Der hat sie beim Grundsatzkonvent der Partei in Berlin gerade recht uncharmant abgewürgt, weil er zum nächsten Tagesordnungspunkt überleiten wollte. Als Habeck seinen Fehltritt bemerkt und zu einer Erklärung ansetzen will, fährt ihm seine Mitvorsitzende – halb im Scherz, halb im Ernst – über den Mund: "So, Ruhe jetzt!" Es gibt Lacher im Publikum, auch Applaus. Der große Habeck, von vielen als kommender Kanzlerkandidat der Grünen gehandelt, steht da wie ein ertappter Schuljunge. Und Baerbock? Freut sich.
Ein halbes Jahr ist das her. Längst hat die 38-jährige Parteichefin, die lange Zeit im Schatten des Umfragekönigs Habeck stand, die Verhältnisse an der Grünen-Spitze gerade gerückt. Sie ist inzwischen genau so oft in Talkshows präsent wie der 50-Jährige und gibt ihm auch mal öffentlich Kontra. Mehr noch: Als Klimaschutz-Expertin im Führungsduo besetzt sie ein urgrünes Thema, das derzeit beinahe alle politischen Debatten überlagert. Mit jeder "Fridays for Future"-Demonstration, mit jedem Versuch der Groko, das dürftige Ergebnis ihres Klima-Kompromisses zu erläutern, nimmt Baerbocks Bedeutung zu. So wird sie immer mehr zur zentralen Figur bei den Grünen.
Ortstermin in Ilmenau, kurz vor der Landtagswahl in Thüringen an diesem Sonntag. In den "Feiersaal" der Franz-von-Assisi-Schule sind etwa 40 Leute gekommen, um Baerbock zu erleben. Viele Junge sind dabei, von denen einige selbst die reformpädagogische Schule besuchen. Die sanft-grün gestrichenen Wände, die ökologische Holzbauweise vieler Gebäudeteile vermitteln den Eindruck: In Ilmenau, der Universitätsstadt am nördlichen Rand des Thüringer Waldes, ist manches anders als in anderen thüringischen Gemeinden. Grüner.
Die Fragen der Zuhörer, die im Halbrund auf Holzstühlen Platz genommen haben, fallen denn auch ziemlich unkritisch aus. Wie beurteilen die Grünen den Einmarsch der Türken ins Kurdengebiet? "Wir verurteilen das." Wie sehen die grünen Verkehrspläne aus? "Bahnstrecken reaktivieren, mehr Radwege." Und so geht es weiter – über den Lehrermangel bis zum Umstieg auf ökologische Landwirtschaft.
Nach viel Kleinklein aus der thüringischen Landespolitik geht es dann endlich um Klimaschutz. Baerbock lächelt zufrieden, als die Rede auf ihr Spezialthema kommt. Ob es wirklich nötig sei, so viele Windräder aufzustellen, will jemand wissen, auch im Thüringer Wald? "Das ist ein hochemotionales Thema, gerade für die Grünen", sagt sie. Vieles sei noch zu klären: etwa der Vogelschutz, "der uns Grünen besonders wichtig ist", und die Frage, in welchen Gegenden Windräder aufgestellt werden dürfen und in welchen nicht.

