Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani
: Zündeln am Pulverfass Nahost

Mit der Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani gehen die USA ein enormes Risiko ein. Denn die Regierung in Teheran wird hochaggressiv reagieren.
Von
Martin Gehlen
Washington
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Fahrzeuge fahren an einem Banner vorbei, das ein Porträt des Kommandeur der iranischen Al-Kuds-Brigaden Soleimani zeigt. Auf Persisch ist zu lesen: „Märtyrer Hajj Ghassem Soleimani, er ging, damit der Iran bleiben kann.“ Soleimani war bei einem US-Raketenangriff nahe dem Flughafen der irakischen Hauptstadt Bagdad getötet worden.

Vahid Salemi/dpa

Entsprechend unabsehbar sind die Folgen dieses politischen Attentats. Irans Oberster Revolu­tionsführer Ali Chamenei erklärte „die Kriminellen erwartet eine schwere Rache“. Kommandeure pro–iranischer Milizen im Irak und der Hisbollah im Libanon befahlen ihren Kämpfern, sich für Vergeltungsaktionen zu rüsten. Die USA forderten ihre Bürger auf, den Irak auf schnellstem Wege zu verlassen. Das Pentagon erklärte, die US–Armee habe die Operation auf Anweisung von US–Präsident Donald Trump ausgeführt, um weitere Attacken auf amerikanische Kräfte in der Region zu verhindern.

Nach Angaben irakischer Sicherheitskreise kam Soleimani mit einer Maschine aus Syrien und stieg direkt auf dem Rollfeld in seinen Wagen, in dem der 62–Jährige wenig später starb. Auf dem Tahrir–Platz in Bagdad, wo aufgebrachte Iraker seit Monaten gegen das Versagen der eigenen Regierung und gegen die übermächtige Präsenz des Iran demonstrieren, brach Jubel aus. Die überwiegend jungen Protestierer machen vor allem Scharfschützen pro–iranischer Paramilitärs für die bislang 460 Todesopfer und 15 000 Verletzten in ihren Reihen verantwortlich. Wie im Irak begehrt auch im Libanon seit Monaten die Bevölkerung gegen ihre Staatselite auf, auch gegen die irantreue Hisbollah, die sich wie ein Staat im Staat gebärdet.

Gleichzeitig stieg im Irak seit Juni die Zahl der Angriffe schiitischer Milizen auf amerikanische Einrichtungen. Ausgelöst wurde der jüngste Schlagabtausch am 27. Dezember durch den Raketenbeschuss eines Militärlagers nahe Kirkuk, bei dem ein amerikanischer Vertragsunternehmer starb. 48 Stunden später griffen US–Kampfjets fünf Kasernen an und töteten 24 schiitische Paramilitärs. Abertausende pro­-iranische Männer drangen daraufhin zu Silvester in die Grüne Zone von Bagdad ein und versuchten, das Gelände der US–Botschaft zu stürmen. In der Menge befand sich auch der mit Soleimani getötete Milizen–Kommandeur Abu Mahdi al–Muhandis, der als eingeschworener USA–Hasser galt.

Brigaden im Ausland

Soleimani stammte aus armen Verhältnissen im Osten des Iran nahe der Stadt Kerman und besuchte nur wenige Jahre die Schule. Als junger Mann trat er kurz nach dem Sturz des Schahs 1979 in die neu gegründeten Revolutionären Garden ein. Den Krieg gegen den Irak von 1980 bis 1988 erlebte er an der Front. 1998 ernannte ihn Ajatollah Ali Chamenei zum Kommandeur der Al–Kuds­-Auslandsbrigade, die etwa 15 000 Elitesoldaten unter Waffen hat. Erst mit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 wurde der General mit dem gepflegten Bart international bekannt. Aus Revolutionären Garden, irakischen Paramilitärs und Hisbollah–Kämpfern formte er eine Streitmacht, die das Regime von Baschar al–Assad vor dem Zusammenbruch bewahrte.

Regimetreue Iraner verehren den General deswegen wie einen Nationalhelden und Superstar. Bei anderen Teilen der Bevölkerung jedoch stießen die kostspieligen Auslandseinsätze der Revolutionären Garden auf immer heftigere Kritik. „Nein zu Gaza, nein zu Libanon, lasst Syrien fahren, denkt mal an uns“, skandierten im vergangenen November zum wiederholten Male Hunderttausende Iraner überall im Land, ein viertägiges Aufbegehren, das die klerikale Führung in Teheran nur mit brutaler Gewalt, mindestens 500 Toten und 7000 Verhafteten unterdrücken konnte.

„Aus iranischer Sicht ist kaum ein Akt vorstellbar, der noch gezielter und provokanter sein könnte“, erklärte Robert Malley, Präsident der „International Crisis Group“, einer NGO, die Analysen und Lösungsvorschläge für internationale Konflikte erarbeitet. Nach seiner Einschätzung werde der Iran jetzt wahrscheinlich hochaggressiv reagieren. „Egal ob Präsident Trump dies beabsichtigte oder nicht, faktisch ist das Ganze eine Kriegserklärung.“