Stasi-Zentrale gestürmt
: Das endgültige Ende der Stasi

An einem kühlen Wintertag Mitte Januar 1990 wurde das Ende der DDR-Stasi besiegelt.
Von
Andreas Förster
Am 15
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Arno Polzin (M), Sachbearbeiter Recherche und Forschung bei der Stasi-Unterlagen-Behörde, spricht auf einer Pressekonferenz zum aktuellen Forschungsstand "Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR" des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Seit 2017 arbeitet das Zentrum die ganz unterschiedlich gearteten Kulturgutentziehungen und -transfers auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR auf.

Sven Braun/dpa

Am Morgen des 15. Januar 1990, einem kühlen, regnerischen Montag, deutet noch nichts darauf hin, dass der Tag Geschichte schreiben wird. Für 17 Uhr hat das Neue Forum auf Flugblättern zu einer „Aktionskundgebung“ an der Stasi-Zentrale in Lichtenberg aufgerufen. Die Demonstranten sollen Kalk und Mauersteinen mitbringen, um die Tore des Komplexes, in dem nach wie vor Tausende MfS-Angestellte ihrer Arbeit nachgehen, zuzumauern.

Im Pankower Schloss Schönhausen tritt an diesem Tag der Zentrale Runde Tisch zusammen und erhöht den Druck auf Ministerpräsident Hans Modrow (SED/PDS), die sofortige Auflösung des alten Stasi-Apparates endlich anzugehen. „Schon seit dem 4. Dezember 1989 waren in der gesamten DDR die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen der Stasi von Bürgerkomitees besetzt worden“, erinnert sich der Meininger Pfarrer Martin Montag. „Damit wurde zum einen die Weiterarbeit des Geheimdienstes verhindert, zum anderen die unkontrollierte Vernichtung von Stasi-Akten unterbunden.“ Montag, Jahrgang 1954, gehörte dem Bürgerkomitee in Suhl an. Bei einem Treffen aller Bürgerkomitees in Leipzig Anfang Januar 1990, so erinnert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung, „war uns klar geworden, dass wir zwar die Bezirke im Griff haben, dass die Berliner Stasi-Zentrale aber nach wie vor ungehindert weiterarbeitet und Akten vernichtet“. Also beschloss man, die Normannenstraße zu besetzen.

Das Vorhaben soll am Vormittag des 15. Januars umgesetzt werden. Die Abgesandten der Bürgerkomitees aus den Bezirken kommen nach Berlin, vereinbaren mit Volkspolizei und Staatsanwaltschaft eine Sicherheitspartnerschaft und begeben sich in die Normannenstraße. Dort erklären sie die MfS-Zentrale für besetzt und weisen die Führung des Ministeriums an, dass sämtliche Mitarbeiter bis zum Mittag ihre Arbeitsplätze räumen sollen. Was die Bürgerrechtler nicht wissen: Die Stasispitze hat angesichts der bevorstehenden Kundgebung ohnehin bereits einen früheren Dienstschluss für ihre Mitarbeiter beschlossen. „Gegen Mittag war die Stasi-Zentrale in der Hand des Bürgerkomitees“, sagt Pfarrer Martin Montag.

Die Demonstranten, die sich ab 16 Uhr an den beiden Zugängen zum Stasi-Komplex an der Rusche- und der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg einfinden, wissen davon aber offenbar nichts. Sie gehen davon aus, dass in dem Ministerium nach wie vor Tausende Stasi-Offiziere sitzen. Tatsächlich aber sind die verwinkelten Bürogebäude zu diesem Zeitpunkt bereits verwaist.

Es ist kurz nach halb fünf, als Bauarbeiter unter den Demonstranten damit beginnen, vor dem verschlossenen Stahltor in der Ruschestraße eine Mauer aus dem mitgebrachten Mörtel und Ziegelsteinen zu errichten. Die Stimmung in der anwachsenden Menschenmenge ist gelöst und heiter, beschreibt Ralf Drescher die damalige Lage. Der heute 60-jährige Fotograf aus Leidenschaft ist mit seiner Kamera zur Kundgebung gekommen, um Bilder von dem Ereignis zu machen. „Ich war überrascht, wie viele Menschen da waren“, erzählt er. „Ab und zu gab es kurze Sprechchöre. ‚Stasi raus’, wurde gerufen, und ‚Tor auf’. Aber von Aggressivität oder Wut war nichts zu spüren. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, hier könne etwas ausarten.“

Auch Christian Halbrock, der heute als Wissenschaftler in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) arbeitet, hat die Situation so erlebt. „Klar wurde auch schon am Tor gerüttelt von einigen, zwei ganz Mutige kletterten dann auch einfach mal drüber“, erinnert er sich. „Aber dann passierte erst einmal nichts weiter. Später habe ich mit den beiden gesprochen, sie sagten, sie seien ungehindert über das Gelände gestromert.“

Der Thüringer Pfarrer Martin Montag steht zu diesem Zeitpunkt zusammen mit anderen Bürgerrechtlern und einigen Polizisten hinter dem Tor. „Ich habe die Rufe gehört und versucht, den Demonstranten draußen zu sagen, die Stasi-Zentrale sei bereits besetzt und ein Bürgerkomitee kontrolliere den Komplex“, erzählt Montag. Er und ein anderer Bürgerrechtler seien auch von innen auf das Tor geklettert, um von dort aus mit den Leuten zu reden. „Doch wir hatten keine Chance“, sagt der Pfarrer. „Niemand hörte uns zu.“ Schließlich sei ein Demonstrant über das Tor geklettert, habe die Riegelstange des verschlossenen Tores gelöst, wodurch es von außen aufgedrückt werden konnte. „Dann ergoss sich der Strom aufs Gelände.“

