Menschen, die angesichts der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan evakuiert werden, sollen nach dem Willen der Bundesregierung auch nach Deutschland weiterreisen dürfen. Das versicherte eine Sprecherin von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Montag in Berlin. Seehofer hatte am Freitag erklärt, Visa könnten auch erst nach der Einreise nach Deutschland erteilt werden. Auf Nachfrage, warum diese Ankündigung nicht eher erfolgt sei, sagte sie, Seehofer habe in den vergangenen Wochen immer wieder deutlich gemacht, dass er alles für die Ausreise von Ortskräften tun werde.
Die Bundeswehr setzt Maschinen vom Typ A400M ein, um Menschen außer Landes zu bringen. Sie sollen in den nächsten Tagen zentraler Bestandteil einer „Luftbrücke“ sein, über die neben den Botschaftsmitarbeitern auch andere deutsche Staatsbürger sowie Ortskräfte, die für die Bundeswehr oder Bundesministerien in Afghanistan gearbeitet haben oder noch arbeiten, nach Deutschland kommen. Die Flugzeuge bringen Betroffene aus Afghanistan zunächst nach Taschkent im Nachbarland Usbekistan, von dort geht es mit zivilen Maschinen weiter nach Deutschland.
„Unser Ziel ist es, möglichst schnell und möglichst viele zu Schützende nach Deutschland zu bringen“, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts wollte keine Prognosen abgeben, wie lange eine solche Operation dauern könne. „So lange es möglich sein wird, solange die Umstände es irgendwie erlauben, werden wir alles daran setzen, diesen Menschen zu helfen.“ Er sagte auch, man sei im Kontakt mit internationalen Hilfsorganisationen und den Vereinten Nationen, um die Hilfe zur Versorgung afghanischer Flüchtlinge in den Nachbarländern Iran und Pakistan schnell substanziell ausbauen zu können.

Kritik an Maas: Evakuierung zu zögerlich

Vorwürfe von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) vom Samstag, wonach Außenminister Heiko Maas (SPD) bei der Evakuierung von Ortskräften über Monate hinweg zu zögerlich gewesen sei, wies der Außenamts-Sprecher zurück. „Ich sehe dafür überhaupt keine Grundlage“, sagte er. Insbesondere sein Haus und das Verteidigungsministerium arbeiteten intensiv zusammen, was auch dessen Sprecher bestätigte.
Die Bundesregierung bestätigte, dass sie Kontakte zu den Taliban hat, wollte sich aber nicht zu Details äußern. „Ich gehe davon aus, dass wir die Gesprächskontakte, über die wir verfügen, natürlich auch in der jetzigen Situation nutzen“, sagte der Außenamtssprecher.
Regierungssprecher Steffen Seibert beschrieb zu führende Gespräche mit den Taliban eher als ein längerfristiges Projekt, das auf internationaler Ebene zu verfolgen sei. „Über die längerfristige Strategie gegenüber den Taliban wird sicherlich international innerhalb der Staatengemeinschaft zu beraten sein. Also: Welche Form des Dialogs kann es geben? Ist punktuelle Zusammenarbeit im Interesse der Menschen denkbar? Ist sie überhaupt denkbar? Und wenn ja: Unter welchen Bedingungen? Das muss sicherlich international beredet werden“, sagte er. „Aber es muss auch klar sein: Wir machen uns keine Illusionen über die Taliban und das Wesen ihrer Bewegung. Es darf ja nicht vergessen werden, welchen unbarmherzigen Terror die Taliban in den vergangenen 20 Jahren gegen die eigene Bevölkerung, gegen die eigenen Landsleute ausgeübt haben.“