Der persönliche Kontakt liegt ihr

Da tritt er offen zutage, der Grundsatzkonflikt für Umweltschützer im Allgemeinen und die Grünen im Besonderen: Welche Prioritäten gilt es zu setzen beim Ziel, die Welt zu retten? Darf man weite Teile des Naturraums mit Windrädern zubauen, um so die flächendeckende Versorgung mit sauberer Energie hinzubekommen? Und vor allem: Wie viele Vögel darf man der Windkraft opfern, ohne dass sich das Tierschutzgewissen regt? Allerdings verfolgt Baerbock diese Gedanken nicht weiter. Auch hakt aus dem Publikum keiner nach.
Stattdessen weicht die Grünen-Chefin auf einen anderen Schauplatz aus und fragt: "Was sollen die Alternativen sein: Weiterer Kohleabbau? Oder Atomkraftwerke?" Die Antwort gibt sie selbst: "All das wollen wir natürlich nicht" – zustimmendes Nicken im Publikum.
Solche kleinen Runden scheinen der Grünen-Chefin besonders gut zu liegen. Sie blickt die Fragesteller freundlich an, hält Blickkontakt. Auch muss sie mit ihrer Stimme nicht so hochgehen, wie es ihr gelegentlich passiert, wenn sie vor einem großen Hallenpublikum spricht.
Baerbock ist in Niedersachsen aufgewachsen, hat in Hamburg und London studiert und lebt inzwischen in Potsdam. Die Karriere der Grünen-Politikerin, die im Januar 2018 mit Habeck an die Parteispitze gewählt wurde, vollzog sich in einem atemberaubendem Tempo. Vor zehn Jahren, da war sie 28 und erst vier Jahre lang Parteimitglied, wählte man die studierte Politikwissenschaftlerin schon zur Vorsitzenden des brandenburgischen Landesverbandes. 2013 kam sie über die Landesliste in den Bundestag. Überregional so richtig bekannt wurde die verheiratete Mutter zweier Mädchen aber erst vor zwei Jahren als hartnäckige Verhandlerin bei den Jamaika-Gesprächen. Schon damals war das Weltklima einer ihrer Schwerpunkte.
Harte Verhandlungen stehen Baerbock und ihrer Partei nun erneut bevor. Denn das von den Grünen so heftig kritisierte Klimapaket der großen Koalition soll in großen Teilen noch in diesem Jahr durch den Bundesrat. Dort aber muss die Ökopartei, die in neun Bundesländern mitregiert, die Grundsatzfrage beantworten: Will man die Groko mit ihrem Klimaschutzpaket scheitern lassen, um den Preis, dass noch nicht einmal minimale Fortschritte erzielt werden? Oder verhandelt man ambitioniertere Ziele in das Paket hinein und stimmt dann am Ende zu – mit dem Ergebnis, dass sich bisherige Sympathisanten, etwa von "Fridays for Future", abwenden, weil sie die Grünen dann mitverantwortlich dafür machen, dass beim Klimaschutz viel zu wenig erreicht wurde?
Wie glatt der Boden im Bundesrat ist, hat Baerbock schon lernen müssen. Ihren vollmundigen Spruch, die Grünen würden beim Klimapaket in der Länderkammer kräftig "nachsteuern", kassierte sie schnell wieder ein. Ihre neue Formel lautet: "Selbst der Bundesrat kann bei einem Gesetz, in dem nichts drinsteht, diese Lücke nicht füllen." Diese Haltung hat den Vorteil, dass sie die Erwartungen an die Grünen senkt. Wenn sich die Partei in dem Ländergremium nun vielleicht doch nicht völlig querlegen sollte, ließe sich das leichter mit Verweis auf die kaum vorhandenen Gestaltungsmöglichkeiten erklären.
Klar ist: Der Grünen-Beitrag zum Klimapaket wird ein Balanceakt. Da trifft es sich gut, dass die Anführerin einen großen Teil ihrer Jugend darauf verwendet hat, genau dieses Balancegefühl zu trainieren. Denn Baerbock war einst eine leidenschaftliche Trampolin-Turnerin.
Michael Brosig, Trampolinexperte beim Deutschen Turnerbund, führt noch eine ganze Reihe weiterer Fähigkeiten an, die sich Trampolinturner im Laufe der Jahre aneignen. "Die Bewegungsabläufe sehen zwar einfach aus, aber man braucht viel Ausdauer, Körperspannung und auch eine gewisse Eleganz", sagt er. Wer so scheinbar leicht durch die Luft fliege, müsse vor allem Selbstdisziplin mitbringen. "Das Selbstbewusstsein, auch mal größere Sprünge zu wagen, kommt dann mit der Zeit."
Große Sprünge, Fliegen? Brosig ist überzeugt, dass das, was man beim Trampolinspringen lernt, auch später bei der beruflichen Karriere helfen kann. Ausdauer bringt Baerbock jedenfalls reichlich mit; so half sie zum Beispiel entscheidend dabei, den langen parteiinternen Flügelstreit beim Thema sichere Herkunftsländer für Flüchtlinge beizulegen. Und Selbstdisziplin bewies sie unter anderem in zahlreichen Jamaika-Nachtsitzungen.

Lob auch von der Konkurrenz

Wer Grüne oder Großkoalitionäre danach fragt, wie groß die Chancen sind, dass Baerbock ihre Partei unbeschadet durch die anstehenden Verhandlungen zum Klimapaket bringt, hört immer die gleiche Antwort: Sie wird das wohl schaffen. Die Vize-Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion, Katja Dörner, betont, es werde nicht einfach sein, im Bundesrat aus dem schwachen Klimapaket mehr Klimaschutz rauszuholen. Baerbock als Klimaexpertin sei da besonders gefragt. "Aber ich bin optimistisch, dass sie das gut steuern wird." Der SPD-Umweltexperte Klaus Mindrup betont, er habe "die Kollegin als jemanden erlebt, der auch in der Opposition immer so denkt, als wäre man in Regierungsverantwortung". Deshalb sei er davon überzeugt, dass man die Grünen am Ende werde "einbinden" können, sagt er.
Das Lob des SPD-Abgeordneten mag zum Teil taktisch motiviert sein. Aber es zeigt, dass die Grünen-Politikerin auch bei der Konkurrenz Vertrauen genießt. Vor allem aber macht es deutlich: Man ist auf Baerbock angewiesen; ohne sie geht gar nichts.
Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann scheint der Parteivorsitzenden sogar einen höheren Posten zuzutrauen. Er halte nach der nächsten Bundestagswahl einen grünen Kanzler für möglich, sagt er. Oder, fügt er hinzu, eine "grüne Kanzlerin".