Pandemie: Die neue Hüfte muss wegen Corona warten

Im Asklepios Klinikum Uckermark wird einem Patienten ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Um auf viele schwere Coronavirus-Fälle eingestellt zu sein, werden planbare Operationen verschoben.
Daniela Windolff/MOZPlanbare Operationen, ob nun das Implantieren eines neuen Kniegelenks oder das Entfernen von Gallenblase oder Gaumenmandeln, sollen aufgeschoben werden. Grund: die Corona-Krise – und damit die Befürchtung, dass mit dem Ansteigen der Infiziertenzahlen und somit auch der Zahl der schwer Erkrankten die 1.200 deutschen Intensivstationen mit 28.000 Intensivbetten nicht mehr ausreichen, um alle Patienten bestmöglich zu behandeln.
„Wir müssen das italienische Szenario in den Klinken vermeiden“, sagt Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, der obersten Behörde für Infektionskrankheiten. In Italien nämlich sind in vielen Kliniken die Stationen der Intensivmedizin, wo etwa Beatmung stattfinden kann, wegen der durch Corona ausgelösten neuen Lungen-krankheit völlig überlastet. Die Folge: Die Ärzte müssen entscheiden, welchen schweren Fall sie in die Intensivstation aufnehmen und damit angemessen behandeln. Und wer in noch größere Gefahr gerät, weil er nicht ausreichend versorgt werden kann. Laut Wieler muss man damit rechnen, dass fünf Prozent der Corona-Fälle künstlich beatmet werden müssen. Er appelliert an die deutschen Kliniken, sich jetzt schnell umzustellen – „das ist kein Hexenwerk, dafür gibt es Pläne“.
Die Krankenkassen unterstützen dieses Umsteuern. „Zur Bewältigung der Coronavirus-Pandemie brauchen wir unbedingt freie Intensivkapazitäten, und es ist richtig, dafür planbare Operationen abzusagen“, sagt Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand beim GKV-Spitzenverband, der Dachorganisation aller 109 gesetzlichen Kassen.
Dabei ist den Kassen bewusst, die jeden dritten Euro ihrer Ausgaben an die Krankenhäuser überweisen, dass sie zusätzliche Mittel aufbringen müssen. Die Politik hat festgelegt, dass keine Klinik durch die Maßnahmen ins Defizit rutschen darf. Zudem soll es einen Bonus für jedes Intensivbett geben, das zusätzlich provisorisch geschaffen und vorgehalten wird. Über die Finanzierungsfragen sei man aktuell mit dem Bundesgesundheitsministerium und der Deutschen Krankenhausgesellschaft im Gespräch, so Stoff-Ahnis.
Dass das Geld „unbürokratisch und schnell“ fließen soll, fordern denn auch die Krankenhäuser. Zumindest der AOK-Bundesverband hat genau das schon zugesagt: „Wenn es durch die Streichung von planbaren Eingriffen oder durch Sonderaufwendungen für Coronavirus-Patienten zu finanziellen Engpässen in Krankenhäusern kommt, wird die AOK unbürokratisch helfen“, sagt Vorstandschef Martin Litsch. „In Krisenzeiten kann es nicht sein, dass durch formales Verwaltungshandeln Menschenleben gefährdet werden.“
Die Kliniken selbst betonen, man komme selbstverständlich der Aufforderung der Bundeskanzlerin und des Bundesgesundheitsministers nach, „ab der kommenden Woche, soweit wie es medizinisch vertretbar ist, Patientenbehandlungen in den Kliniken zurückzufahren“. Damit mache man nötige Kapazitäten für die Versorgung der von Corona schwer betroffenen Patienten
und aller weiteren akut behandlungsbedürftigen Patienten verfügbar, so DKG-Präsident Gerald Gaß.
Es sieht also ganz danach aus, dass es den deutschen Krankenhäusern gelingt, noch vor einem massiven Anstieg der Corona-Kranken Intensivbetten freizuräumen. Das Problem ist nur: Die Patienten etwa mit Hüft- oder Knieproblemen können nicht ewig warten. Denn von Schönheitsoperationen abgesehen, sind ja auch planbare Eingriffe medizinisch notwendig.
Je nach Art des Eingriffs, sagt Professor Thomas Schmitz-Rixen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, kann eine planbare Operation um wenige Tage bis zu mehreren Monaten verschoben werden. Das hänge von der zugrundeliegenden Diagnose und der auszuführenden Operation ab. "Allerdings darf das Sterblichkeitsrisiko der Verschiebung eines Eingriffes nicht höher sein als das Sterblichkeitsrisiko einer schweren krankenhauspflichtigen Coronaerkrankung.“
Wie lange uns aber Corona in Atem hält, ist unabsehbar. Lothar Wieler sprach am Freitag davon, dass es sich um ein bis zwei Jahre handeln könnte. Und wie sehr die jetzt eingeleiteten Maßnahmen wie die Absage von Großveranstaltungen und die Schließung von Schulen wirken, ist ebenso unklar. Damit kann es durchaus noch zu Komplikationen in der Intensivmedizin kommen.
Bahn ruft zum weitgehenden Verzicht auf Privatreisen auf
Die Deutsche Bahn ruft ihre Kunden auf, während der Corona-Krise auf private Reisen nach Möglichkeit zu verzichten. "Bürger sollen private Bahnreisen jetzt auf das Notwendigste kürzen", sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Freitag in Berlin. Private Reisen sollten sich zudem möglichst wenig mit Dienstreisen überlappen, um die Hauptverkehrszeiten zu entzerren. Auch für Bahnreisende gelte, größere Menschenmengen möglichst zu meiden.
"Wir erleben eine dynamische Entwicklung, die fast stündlich eine neue Lage bringt", sagte Bahnchef Richard Lutz und appellierte an alle Verantwortlichen, weiter Ruhe zu bewahren und professionell und angemessen zu reagieren. "Die Deutsche Bahn ist ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge", sagte Minister Scheuer, deshalb habe der Staatskonzern seine Hygienemaßstäbe verschärft. Die Züge würden öfter gereinigt, man habe mehr Seife ausgelegt und Desinfektionsmittel aufgestellt. Der Bahn gehe es darum, Reisende und Mitarbeiter so gut wie möglich zu schützen. Grund zur Panik bestehe nicht. Bahn und Logistikbranche stehen seit Wochen mit dem Verkehrsministerium im Kontakt und man habe bereits reagiert. So haben die Länder das Sonntagsfahrverbot für Lkw aufgehoben, damit die Versorgung der Menschen und der Wirtschaft weitergehen könne.
Bahnkunden, die entscheiden, eine Reise nicht anzutreten, können ab Montag Tickets zurückgeben. Spartickets werden in Gutscheine umgetauscht, alle anderen Fahrkarten können regulär zurückgegeben werden. Das Angebot gilt zunächst bis Ende April. ⇥Nina Jeglinski
