Mobilität: Die Bahn ist besser als ihr Ruf

Zwei Männer gehen am Bahnhof Hannover Messe/Laatzen an einem ICE vorbei.
Moritz Frankenberg/dpaVerspätungen? Normal. Zugausfälle? Hat jeder schon erlebt. Kaputte Toiletten? Beine zusammenkneifen. Hier ist die Rede — na klar — von der Deutschen Bahn. Die Bilanz für 2018 ist mittelprächtig: Der Gewinn ist um 30 Prozent gesunken, und der Staatskonzern wird weiter Schulden machen. Gründe, über das Unternehmen zu meckern, gibt es ohnehin genug. Doch ist das allgemeine Bahn–Bashing wirklich gerechtfertigt? Wir haben uns gängige Vorurteile gegenüber der Bahn angesehen. Hier sind die Ergebnisse:
Die Bahn wird von Jahr zu Jahr unpünktlicher Diese Behauptung ist falsch. Richtig ist: Die Pünktlichkeitswerte der Bahn stagnieren. Betrachtet man einen Zeitraum von zehn Jahren, so bewegen sich die Werte für den Fernverkehr von 81,2 Prozent in 2009 als pünktlichstem Jahr bis hin zum Tiefpunkt 2010 mit 72,4 Prozent. Eine Bahn gilt als unpünktlich, wenn sie mit über sechs Minuten Verspätung in den Bahnhof einrollt. In den ersten zwei Monaten dieses Jahres zeigt sich ein Aufwärtstrend: Die Pünktlichkeit hat sich von 76,3 Prozent auf 80,0 Prozent gesteigert.
Das Problem dieser Statistik: Sie sagt nichts darüber aus, ob ein Passagier pünktlich am Endziel war. Denn selbst, wenn ein Zug nur fünf Minuten Verspätung hat, kann gegebenenfalls der Anschlusszug nicht erreicht werden.
Aufschluss gibt eine andere Pünktlichkeitserfassung. Neuerdings ermittelt die Bahn nämlich die gesamte Reisezeit. Da sieht der Wert schon ganz anders aus: Passagiere kamen etwa im Februar zu 91,6 Prozent mit weniger als 15 Minuten Verspätung an ihrem Zielort an. Vergleicht man das mit den Stauzeiten, die Pendler täglich im Auto verschwenden, ist das gar nicht schlecht.
Der Großteil der Fernzüge ist kaputt Weniger als 25 Prozent der ICE–Züge sind funktionsfähig, ja. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht fahren können. Nicht funktionsfähig bedeutet, dass ein Teil des Zugs kaputt ist. Das kann ein Toilette, der Motor oder auch nur das Polster eines Sessels sein. Die Bahnen kommen, weil viele von ihnen defekt sind, erst spät in die Werkstatt. Die Reparaturzeit ist knapp. Die Techniker reparieren folglich nur das, was sicherheitsrelevant ist, und schicken die Züge auch mit defekter Toilette wieder auf die Schiene. Hier steuert die Bahn entgegen: Sie stellt massiv Personal ein. Insgesamt 22 000 neue Mitarbeiter sollen in diesem Jahr dafür sorgen, dass ein Großteil der Fernzüge wieder einwandfrei fahren kann. Denn viele von ihnen sollen zur Wartung in den Werkstätten eingesetzt werden.
Die Deutsche Bahn kriegt es nicht hin, W–Lan zur Verfügung zu stellen Diese Behauptung ist falsch: In den ICE–Zügen gibt es kostenloses W–Lan schon seit dem Jahr 2017. Nun sollen die IC–Züge folgen, wie die Deutsche Bahn am Dienstag bekanntgab. Bis Ende des kommenden Jahres sollen alle IC–Züge für 30 Millionen Euro mit der gleichen Internet–Technik ausgerüstet werden, die bereits in den ICE verwendet wird. In den kommenden drei Jahren werden etwa 1000 Intercitys umgerüstet. All das nützt natürlich wenig, wenn das Internet nicht funktioniert — und das passiert häufig genug.
Aber: Nicht nur die Deutsche Bahn ist dafür verantwortlich. Für die Aufrüstung und die Stabilität des Netzes sind Betreiber wie die Telekom zuständig. Deshalb fordert die Deutsche Bahn laut Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla von der Bundesnetzagentur, bei der 5G–Ausschreibung die Ausleuchtung des Netzes entlang der Schienen verpflichtend vorzuschreiben.
Innovationen sind für die Bahn ein Fremdwort Diese weit verbreitete Annahme ist falsch. Die Deutsche Bahn arbeitet ständig an Möglichkeiten, dem Kunden das Reisen zu erleichtern. Erst am Montagabend stellte der Konzern seinen Passagieren eine Neuerung vor: Symbole zeigen in den kommenden 26 Tagen die Auslastung der einzelnen Züge an. Graue Männchen stehen für eine geringe bis mittlere Auslastung der Bahn, orangene Männchen dafür, dass kaum noch Plätze frei sind — und bei roten Symbolen ist es sehr unwahrscheinlich, dass man noch einen Sitzplatz ergattern kann. Derzeit ist das Angebot online, am Dienstag auch per Navigator nutzbar.
Außerdem aktualisiert das Unternehmen ständig seine App. Bald soll der Navigator den Bahn–Kunden von Haustür zu Haustür begleiten. Heißt: Der Fahrgast bucht eine Fahrt von seinem Zuhause in Berlin zu einem Hotel in Stuttgart. Er bestellt sich dazu beispielsweise ein digitales Sammeltaxi, das ihn daheim abholt, steigt dann in den ICE und kann sich in Stuttgart Hauptbahnhof dann — falls so gewünscht — ein Leihrad zum Hotel nehmen. Die Bahn–App zeigt dem Kunden an, welche Optionen zur Verfügung stehen, welches Verkehrsmittel das schnellste und ob mit einer Verspätung zu rechnen ist.
Die Schaffner — beziehungsweise Zugbegleiter — sind stets schlecht gelaunt Ja, den knurrenden Zugbegleiter gibt es natürlich. Aber auch zig Gegenbeispiele. Seit neun Jahren zeichnet der Verband „Allianz pro Schiene“ den beliebtesten Schaffner mit dem Titel „Eisenbahner mit Herz“ aus. Zu den Preisträgern gehörten unter anderem ein Zugbegleiter, der sich mutig einer Gruppe von randalierenden Hooligans entgegenstellte und die anderen Fahrgäste vor deren Angriffen schützte, und eine Schaffnerin, die einen Fahrgast während eines Herzinfarkts betreute und ihm solange die Hand hielt, bis der Notarzt kam.
