Polens Botschafter
: Die Deutschen betrachten uns nicht als freie Nachbarn

Wenig diplomatisch: Polens Botschafter in Berlin überzieht Deutschland mit Kritik.
Von
Dietrich Schröder
Warschau
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Fiel schon öfter durch Provokationen auf: Polens Botschafter in Deutschland, Andrzej Przylebski (l.), mit Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter

dpa/Patrick Pleul

Daran, dass Polens höchster Diplomat in Berlin kein Mann der leisen Töne ist, hat man sich seit dessen Amtsantritt im Sommer 2016 bereits gewöhnt. Jetzt äußert er in einem Interview aber außergewöhnlich scharfe Kritik an Deutschland.

Der Handel zwischen den beiden Nachbarländern an Oder und Neiße ist in den  vergangenen fünf Jahren um ein Drittel angestiegen und hat 2018 den neuen Rekordumfang von 118 Milliarden Euro erreicht. Vor diesem Hintergrund trafen sich am Montag in Berlin auch die Vertreter von über 200 Unternehmen zu einem Wirtschaftsforum, bei dem es um noch engere Kooperation gerade im Bereich der Hochtechnologien ging.

Umso ungewöhnlicher mutet ein Interview an, das Polens höchster Diplomat in Berlin, Andrzej Przylebski, dem regierungsnahen polnischen Politikmagazin „Sieci“ am gleichen Tag gegeben hat. Vordergründig kämpft der 60–Jährige, der die längste Zeit seines Lebens als Philosoph verbrachte — unter anderem mit Stationen in Heidelberg, Chemnitz und an der Berliner Humboldt Uni — darin zwar gegen seinen Ruf, ein undiplomatischer Botschafter zu sein. Tatsächlich fühlt man sich nach dem Lesen jedoch genau darin bestätigt.

Auf die Frage, weshalb der deutsche Blick auf die polnische Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) so kritisch sei, gibt der Botschafter etwa die Antwort: „Es stellt sich heraus, dass die Deutschen uns nicht als freie Nachbarn betrachten, die das demokratische Recht haben, eine politische Kraft zu wählen, die für sie (die Deutschen) unvorteilhaft ist. Stattdessen nutzt man alle Mittel, um diejenigen zu unterstützen, die sich ihnen gegenüber versöhnlicher und unterlegen verhalten.“

Die Tatsache, dass Polen die meisten Fördermittel aller EU–Länder erhält, kommentiert Przylebski wie folgt: „Es gibt Berechnungen, laut denen von jedem Euro, den Polen an Unterstützung erhält, 80 Cent nach Deutschland zurückfließen.“ Dies sei der deutschen Gesellschaft aber unbekannt.

Noch geringer sei das Wissen um die Verbrechen und Diebstähle, die die „Hitlerdeutschen“ im Zweiten Weltkrieg in Polen verübten. Deswegen mangele es auch an Verständnis für die von der PiS–Partei und ihrem Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski erhobenen Reparationsforderungen. „Sie sind der Meinung, dass sie dafür schon bezahlt haben“, meint der Diplomat. Zudem gäbe es die deutsche Befürchtung, dass – für den Fall, dass an Polen Entschädigungen gezahlt würden — auch andere Länder welche fordern würden. Dabei werde nicht berücksichtigt, dass Polen im Zweiten Weltkrieg „in beispielloser Weise zerstört“ worden sei.

Dem Deutsch–Polnischen Jugendaustausch macht Przylebski zum Vorwurf, dass er sich „fast ausschließlich zwischen proeuropäischen, von Natur aus linken Jugendlichen“ abspiele. Er gibt deshalb den Rat, die patriotische polnische Jugend darin einzubeziehen.

Przylebski freut sich jedoch über Zeichen der Veränderung in der EU und ist vom Erstarken national–konservativer Parteien bei den bevorstehenden Europawahlen überzeugt. „Persönlich hätte ich nichts gegen den Rauswurf Victor Orbans aus der Europäischen Volkspartei, denn dadurch würde die Gruppe der konservativen Reformer in Europa gestärkt“, kombiniert er offen.

Auch in Deutschland selbst habe sich die Stimmung verändert. „Der Erfolg der AfD beeinflusst bereits das politische Klima“, konstatiert der Pole, fügt dieser Einschätzung aber immerhin hinzu: „Natürlich müsste die AfD auch ihre Haltung klären und sich von extremistischen und pro–russischen Sympathisanten abgrenzen“.

Sich darauf einzustellen, dass die PiS–Partei auch die Parlamentswahlen im Herbst in Polen gewinnen werde, sei für die deutsche Politik auch deshalb wichtig, „weil die Deutschen einen Verbündeten brauchen, der sich mit ihnen gegen weitere Ideen Frankreichs zur Reform der Europäischen Union stellt“.

Kein gutes Haar lässt der Diplomat auch an den deutschen Medien. Diese berichteten einseitig über sein Land und stellten die Warschauer Regierung so dar, als ob sie alles tue, um die EU zu verlassen oder sie zu zerstören. Dies sei jedoch „der größte Blödsinn“. In Polens Medien sei der Pluralismus heute größer als in Deutschland, da man die Zeitungen und Fernsehsender einzelnen Parteien zuordnen könne, philosophiert der Botschafter.