Vatikan
: Am Scheideweg

In Rom kommt ab Donnerstag die Missbrauchskonferenz der katholischen Kirche zusammen. Ihre Ergebnisse dürften entscheidend sein.
Von
Elisabeth Zoll
Vatikanstadt
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Umstritten: Vor allem rechte Kleriker üben teils harsche Kritik an Papst Franziskus.

dpa/Evandro Inetti

Ist Papst Franziskus ein Abtrünniger, wie konservative Kritiker behaupten, oder korrigiert er Irrwege? Darüber ist ein Streit entbrannt. Er dürfte auch die internationale Missbrauchskonferenz im Vatikan prägen.

Mit harschen Worten wird schon lange nicht mehr gegeizt innerhalb der katholischen Kirche. „Dieser Papst erschüttert uns zutiefst“, formulierte Davide Pagliarani, der neue Generalobere der traditionalistischen Piusbruderschaft, die zum rechten Rand des katholischen Spektrums zählt. Der erzkonservative Kleriker steht nicht allein mit seiner Kritik.  Auch andere Konservative, wie der US-amerikanische Bischof Raymond Leo Kardinal Burke,  bezichtigen Franziskus immer unverhohlener der Häresie, des Abfalls von der reinen Lehre. Der Papst ein Abtrünniger? Ein Zerstörer des katholischen Glaubens?

In der katholischen Kirche tobt ein Richtungsstreit, manche sprechen gar von „Bürgerkrieg“ hinter heiligen Mauern. Es geht um den Kurs der katholischen Kirche und damit verbunden um die Deutungshoheit über das Pontifikat von Papst Franziskus. Führt der Argentinier die Weltkirche an den Abgrund oder öffnet er sie für die Menschen der heutigen Zeit?

Rechte Papst-Kritiker stoßen sich am Entgegenkommen des Papstes bei der Kommunion für Geschiedene, lehnen Einladungen zu den Sakramenten für nicht-katholische Ehepartner ab, deuten Überlegungen zum Diakonat der Frau gar als Einfallstor für ein späteres Frauenpriestertum und werfen dem Papst insgesamt vor, zu viel auf die Gewissensfreiheit des Einzelnen zu setzen und zu wenig auf kirchliche Lehrsätze. Auch seine Kapitalismuskritik („diese Wirtschaft tötet“) hat dem Kirchenoberhaupt Feindschaft eingebracht. Vor allem in den USA, wo ultrakonservative Netzwerke um den einstigen Trump-Vertrauten Stephen Bannon Widerstand gegen den Pontifex organisieren.

Und doch spaltet die katholische Kirche derzeit nichts so sehr wie Debatten über die Sexualmoral und damit verbunden die Bewertung von Homosexualität. Ist diese sexuelle Neigung die Ursache für sexuelle Verbrechen von Klerikern an Kindern und damit der Auslöser der größten Kirchenkrise der jüngeren Zeit, wie gerade konservative Kirchenmänner steif und fest behaupten oder liegen die Wurzeln der Verbrechen tiefer: in der unreifen Sexualität mancher Amtsträger, einem fehlgeleiteten Priesterbild und üblem Machtmissbrauch? Ist also, wie Hans Zollner, Jesuitenpater und Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, formuliert, „der Missbrauch selbst die Krankheit der Kirche“ oder muss er verstanden werden als „ein Symptom für ein wesentlich breiteres Krankheitsbild“?

Die Frage wird zum Schlüsselthema einer internationalen Konferenz, zu der Franziskus vom 21. Februar an alle Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen in den Vatikan einbestellt hat. Die Antwort darauf wird Aufschluss geben, ob die katholische Kirche als Reaktion auf den Missbrauchsskandal bereit ist, Strukturen und Priesterbild zu überdenken oder ob sie Ablenkungsdebatten führt.

In Deutschland haben dieser Tage prominente Katholiken in einem Schreiben an den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, davor gewarnt, den Eindruck zu vermitteln, „es solle am Ende doch alles beim Alten bleiben“. Die Kirche müsse sich systemischen Risiken stellen. „Die Aussicht auf Macht in Männerbünden zieht Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockieren notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse“, formulieren unter anderem die Jesuitenpatres Klaus Mertes und Ansgar Wucherpfennig, der langjährige Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen. Weil dieser unter anderem Segensfeiern für homosexuelle Paare befürwortet hatte, musste er gerade um die Verlängerung seiner Lehrbefugnis bangen.

Diese Sichtweise wird von vielen Bischöfen nicht geteilt. Diese deuten die Verbrechen an Kindern als negativen Ausfluss sexueller Liberalität und wollen dafür vor allem  Homosexuelle verantwortlich machen. Diese gelte es zu verurteilen und auszuschließen. Dem Leitbild einer integrierenden Kirche, wie sie Papst Franziskus vorschwebt, läuft das zuwider.

Das Kirchenoberhaupt hatte bereits 2013 auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro seinen Linie markiert: „Wer bin ich, über Homosexuelle zu richten“, sagte Franziskus vor Journalisten – und sorgte damit für Erstaunen. Ein Papst der sexuelle Minderheiten annimmt, nicht verurteilt?

Sexual- und Moralfragen spalten Papstfreunde von Papstgegnern. Der von Franziskus entlassene frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hat sich im Lager entschiedener Kritiker positioniert. Scharf brandmarkt er den „Ungeist“, dass die Offenbarung Gottes an die Welt angepasst werde, „damit einem Leben nach den eigenen Lüsten und Bedürfnissen nichts mehr im Wege steht“. Nicht die Entscheidungs- und Gewissensfreiheit des Einzelnen könne Leitschnur sein, sondern allein Dogmen und Lehre. Und diese weiche Franziskus auf mit seiner Interpretation von Barmherzigkeit.

Die Konferenz in Rom wird zeigen, ob die katholische Kirche zu einer Neubesinnung und zur Öffnung fähig ist oder ob jene die Deutungshoheit an sich reißen können, die um keinen Preis Veränderung wollen. Ablesbar sein wird das an der Positionierung der Bischöfe zur sexuellen Gewalt durch Kleriker und zur Homosexualität.

Stichwort Aufarbeitung

Nachdem Missbrauchsskandale die Kirchen in den USA, Deutschland, Irland und Australien erschütterten, gehen diese bei der Prävention nun voran. Andere hinken nach:

■ Europa In Spanien, Portugal, Italien oder Polen steht die Aufarbeitung der Verbrechen von Klerikern noch am Anfang.

■ Asien In Thailand und den Philippien war Sex mit Minderjährigen im 20. Jahrhundert legal. Das prägt das Rechtsbewusstsein bis heute.

■ Lateinamerika Nach der Aufdeckung von Missständen in Chile, die zum Rücktritt der gesamten Bischofskonferenz geführt haben, nimmt die Aufarbeitung Fahrt auf.

■ Afrika Hier gibt es kulturell andere Vorstellungen von sexueller Reife und Volljährigkeit. Das wirkt sich auch auf die Bewertung von sexuellem Missbrauch aus.⇥(KNA)