger Drohungen bekommen würde. Oder die Möglichkeit hätte, dieses sorgenfreie Leben zu leben, das man in den 20ern angeblich führt.
Was würden Sie anders machen, wenn Sie nicht Vollzeitaktivistin geworden wären?
Mich intensiver um mein Studium kümmern. Ich wollte eigentlich immer einen  Master im Ausland machen, das wird erst mal nichts. Alles kommt momentan zu kurz, meine Geschwister sehe ich zum Beispiel nur noch selten. Ich habe mich immer für Entwicklungszusammenarbeit und Feminismus eingesetzt und war Jugendleiterin in meiner Kirchengemeinde in Hamburg.
Sind Sie gläubig?
Das habe ich für mich noch nicht ganz herausgefunden. Aber ich habe erlebt, wie viel die  Kirchengemeinde in meinem Stadtteil getan hat. Iserbrook war, als ich noch sehr klein war, ziemlich rau, ich durfte zum Beispiel nicht alleine zum Bahnhof. Die Kirche dort hat sich gekümmert und Jugendliche eingebunden, wir konnten tolle Sachen machen. Der Kirchturm an meiner Kirche hat inzwischen eine Kletterwand, wie cool ist das denn?
Sie lehnen Interviews gerne mit dem Verweis ab, es gebe außer Ihnen noch viele andere kluge Leute bei Fridays for Future. Haben Sie viele Neider?
Dass alles, was wir machen, auch zwischenmenschliche Konflikte mit sich bringt, steht außer Frage. Ich selbst finde es sehr problematisch, dass zu wenige von uns sichtbar sind. Aber es widerspricht der Medienlogik, die gerne eine Person in den Mittelpunkt stellt. Zuletzt aber hat es vieles entspannt, dass ich zusätzlich mit dem Buch beschäftigt war. Andere Aktivisten sind stärker in den Mittelpunkt gerückt.
Vor allem Aktivistinnen. Egal ob Greta Thunberg, Sie, Carola Rackete, oder die US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez – warum sind die Protagonistinnen der progressiven Gegenbewegung alle weiblich?
Wir leben in einer patriarchalen Welt, in der Frauen unterrepräsentiert sind. Wären die Bedingungen anders, wäre es völlig normal, dass junge Frauen laut werden. Hinzu kommt: Eine Frau inspiriert die andere. Als ich klein war, wollte ich immer Lehrerin werden, weil ich außer Lehrerinnen sehr wenige tolle, berufstätige Frauen kannte. Aber auf einmal sehen junge Frauen andere junge Frauen, die wie sie sind und laut werden. Es wurde höchste Zeit.
Wer hat Sie inspiriert?
Greta in ihrer Beharrlichkeit. Das Charisma von Michelle Obama. Im Widerständlerischen meine Großmutter, meine Schwester, meine Mutter. Viele Menschen aus meinem direkten Umfeld, darunter natürlich auch ab und zu Männer.
Was macht Ihre Verwandten "widerständlerisch"?
Mein Urgroßvater ist im KZ gestorben, da erfährt man, was Widerstand bedeutet. Als meine Grundschule geschlossen werden sollte, hat meine Mutter Protest organisiert und die Kreuzung bei uns in Iserbrook blockiert. Die Schule ist geblieben, obwohl "die Politik" gesagt hatte, dass das nicht geht. Das hat mir retrospektiv früh das Gefühl der Selbstwirksamkeit gegeben.
Sie sind in einen Shitstorm geraten, weil Sie Bilder von sich auf Flugreisen in sozialen Medien gepostet haben. Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?
Dass Bilder sehr mächtig sind und alte Menschen kein Instagram verstehen. Nur weil fünf Bilder einer Indonesienreise zu sehen sind, heißt das nicht, dass ich fünfmal in Indonesien war. Aber das ist mir fast schon egal, es ist draußen, und die Leute sollen sich denken, was sie wollen. Ich bin deutlich weniger  Langstrecken geflogen, als viele wohl denken, und wenn, dann in den meisten Fällen, weil ich bei sozialen Projekten mitgearbeitet habe. Mit meiner Kirchengemeinde etwa war ich in Tansania. Das sind alles Dinge, die mich geprägt und befähigt haben, das zu machen, was ich heute mache. Ich fände es mir und meiner Vergangenheit gegenüber respektlos zu sagen, das sei ein Fehler gewesen. Dass Fliegen eine kritische Geschichte ist und bleibt, die wann immer es möglich ist, vermieden werden sollte, finde ich allerdings auch.
Ist das nicht das Dilemma der "Flugscham": Reisen schädigt zwar das Klima, trägt aber zur Charakterbildung bei?
Wir werden in meinen Augen immer international fliegen. Die Frage ist, wie häufig wir das tun und wie klimafreundlich. Ich glaube, vom Freizeitfliegen werden wir uns aber tatsächlich verabschieden müssen. Langfristig könnte man es durch bequemere Methoden, etwa ein voll ausgebildetes Eisenbahnnetz, ersetzen. Gleichzeitig steht die Flugfrage aber in einem Kontext größerer Fragen, etwa: Wie lange werden wir alle noch so viel Fleisch essen? Oder Kohle verbrennen? Das steht in der Prioritätenliste viel weiter oben als das Fliegen.
Wo schränken Sie sich selbst ein?
Was das Fliegen angeht, bin ich sensibler geworden. Seit einem Jahr habe ich kein Flugzeug mehr betreten und habe es erst mal auch nicht vor. Ich ernähre mich vegetarisch, bilde mir aber nichts darauf ein. Es ist natürlich super, wenn man statt Cappuccino einen Sojadrink bestellt. Es ist aber auch ein Privileg, tragischerweise. Viel wichtiger ist es, strukturelle, politische Veränderungen zu erwirken. Entscheidend ist, dass wir jetzt die Kohlekraftwerke abschalten, Mobilität neu denken und die Agrarwende initiieren.

Aktivistin, Talkshow-Gast und Buchautorin

Seit vergangenem Winter ist die gebürtige Hamburgerin Luisa Neubauer (23) eine der Hauptorganisatorinnen der Klima-Schulstreiks. Inzwischen legt sie sich regelmäßig in Talkshows, auf Podien oder im Internet mit deutschen Politikern an. Als das wohl prominenteste Mitglied der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung traf sie bereits den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und den Ex-US-Präsidenten Barack Obama. Sie ist Mitglied der Grünen und hat mit Co-Autor Alexander Repenning das Buch "Vom Ende der Klimakrise" geschrieben, das soeben erschienen ist. Die Geografie-Studentin lebt in Göttingen und Berlin.