Umfrage
: Ärztemangel auf dem Land wächst

Menschen aus kleineren Orten sind immer unzufriedener mit der Versorgung. Die AOK investiert 100 Millionen zusätzlich.
Von
Hajo Zenker
Berlin
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Die Menschen aus kleineren Orten sind immer unzufriedener mit der medizinischen Versorgung.

dpa/Bernd Weissbrod

Immer mehr Bewohner kleiner Orte in Deutschland beklagen eine Verschlechterung der ärztlichen Versorgung. Das ergab eine repräsentative Forsa–Umfrage im Auftrag der AOK, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Krankenkasse will gegensteuern.

Während etwa in Großstädten nur von 17 Prozent der Befragten ein zunehmender Facharztmangel konstatiert wurde, waren es in Orten mit unter 5000 Einwohnern 27 Prozent. Auf dem Land sei nicht einmal die Hälfte der Deutschen mit der Facharztversorgung zufrieden. „Es wird dort eine deutliche Verschlechterung wahrgenommen. Die Menschen sind in Sorge“, sagte dazu der Chef des AOK–Bundesverbandes, Martin Litsch. Man wolle sich daher noch stärker um den ländlichen Raum kümmern.

Alle elf AOKs würden deshalb im laufenden und im kommenden Jahr insgesamt 100 Millionen Euro zusätzlich in bestehende und neue Projekte stecken, um die Versorgung vor Ort zu verbessern. Dazu gehört der Versuch, in Templin (Uckermark) Haus– und Fachärzte, Krankenhaus, Apotheken, Therapeuten und Pflegedienste koordiniert zusammenarbeiten zu lassen. Dazu soll die Klinik in ein ambulant–stationäres Zentrum verwandelt werden. Die Expertise weit entfernter Fachärzte soll per Telemedizin abgerufen werden. Für die AOK Nordost, die an dem Projekt beteiligt ist, wird denn auch „ohne digitale Lösungen wie Videosprechstunden, Telemedizin und elektronische Patientenakte eine optimale Versorgung unserer Versicherten gerade in den Flächenländern in Zukunft immer schwerer möglich sein“, so Vorstand Daniela Teichert.

Die Patienten zeigen dafür „eine sehr große Aufgeschlossenheit“, wie Martin Litsch betonte. Der Forsa–Umfrage zufolge befürworten neun von zehn Befragten, dass nichtärztliche Fachkräfte anstelle der Mediziner Hausbesuche übernehmen — wie man sie etwa in Brandenburg umgangssprachlich als Gemeindeschwester Agnes kennt. Acht von zehn Deutschen finden mobile Arztpraxen gut. Und jeder Zweite kann sich vorstellen, eine Videosprechstunde zu nutzen. Ein Drittel würde sogar den allerersten Kontakt mit einem Mediziner per Datenleitung erledigen.

Der AOK–Chef forderte die Politik auf, auf zentralistische Vorgaben zu verzichten, und lieber dafür zu sorgen, „dass Kassen und Leistungserbringer vor Ort Beinfreiheit für agile, kreative Lösungen behalten“. Schließlich beiße sich die Bundespolitik schon seit längerem die Zähne daran aus, den Landarztberuf wieder attraktiver zu machen. Man könne auch keine Ärzte aufs Land zwingen. Deshalb müssten neue Lösungen her.

Wie wichtig den Deutschen eine jederzeit verfügbare Gesundheitsversorgung ist, zeigen weitere Zahlen: Unter den verschiedenen Infrastruktureinrichtungen vor Ort sind den Bundesbürgern die Hausärzte mit 95 Prozent am wichtigsten, noch vor Einkaufsmöglichkeiten (93 Prozent), Internetzugang (90), Schulen (87) oder dem öffentlichen Nahverkehr (83).