Es ist genau 17.17 Uhr, als sich das Tor öffnet. Man kann das auf einer zufällig aufgenommenen Videosequenz genau sehen. Ungehindert strömt die Menschenmenge nun auf das Gelände. „Gerannt oder losgestürmt ist allerdings niemand, auch Rufe oder Schreie gab es nicht. Eher machte sich eine bedrückte Stimmung breit“, erinnert sich Arno Polzin. Der heute 57-Jährige ist von seiner Arbeitsstelle, einer kleinen mechanischen Werkstatt in Prenzlauer Berg, nach Feierabend zur Ruschestraße gekommen. „Es war gespenstisch, als ich in den Innenhof kam“, erinnert er sich. „Diese hohen dunklen Gebäude ringsum, dazu ein paar funzelige Laternen, die den Hof der Stasi-Zentrale kaum ausleuchteten. Das wirkte schon sehr bedrohlich.“

Viel spekuliert wird bis heute darüber, warum die Demonstranten so zielgerichtet auf das Haus 18, dem Versorgungsgebäude auf dem Gelände, zusteuerten. Hatten sich Stasi-Leute in den Strom geschmuggelt und die Masse geschickt dorthin gelenkt, damit niemand in die Gebäude der operativen Diensteinheiten eindringt? Arno Polzin findet eine andere Erklärung naheliegender. „Das Haus ist als einziges auf dem Gelände hell erleuchtet gewesen, und wenn man auf so einem dunklen, unbekannten Hof steht, dann orientiert man sich auch nach dem Licht.“ Außerdem habe sich neben dem Versorgungsgebäude an der Normannenstraße ein zweites Zugangstor befunden, vor dem sich ebenfalls Hunderte Demonstranten versammelt hatten. „Das wurde dann von denen, die als Erstes auf das Gelände gelangt waren, von innen geöffnet.“

Christian Halbrock hat eine ähnliche Erklärung. „Es war ja nicht so, dass alle anderen Gebäude verrammelt waren“, sagt er. „Ich bin mit ein paar Freunden auch in das Haus 2 reinspaziert, das dem Versorgungstrakt gegenüberlag. Das war der Sitz der Spionageabwehr, und die Haustür war unverschlossen.“  Im Haus 18, in dem sich neben diversen Büros der Hausverwaltung die Kantine und das Vorratslager der Küche befanden, tobten sich bald viele der Demonstranten aus. Bürotüren werden eingetreten, Losungen an die Wände geschmiert, Schreibmaschinen fliegen aus den Fenstern. Was man an Papieren und Akten findet, wird den Treppenhausschacht hinunter oder aus den Fenstern geworfen.  Wer es bis ins Vorratslager schaffte, bedient sich an französischem Kognak, norwegischen Räucherlachsfilets und steckt Dosen mit Haifischflossensuppe ein.

Schon bald aber legt sich die Zerstörungswut, ernüchtert und gelangweilt irren die Mensche durch die verwüsteten Gänge von Haus 18. Vertreter des Bürgerkomitees und Bereitschaftspolizisten beginnen damit, Stockwerk für Stockwerk das Versorgungsgebäude zu räumen. Anschließend machen sie noch Kontrollgänge durch die übrigen Häuser, schließen Türen ab und versiegeln sie. Bei diesen Kontrollen entdecken die Sicherungskräfte, dass im Bereich der für Gegenspionage zuständigen Hauptabteilung II, die auch Agenten im Westen führt, insgesamt zwanzig Büros und ein Aktenspeicher aufgebrochen und offenbar auch Aktenordner entwendet worden sind. Wer die Eindringlinge waren, bleibt ungeklärt.

Gegen 18 Uhr treffen Politiker und Bürgerrechtler vom Runden Tisch ein und rufen von der Ladefläche eines Lkw aus die Menge zur Gewaltlosigkeit auf. Der Appell fruchtet, die Protestler verziehen sich. Anderthalb Stunden, nachdem das Tor an der Ruschestraße aufgedrückt wurde, kehrt wieder Ruhe ein in der Stasi-Zentrale.

Am nächsten Tag tritt ein neu gebildetes Bürgerkomitee zusammen und nimmt seine Arbeit auf. Einige wie Arno Polzin, die am Vorabend noch mitdemonstriert hatten, sind nun dabei. Die endgültige Auflösung des Staatssicherheitsdienstes der DDR beginnt.

Das MfS sah sich als "Schild und Schwert der Partei"

Die Zentrale des früheren Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), das Ende 1989 durch die Modrow-Regierung in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt wurde, hatte ihren Sitz im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Der streng gesicherte Komplex  umfasste 29 Häuser. Im Hauptgebäude hatte der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke sein Büro.

Die Stasi war im Auftrag der SED Nachrichtendienst und Geheimpolizei. Sie existierte seit 1950 und war ein weitverzweigter Überwachungsapparat, dem 1989 rund 91 000 hauptamtliche und mehr als 100 000 inoffizielle Mitarbeiter angehörten.⇥mg