Natur: Invasion der Exoten

Gefährlicher Eindringling: Hyalomma-Zecke
Fabian Sommer/dpaSie kommen aus Asien und vom Balkan: Zecken der Gattung Hyalomma werden bis zu zwei Zentimeter groß, bewegen sich schnell wie Spinnen und können Warmblüter – also auch Menschen – Hunderte Meter weit verfolgen. Nun haben mehrere Exemplare der Monster-Zecke zum ersten Mal in Deutschland überwintert, das milde Klima macht’s möglich. Das Problem: Wenn sich solche so genannten invasiven (eindringenden) Tierarten erst einmal ausbreiten, dürfte es schwer werden, sie wieder los zu werden, wie Beispiele aus der Vergangenheit zeigen.
Der Mensch half bei der Ausbreitung aktiv mit. So entließ 1934 ein hessischer Forstmeister zwei Waschbärenpaare in die Freiheit, „um die Fauna zu bereichern“. In der Folge nahm die Population des Eierdiebs, der bis dahin in Nordamerika zu Hause war, immer weiter zu – zu Lasten der heimischen Vogelwelt. Der asiatische Marienkäfer, der seit Jahren seinem europäischen „Verwandten“ das Leben schwermacht, war einst zur Schädlingsbekämpfung in Gewächshäusern importiert worden. Und die Tropenzecke gelangte ebenso wie exotische Krabbenarten in Wassertanks von Schiffen nach Deutschland.
Um der Plagen Herr zu werden, erarbeitet Deutschland derzeit im EU-Auftrag einen eigenen Aktionsplan. Doch auch wenn staatliche Stellen die Sache inzwischen ernster nehmen – die Probleme nehmen sogar weiter zu. Ein Überblick.
Gefahr für die Gesundheit
„Hyalomma-Zecken können gefährliche Krankheitserreger in sich tragen“, heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI). Darunter befinde sich das Krim-Kongo-Virus, das beim Menschen ein schweres, bisweilen sogar tödliches Fieber auslöst. Allerdings gibt das RKI – vorläufig – Entwarnung. Bei den bisher in acht Bundesländern, darunter Baden-Württemberg und Brandenburg, gefundenen Exemplaren habe man keine gefährlichen Infektionserreger entdeckt.
Eine größere Bedrohung stellt derzeit die Asiatische Tigermücke dar, die sich in Wasserlachen auf Schiffen aufhält und so um die Welt gefahren wird. Auch sie kann Tropenkrankheiten übertragen. Vor wenigen Tagen haben sich in der spanischen Urlaubsregion Costa Blanca Touristen mit dem Chikungunya-Virus angesteckt. Solche Erkrankungen sind potenziell tödlich.
Natur aus dem Tritt
Marderhunde und Waschbären plündern Vogelnester und stehlen Schildkröteneier; die Chinesische Wollhandkrabbe frisst in der Elbe heimischen Speisefischen und Flusskrebsen die Nahrung weg; Nordsee-Austern verdrängen die Miesmuschel – all dies zeigt, wie sehr invasive Arten bereits die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht haben.
Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) legt dennoch Wert darauf, dass „nicht jeder Neubürger ein Problem“ sei. „Dass der Waschbär zum Beispiel die Weiterexistenz der Sumpfschildkröte bedroht, liegt auch daran, dass es viel zu wenige Sumpfschildkröten gibt“, sagt er. Wäre die Population groß genug, so würde sie einen zusätzlichen Räuber vertragen. „Das eigentliche Problem ist aber nicht der Waschbär, sondern fehlender Lebensraum.“ Den Grund dafür sieht er in der intensiven Landwirtschaft, fehlenden natürlichen Gewässern und zu viel Verkehr. „Wenn man auf den Äckern an vielen Stellen nur noch Mais anbaut und unsere Flüsse in zu enge Betten pfercht, darf man sich nicht wundern, wenn die Artenvielfalt zurückgeht.“
Vor allem Waldbesitzer klagen über gravierende wirtschaftliche Schäden durch tierische Eindringlinge. Die größten Sorgen bereitet der Asiatische Laubholzbockkäfer. Er wurde im Verpackungsholz für chinesische Granitsteine eingeschleppt und legt seine Larvengänge bevorzugt in Ahornbäumen, Rosskastanien, Pappeln und Birken an. Ein im Jahr 2002 geschlossenes internationales Abkommen sieht immerhin vor, dass die Chinesen das Holz ihrer Transportkisten erhitzen müssen, um nicht weitere Käfer zu exportieren.
Ein Ärgernis für Gartenbesitzer ist der Buchsbaumzünsler. Der Kleinschmetterling kam vermutlich mit Pflanzenimporten vor rund 15 Jahren nach Deutschland. Als Abwehrmittel wird der Einsatz von Insektiziden empfohlen, doch die erhoffte Wirkung tritt oft nicht ein.
Auch die Landwirtschaft ist von invasiven Arten betroffen. „Im Wesentlichen geht es um Waschbär oder Nutria, aber auch um einige Pflanzen“, sagt der Generalsekretärs des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, dieser Zeitung. Die Schäden seien aber im Vergleich zu denen, die der Wolf verursache, eher überschaubar – „gerade weil diese Arten bejagt werden dürfen“.
Fragwürdiger Begriff
Auch wenn die Bedrohung durch fremde Tierarten zu ernsthaften Problemen führt, so warnen Experten doch davor, die Gefahren überzubewerten. „Nur zehn Prozent der gebietsfremden Arten haben das Potenzial, Schäden zu verursachen“, sagt Sebastian Kolberg, Referent für Artenschutz beim Naturschutzbund, dieser Zeitung. Beim BUND weist man zudem auf den problematischen Begriff „einheimisch“ hin. Schließlich hätten auch unsere Pferde, Rinder und Schweine als Haustierrassen ihre Wurzeln in Vorderasien.
Schädliche Tierarten für die heimische Fauna
Mehr als 800 gebietsfremde Tier-, Pflanzen- und Pilzarten haben sich in Deutschland ausgebreitet. Zu den für die heimische Fauna schädlichen Tierarten werden von der Europäischen Union unter anderem gezählt:
GlanzkräheChinesische WollhandkrabbeKleiner Mungo (Raubtierart)Nordamerikanischer OchsenfroschChinesischer MuntjakAmur-Schläfergrundel (Fisch)GrauhörnchenNutria (Biberratte)Burunduk (Backenhörnchen)Südamerikanischer NasenbärSchwarzkopf-RuderenteRoter Amerikanischer SumpfkrebsWaschbärNordamerikanische Buchstaben-SchmuckschildkröteAsiatische Hornisse⇥mg
