Quotenritual
: Selbstbedienung aus dem Meer

Beim Streit über die erlaubten Fangmenden drehen sich Fischer und Umweltschütze im Kreis. Es wird Zeit, alternative Lösungsansätze zu prüfen.
Von
Michael Gabel
Berlin
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  • Im Fischernetz verfangen: Delfin als ungewollter Beifang

    Im Fischernetz verfangen: Delfin als ungewollter Beifang

    Greenpeace" +++(c) dpa - Bildfunk+++
  • GRAFIK SCHERER / QUELLE: BUNDESMINISTERIUM FÜR ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT; *NORDOSTATLANTIK
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Jetzt kam aus Brüssel die Nachricht, dass die Fischer in diesem Jahr mehr Makrele und Schellfisch aus dem Meer holen dürfen, aber weniger Kabeljau. Prompt kam das zu erwartende Echo.

Klar: Jedes Prozent weniger kann für Fischer zur Existenzfrage werden. Darüber hinaus berührt der Streit aber auch einen grundsätzlichen Konflikt in unserer Gesellschaft: Wie viel Konsum darf sein, wie viel Eingriff in unternehmerische Entscheidungen muss sein? Denn einerseits möchten die Deutschen auf ihr beliebtes Nahrungsmittel nicht verzichten: 13,5 Kilo Fisch und Meeresfrüchte verzehren die Bundesbürger im Schnitt pro Jahr, ähnlich viel wie etwa Rindfleisch. Das ergibt in Deutschland einen Gesamtmarkt von rund sieben Milliarden Euro pro Jahr. Andererseits ist das Meer allein wegen seiner Größe der letzte Ort, an dem die Natur noch intakt ist. Einigermaßen zumindest.

Da einen Kompromiss zu finden, fällt schwer. Aber immerhin gibt es mehrere Ansätze im Kleinen, die die Lage für Fisch und Fischer etwas entspannen könnte. Ein Überblick.

Erster Ansatz: Intelligenteres Quotenmanagement

Am Sinn von Fangquoten zweifelt eigentlich kaum jemand. Denn auch die Fischer haben Interesse daran, die Bestände nicht so stark zu dezimieren, dass das Meer keinen Ertrag mehr bietet. Die EU verfolgt mit ihren Quoten deshalb das Prinzip: Die Einschränkungen von heute sichern die „Ernte“ von morgen.

Das Problem dabei: Wer keine großen Schiffe hat, bekommt auch nur geringe Fangquoten. Zwar geben die Großen den Kleinen manchmal freiwillig etwas ab. „Wenn aber 2020 noch weniger Fisch gefangen werden darf als im vergangenen Jahr, werden auch die großen Schiffe ihre Quoten voll erfüllen“, befürchtet Berufsfischer Peter Dietze aus Niendorf in der Lübecker Bucht. Seine Zukunft sieht er schwarz: „Dann muss ich aufhören.“

Verbessern könnte sich die Situation, wenn ein Betrieb Fangquoten für bestimmte Regionen und bestimmte Fischarten von anderen Unternehmen zukaufen könnte. In Dänemark und dem Nicht–EU–Land Norwegen ist das möglich. Alexander Kempf vom Thünen–Institut in Bremerhaven sagt, Fischereibetriebe könnten so flexibler wirtschaften. Er warnt aber davor, dass es zu einer Konzentration auf wenige Betriebe kommen könnte.

Deshalb fordern manche Fischer, dass der Staat große Schiffe opfern müsse, um die Quoten auf mehrere kleinere zu verteilen. Eine „Abwrackprämie“ solle den Großen den Verzicht versüßen. Kempf sagt dazu: „Man kann das System sicherlich optimieren. Aber das Wichtigste sind die Bestände. Werden sie nicht klug bewirtschaftet, nützt das beste Quotenmanagement nichts.“

Zweiter Ansatz: Alternative Fangmethoden

Tonnenschwere Schleppnetze, mit denen Fischer den Meeresgrund bearbeiten und neben dem gewünschten Ertrag auch jede Menge Beifang an Bord holen — für Fischerei–Kritiker ist dies das Feindbild Nummer eins. „Vor allem in der Tiefsee richten Grundschleppnetze große Schäden an“, heißt es beim World Wide Fund For Nature (WWF). Der Verband will deshalb erreichen, dass diese Art der Fischerei in Tiefsee-Ökosystemen und in flacheren Meeresgebieten wie Nord– und Ostsee weiter eingeschränkt wird. Der Deutsche Fischerei–Verband lehnt das ab. Schleppnetze etwa im tidebeeinflussten Wattenmeer hätten „keine messbaren Auswirkungen“, teilt der Verband mit. Von pauschalen Verbotsforderungen halte man deshalb nichts. Um Beifang zu vermeiden, werde die Möglichkeit genutzt, „selektive Netze einzusetzen“. Der WWF fordert dagegen,