Philosoph Thomas Schramme
: Das Verhältnis von Freiheit, Leben, Gesundheit und Zwang in Corona-Zeiten

Im Rahmen der Corona-Bekämpfung werden die Menschen zunehmend mit Interventionen konfrontiert. Wie lange sie das akzeptieren, erklärt der Philosoph Thomas Schramme.
Von
André Bochow
Berlin
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Philosophen Thomas Schramme von der Uni Liverpool spricht über das Verhältnis von Freiheit, Leben, Gesundheit und Zwang in Coronavirus-Zeiten.

Felix Hüffelmann

Es gibt gesetzliche Voraussetzungen, die staatliche Reaktionen bei bestimmten Krankheiten legitimieren. Grundlage ist immer die Gefährdung anderer. Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des Mitmenschen beeinträchtigt wird. So das Prinzip. Spannend wird es bei der praktischen Umsetzung.

Die meisten von uns möchten möglichst wenige Zuständigkeiten für das persönliche Leben an den Staat abgeben. Im Falle einer Pandemie wie Corona scheinen auch Westeuropäer alle möglichen Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Wie kommt das?

Zunächst einmal wird die Akzeptanz bestimmter Maßnahmen von ihrer Dauer abhängen. Jetzt wirken Angst, auch irrationale Angst, Unwissen, Disziplin und die vermutete Gefährdung, die von dem Virus ausgeht. SolltenAnsteckungsgefahr und Todesraten nicht ansteigen, werden Fragen nach dem Sinn der Zwangsmaßnahmen häufiger gestellt werden.

Die Idee, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen, setzt die Mitarbeit der Bevölkerung voraus. Und wie es aussieht, gibt es hierzulandeein Grundvertrauen in den Staat und seine zuständigen Organe haben.

Das stimmt. Und es überrascht ein wenig. Immerhin schwanken die Zahlen und die Einschätzung der Gefahr seitens Wissenschaft und Behörden. Aber ohne Grundvertrauen würde alles noch schwieriger. Ewig hält dieses Vertrauen nicht vor. Und irgendwann werden die Menschen der Freiheitsbeschränkungen überdrüssig. Vor allem dann, wenn der Zusammenhang zum tatsächlichen Verlauf der Pandemie nicht erkennbar ist.

Was passiert, wenn das Vertrauen schwindet? Wird der Staat dann immer drastischer, die von ihm als richtig eingeschätzten Maßnahmen durchsetzen?

Das kann natürlich sein. Wenn die Menschen den Eindruck gewinnen sollten, die Maßnahmen hätten keinen Erfolg,kann sich Fatalismus einstellen, so ein Gefühl von Tanz auf der Titanic. Auch Wut und zivilisatorische Auflösungserscheinungen sind denkbar. Die größte Gefahr besteht darin, dass die Mitmenschen als Bedrohung wahrgenommen werden. Da kann schon der erkältete Mitreisende zum Feind werden.

Wovon hängt denn ab, ob ich meine Freiheit durch Mitbürger eingeschränkt sehe? DenAutoverkehr mit Unfallgefahr,CO2 und Stickoxiden nehmen wir doch auch klaglos hin.

Das Wichtigste ist dabei, ob wir glauben, die Risiken einschätzen zu können. Wir wissen ungefähr, wie viele Verkehrstote es gibt und dass die Zahl der Verkehrstoten Jahr für Jahr sinkt. Wenn ich nicht bei Rot über die Ampel gehe, werde ich wahrscheinlich nicht überfahren. Wo ich mich mit Corona anstecke und wie die Krankheit verläuft, wissenwir nicht so genau.

Halten Siedie bisher verordneten, freiheitsbeschränkenden Maßnahmen für zumindest teilweise überzogen?

Das ist schwer zu sagen und hängt auch von der Gewichtung ab. Wie wichtig ist uns Freiheit?

Im Vergleich zu einem gesundheitlichen Risiko?

Genau. Bislang ist die Gefahr für den Einzelnen relativ gering. Will ich dafür das gewohnte Leben drangeben? Andererseits: Wer schwer erkrankt oder stirbt hat von der Freiheit nichts.

Sie würden aber sagen, dass das Überleben nicht unter allen Umständen Vorrang vor der Freiheit hat.

Wir sind doch so oder so Risiken ausgesetzt. Wir wollen die natürlich minimieren. Aber das hat seine Grenzen. Das Leben, das wir schützen wollen- ich rede hier von dem jeweils eigenen – soll doch ein möglichst schönes, ereignisreiches Leben sein. Das ist ohne Risiken nicht zu haben.

Besteht die Gefahr, dass der Staat und auch die Bürger sich an die Einschränkung vonFreiheiten gewöhnen?Warum sollte ich in Zukunft Alkohol, Bewegungsmangel und Übergewicht dulden, wenn wir doch wissen, dass es zum Besten jedes Einzelnen und der Krankenkassen wäre, wenn alle gesundheitsbewusst leben?

Die Gefahr ist ganz real. Genau genommen wird die Freiheit im Namen der Gesundheit schon längst beschränkt. Denken Sie nur an die Rauchverbote. Boni für Gesundheitsbewusste durch die Krankenkassen haben im Umkehrschluss eine Ächtung von Menschen, die wirklich oder vermeintlich ungesund leben, im Gepäck.Letztere erzeugen schließlich Kosten. Und wenn wir in den aktuellen Kategorien denken, warum soll man künftig nicht auch Grippekranke unter Quarantäne stellen?

Und wie soll eine Gesellschaft das austarieren? Gesundheit, Leben, Freiheit – jeder hat sein eigenes Maß an Risikobereitschaft.

Das ist natürlich letztlich eine politische Frage. Eine offene Gesellschaft wird das diskutieren und dann demokratisch entscheiden. Aber dieser Prozess des Aushandelns ist kompliziert und dem Wandel des Zeitgeistes unterworfen. Es ist ein Unterschied, ob ich das diskutiere, wenn die Corona-Angst grassiert oder ob ich darüber in vergleichsweise ruhigen Zeiten rede.

Das heißt, die Gesellschaft könnte zu der Meinung gelangen, Freiheit ist gegenüber Gesundheit eher zweitrangig?

Ich glaube, das ist weitgehend schon passiert. Menschen werden immer mehr danach beurteilt, was sie essen, ob sie rauchen, Alkohol trinken, Sport treiben, übergewichtig sind und ausreichend schlafen. Wer nicht gesund lebt, schadet sich und der Gesellschaft. Aber man kann auch nicht einfach Freiheit und Gesundheit als absolute Werte einander gegenüberstellen. Gesundheit ist ja durchaus eine Voraussetzung für ein Leben in Freiheit. Es geht um Abwägung. Jedenfalls sollte es darum gehen.

Vielen Dank für das Gespräch