Stefan Liebing: „Hängt von den Interessen ab“

Stefan Liebing, Chef des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft
ISA GmbHKein falsches, aber ein einseitiges Bild. Alles, was Sie beschrieben haben, gehört ja weiterhin zur afrikanischen Realität. Die ärmsten und korruptesten Länder der Welt finden wir nun mal in Afrika. Aber wir finden dort eben auch das Gegenteil. Länder mit Wachstumsraten von 10 Prozent und mehr, Wolkenkratzer in Boom–Towns und eine ungeheure Dynamik.
Welchessind hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung die interessantesten Länder?
Das ist schwer zu sagen. Es hängt von den jeweiligen wirtschaftlichen Interessen ab. Wer vor allem einen Markt für Endprodukte sucht, wird sich vor allem bevölkerungsreiche Länder wie Nigeria oder Äthiopien anschauen.Wer im Bereich erneuerbare Energien tätig ist, sucht andere Bedingungen als etwa Automobilbauer.
Die Direktinvestitionen deutscher Firmen in Afrika habeninsgesamt einen eher bescheidenen Umfang. Ein Prozent der Auslandsdirektinvestitionen -das sieht nicht nach Vertrauen in einen Zukunftskontinent aus?
Das täuscht. Es stimmt, das Volumen der Investitionen ist vergleichsweise noch gering. Aber wir hatten im vergangenen Jahr eine Steigerung um ca. 10 Prozent.2018 war ein Rekordjahr für deutsche Investitionen in Afrika.
Der Afrika–Verein fordert, dass der Staat Bürgschaften übernimmtund will etwa einen „Energie–Hermes“ für Investitionen in die Elektrifizierung Afrikas. Warum sollen die deutschen Steuerzahlerdas Afrika–Engagement der deutschen Wirtschaft absichern?
Wir haben unglaublich viele Unternehmen, die die Erfahrungen aus der Energiewende nach Afrika bringen wollen. Das scheitert aber oft daran, dass man für Investitionen in Wind–und Solarparks von den Banken keine Kredite bekommt. Die Banken sorgen sich, dass afrikanische Stromversorger am Ende ihre Rechnungen nicht bezahlen.
Was nicht undenkbar scheint.
Die Frage ist, was daraus folgt. Soll man die Investitionen wegen des Risikos ganz einstellen? Dann bleibt die Entwicklung aus. Die zweite Möglichkeit ist, solche Projekte zu 100 Prozent mit Entwicklungsgeldern zu finanzieren. Für die deutschen Steuerzahler würde das sehr teuer. Die dritte Möglichkeit, Investitionen abzusichern, ist die weitaus sinnvollste und günstigste. Die Firmen werden ja durch die Bürgschaften nicht subventioniert, sondern schließen eine Versicherung ab.
Die greift, wenn es zum Beispiel zu Unruhen kommt?
Genau. Oder etwas zu Enteignungen.
Wie machen es denn andere Länder? Gibt es für chinesische Unternehmen ähnliche staatliche Absicherungen?
Sogar in einem viel größeren Umfang. Auch in einigen europäischen Nachbarländern ist die staatliche Unterstützung deutlich größer als bei uns. Deutschland ist auf diesem Gebiet Schlusslicht.
Der Einfluss Chinas in Afrika ist enorm. Frankreich sucht gerade die Zusammenarbeit mit China auf dem afrikanischen Kontinent. Ist das der richtige Weg?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Aber es gibt Vieles, was wir nicht von chinesischen Firmen in Afrika lernen wollen. Das betrifft die Qualität von Produkten, den Umgang mit Arbeitskräften oder den Mangel an lokaler Wertschöpfung. Andererseits: Die Chinesen sind da und unternehmen etwas. Mir sagen Vertreter afrikanischer Ministerien, dass sie bei staatlichen Ausschreibungen für Infrastrukturprojekte oft nur noch chinesische Angebote bekommen. Dann verstehe ich auch afrikanische Regierungen, die mit chinesischen Unternehmen abschließen, auch wenn sie wissen, dass sie in Deutschland vielleicht bessere Qualität bekommen.
Seit 2016 hat das Wirtschaftswachstum in Afrika stark an Tempo verloren. Das lag vor allem an gesunkenen Rohstoffpreisen — hat denn die deutsche Wirtschaft ein Interesse daran, dass die Wertschöpfungskette sich ändertund in Afrika selbst Rohstoffe verarbeitet werden?
Zunächst einmal: Deutsche Unternehmen sind im Bereich Rohstoffförderung in Afrika de facto nicht tätig. Bei Infrastruktur–und Energieprojekten oder bei der Automobilherstellung ist die lokale Wertschöpfung sehr wohl von Bedeutung. Dort investieren wir mehr als je zuvor.
