Sozialpsychologe Ulrich Wagner:
: „Angst lässt sich auch für Politik nutzen“

Der Marburger Professor für Sozialpsychologie, Ulrich Wagner, warnt vor übertriebener Angst. Sie werde von Populisten ausgenutzt.
Von
Michael Gabel
Berlin/Marburg
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Prof. Ulrich Wagner.

Jürgen Laackman PSL-Studios Marburg

Herr Professor Wagner, laut einer aktuellen Studie ängstigen sich die Deutschen fast so sehr vor der Kriminalität wie die Mexikaner, obwohl die Menschen in dem lateinamerikanischen Land viel gefährlicher leben. Wie kann das sein?

Das hat damit zu tun, dass unser Bedrohungsgefühl selten auf direkte Erfahrungen zurückgeht. Die Dinge, die uns ängstigen, erfahren wir in der Regel über die Medien oder durch Bekannte und Freunde. So ist es zu erklären, dass viele Deutsche kein realistisches Bild davon haben, wie relativ sicher wir leben, und dazu neigen, Probleme zu sehr zu betonen.

Sind solche übermäßigen Befürchtungen ein Beispiel für die „German Angst“, von der international oft die Rede ist?

Von solchen interkulturellen Zuschreibungen halte ich wenig. Seriöse Aussagen über einen Nationalcharakter lassen sich nicht treffen.

Warum ist aber gerade in den wohlhabenden Ländern dieser Welt das Gefühl der Bedrohung so stark verbreitet?

Ich denke, es ist anders. In ärmeren und von Gewalt massiv geplagten Ländern wie Mexiko, Südafrika, aber auch in Teilen der USA sind viele Menschen gegen Gewalt regelrecht abgestumpft, und sie werden immer gleichgültiger. Wenn die Deutschen sensibler reagieren, sehe ich das eher als Vorteil.

Aber übertriebene Formen der Angst können doch auch durchaus gefährlich sein.

Ja. Angst ist eine wichtige Emotion, denn sie zeigt uns an, wenn ein Ort oder eine Lebenslage gefährlich ist, oder auch wenn der eigene Wohlstand gefährdet sein könnte. Doch ein Übermaß an Angst führt zur Einschränkung der Lebensqualität, wenn man zum Beispiel abends nicht mehr rausgeht. Und politisch lassen sich solche Emotionen gut ausnutzen, indem zum Beispiel jemand die Gefährdungslage schlechter redet, als sie ist, und sich gleichzeitig als Lösung anbietet. Das ist das Prinzip des Populismus. Wir erleben es nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern.