Oxfam-Aktivistin
: „Man muss von einer Katastrophe sprechen“

Die „Globale Bildungskampagne“ schlägt Alarm.
Von
André Bochow
Berlin
Jetzt in der App anhören

Sandra Dworack, Oxfam-Aktivistin und Sprecherin der Kampagne "Globale Bildungskampagne"

Oxfam

Mehr als 260 Millionen Kinder und Jugendliche gehen nicht zur Schule. Die Zahl wirkt seit Jahren wie in Stein gemeißelt. Stagniert die Entwicklung im Bildungsbereich.

„Wir stagnieren sogar auf einem besorgniserregenden Niveau. Stellen Sie sich vergleichsweise nur vor, die Hälfte aller EU-Bürgerinnen hätte niemals die Chance auf Schule, ein selbstbestimmtes Leben und einen fair bezahlten Job gehabt. Anfang der 2000er Jahre hatten wir einen ordentlichen Schub, als vieleKinder in Entwicklungsländern eingeschult wurden und auch viele Kinder in die Sekundarschule gingen. Das hatte nicht zuletzt mit dem Wegfall des Schulgeldes zumindest für Grundschüler in vielen Ländern zu tun. Aber in den vergangenen vier, fünfJahren hat sich wenig getan.“

Wie kommt das?

„Es gibt einen direkten Zusammenhang mit der Stagnation bei den internationalen Hilfsleistungen. Viele Länder sind trotz eigener Anstrengungen auf Unterstützung von außen angewiesen. Natürlich müssen die betroffenen Länder selbst mehr tun. Aber oft geht ihnen Geld wegen Steuervermeidung verloren. Nicht zuletzt sind es internationale Konzerne, die kaum Steuern in den Entwicklungsländern zahlen, wohl aber dort erhebliche Gewinne erzielen.“

Gibt es nicht auch ein Effizienzproblem?

„Wir sehen, dass viele Länder ihre Anstrengungen im Bildungsbereich erhöhen und auch der Anteil vom BIP, der für Bildung ausgegeben wird, deutlich steigt. Aber wir haben nach wie vor große Schwierigkeiten, wenn es um die Qualität der Bildung geht. Das durch private, profitorientierteBildungsangebote ändern zu wollen, halten wir für allerdings für falsch.“

Warum denn? Sind die nicht häufig preiswerter für die Familien?

„Untersuchungen haben gezeigt, dass solche profitorientierten Bildungsangebote keineswegs von den Ärmsten zu bezahlen sind, dass die Lerninhalte völlig an den Bedürfnissen der jeweiligen Bevölkerung vorbeigehen, weil sie Inhalte einfach aus Europa oder den USA importieren und dass behinderte Kinder in diesen Schulen keine Chance haben. Das Geld in Familien reicht oft nur für ein Kind und das ist dann in der Regel nicht das Mädchen.“

Das sieht man außerhalb von Oxfam möglicherweise anders?

Jedenfalls sind wir keineswegs mit unserer Ansicht allein. Im vergangenen Jahr ist im EU-Parlament die Entscheidung getroffen worden, dass keine Entwicklungsgelder für gewinnorientierte Privatschulen eingesetzt werden. Und auch bei der Global Partnership for Education, einem internationalen Zusammenschluss von Regierungen und Institutionen zur Bildungsförderung,wurde ein ähnlicher Beschluss gefasst.“

Sie haben im Zusammenhang mit der globalen Bildungssituation von einer Katastrophe gesprochen. Trotz der erreichten Fortschritte. Übertreiben Sie nicht?

„Man muss durchaus von einer Katastrophe sprechen. Die UNESCO, die Weltbank und viele andere haben die Alarmglocken klingeln lassen, weil ganz klar ist: Wenn nicht schnell etwas passiert, verlieren wir ganze Generationen. In Afrika südlich der Sahara sind die Probleme besonders groß. Aber auch in Indien oder Pakistan haben sehr viele Kinder keinen Zugang zu Bildung. Überall sind es die Ärmsten, die ohne Bildungschancen sind und sehr oft werden Mädchen von der Schule ferngehalten.“

Südkorea, das nach dem II. Weltkrieg so arm war, wie viele afrikanische Länder heute, gehört heute zu den führenden Industrienationen.Warum gelang da, was anderswo nicht gelingt?

„In Südkorea haben die politisch Verantwortlichen rechtzeitig erkannt, dass es wirtschaftliche Erfolge nur gibt, wenn rechtzeitig in Bildung investiert wird – und zwar in Bildung für alle. Großen Wert wurde auf die gute Ausbildung der Lehrer gelegt. Und wichtig war die Bereitschaft, langfristig zu denken und zu planen.“

Manche haben ein sehr schwarzes Bild, wenn es um die Geschlechtergerechtigkeit bei der Bildung geht. Wie sieht ihr Bild aus?

„Im Grundschulbereich hat es positive Veränderungen gegeben. Jedenfalls, wenn man die Gesamtzahlen betrachtet. Das hat auch wieder mit der Abschaffung von Schulgeld zu tun, aber auch mit einem sich verändernden Bewusstsein. Dass Mädchen das gleiche Recht auf Bildung haben, setzt sich durch. Wenn auch sehr langsam. Und in einigen Regionen eben nach wie vor gar nicht. Nach wie vor sind zwei Drittel der Analphabeten unter den Erwachsenen Frauen.“

Manche messen der Verbreitung von Smartphones auch für die Bildung eine große Bedeutung zu. Sie auch?

„Die Verbreitung von Informationen über Smartphones hat enorme Bedeutung. Nicht zuletzt für Mädchen und Frauen. Da wird oft ein ganz neuer Blick auf die Welt möglich und ein Austausch mit Menschen, zu denen man sonst keinen Zugang hätte. Das wird auch im Bildungsbereich genutzt. Nicht zuletzt von Entwicklungsorganisationen. Zum Beispiel durch E-Learning für Lehrer.“

Blicken Sie eigentlich eher sorgenvoll oder optimistisch in die Zukunft?

„Wir müssen jetzt handeln. Es ist unfassbar, wie das Bildungsproblem nach wie vor weitgehend ignoriert wird. Eigentlich ist völlig klar, was zu tun ist. Wie wissen auch, dass 39 Milliarden US-Dollar im Jahr fehlen, um allen Kindern weltweit den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Das ist eine vergleichsweise kleine Summe. Es ist weniger als in Deutschland im Jahr für Verteidigung ausgegeben wird. Aber es passiert viel zu wenig. Dabei ist Bildung das Schlüsselthema für Entwicklung.

Wie sieht die staatliche deutsche Entwicklungsarbeit im Bildungsbereich aus?

„An Ankündigungen und Reden herrscht kein Mangel. Aber es wird seitens des BMZ zu wenig für Grund- und Sekundarbildung getan. Der starke Fokus auf den Schwerpunkt der Berufsausbildung ist zu einseitig. Man muss das eine tun ohne das andere zu lassen. Wenn ich die Ärmsten der Armen erreichen will, muss ich die Basis im Grundschulbereich schaffen. Man legt ja auch erst das Fundament und baut dann den Rest des Hauses.“