Wenn es um Kaffee geht, ist es doch vorteilhafter nur den Rohkaffee zu importieren und ihn nicht in den Herkunftsländern zu rösten.
Auch da ändert sich etwas. Es gibt immer mehr Bestrebungen den Kaffee auch vor Ort zu rösten und zu verarbeiten.
Der Afrika–Verein warstrikt gegen ein Wertschöpfungskettengesetz. Begründung:"Eine rigide gesetzliche Regelung für menschenrechtliche Sorgfalt kann zu einem Rückzug deutscher Unternehmen aus den herausfordernden Märkten auf dem afrikanischen Kontinent führen.“ Die Bundesregierung hat im Juni mitgeteilt, dass es ein solches Gesetz nicht geben wird. Was ist denn gegen die menschenrechtliche Sorgfalt einzuwenden?
Natürlich nichts. Ich glaube, es gibt keinen deutschen Mittelständler, der in Afrika arbeitet und der seine Leute nicht anständig behandelt. Aber wenn Bundesentwicklungsminister Müller die deutsche Wirtschaft zu Investitionen in Afrika auffordert, dann ist es kontraproduktiv, wenn Geschäftsführer von Unternehmen nun zeitgleich hören, dass sie künftig mit Gefängnisstrafen bedroht werden, falls sie nicht nachweisen können, dass auch beim Lieferanten des Lieferanten alles in Ordnung ist.
Das ist doch eine berechtigte Forderung.
Und die deutschen Unternehmen machen sehr viel, um sie zu erfüllen. Wir wollen konkrete Verbesserungen, keine erhöhten Strafandrohungen. Aber der lückenlose Nachweis erfordert einen bürokratischen Aufwand, den vielleicht Dax–Unternehmen stemmen können, aber keine Mittelständler. Und wenn die deutschen Unternehmen dann wegbleiben, werden Chinesen, Inder oder Brasilianer einsteigen, deren Regierungen solche Standards nicht einfordern.
Wir haben Dynamik in Ruanda, wo diktatorische Verhältnisse herrschen oder etwa im Senegal, wo es eine demokratische Tradition gibt. Das könnte den Eindruck vermitteln, dass die politischen Verhältnisse zweitrangig sind.
Das würde ich nicht sagen. Die deutschen Investitionen sind weltweit gefragt. Wer die Wahl hat, wird sich für ein reformorientiertes und demokratisches Land entscheiden. Auf der anderen Seite können Investitionen zur Stärkung von Demokratie beitragen. Investitionen führen zu höheren Einkommen, die zu höherer Bildung und zu mehr Informationszugang führen. Im Ergebnis werden die Menschen dann auch mehr demokratische Mitsprache einfordern.
Also Investitionen auch in Diktaturen?
Zumindest ist es falsch, perfekte Bedingungen zur Investitionsvoraussetzung zu machen, wenn man doch durch Investitionen die wirtschaftliche und politische Entwicklung fördern kann.
Wie beurteilen Sie denn die deutsche Afrikapolitik insgesamt? Es gibt den Vorwurf, sie sei zu sehr von dem Gedanken geprägt, die Migration nach Europa einzudämmen.
Der Verdienst der vielen Aktivitäten,Marshallplan mit Afrika, Pro! Afrika und andere mehr, ist, dass sich die öffentliche Wahrnehmung verändert hat. Viele Unternehmer fühlen sich mittlerweile angeregt, Investitionen in Afrika zu erwägen.Außerdem hat es einen Paradigmenwechsel gegeben — weg von der klassischen Entwicklungshilfe hin zu dem Ansatz, dass nachhaltige Entwicklung nur funktioniert, wenn die Menschen vor Ort gute Jobs bekommen. Das zu fördern, macht mehr Sinn als viele Vorhaben, die in der Vergangenheit nichts gebracht haben.
Durch ausländische Investitionen?
Auch durch ausländische Investitionen. Jedenfalls geht bei der aktuellen deutschen Afrikapolitik einiges in die richtige Richtung. Möglicherweise aus den falschen Gründen, aber am Ende zählt das Ergebnis. Was oft noch fehlt, sind passgenaue Instrumente, wie zum Beispiel die schon erwähnten Bürgschaften für Investitionen in erneuerbare Energien. Wenn wir das noch lösen, dann glaube ich fest daran, dass deutsche Unternehmen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung in Afrika leisten können. Ich bin sicher, dass wir gerade den Beginn einer afrikanischen Erfolgsgeschichte sehen.