zu einheitlichen Corona-Regeln
: Im Gleichschritt

Angela Merkel will einheitliche Corona-Regeln. Wozu nur?
Von
André Bochow
Berlin
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André Bochow

Thomas Koehler/photothek.net

Das Wichtigste: Die Bedingungen sind verschieden und sie verändern sich. Einige Bundesländer haben sehr viele Infizierte, andere fast gar keine. Warum sollen denn in Sachsen nicht mehr Menschen eine Hochzeit feiern können als in Bayern, wenn in Sachsen das Ansteckungsrisiko sehr klein ist? Ja, ein Restrisiko bleibt. Aber das ganze Leben besteht aus Restrisiken. Und es kann auch sein, dass der eine oder die andere bei unterschiedlichen Corona-Regeln durcheinanderkommt, wenn sie oder die Grenzen der Bundesländer passiert. Wahrscheinlich ist das nicht. Überall in Deutschland macht man sich die Mühe, mit diversen Schrift-und Symbolaufschriften das Tragen von Masken dort durchzusetzen, wo es nötig ist. Und wie hoch das jeweilige Bußgeld ist, wurde dem Corona-Sünder von den Behörden bislang stets zügig mitgeteilt.

Die Pandemiebekämpfung ist Ländersache. Deutschland hat sich für den Föderalismus entschieden, der sinnvolle Absprachen nicht ausschließt. Warum die Eigenverantwortung der Bundesländer nun ausgerechnet bei der Größe von Familienfeiern aufgegeben werden sollte, ist rätselhaft. Vor allem in einem System, in dem es bis heute noch nicht einmal gelungen ist, einheitliche Standards für Abiturprüfungen zu vereinbaren. Nicht zu reden von dem Chaos, dem Wildwuchs und den Ungerechtigkeiten im Bildungssystem überhaupt. Es ist ein Unterschied, ob die Chance sich mit einem Virus zu infizieren bei 1: 1000 oder 1: 100 000 liegt. Entsprechend kann man die Maskenpflicht und andere Maßnahmen anpassen. Wenn sich aber jemand nach der Schule um ein Studium oder um eine Ausbildung bemüht, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Unis oder Arbeitgeber fragen, wo denn der Schulabschluss erworben wurde, bei 100 Prozent. Gleichschritt? Höchstens bei einem Thema wie Bildung. Bei Corona wird er nicht gebraucht, auch wenn lautstark danach verlangt wird.

Und am Ende ist er sogar kontraproduktiv. All die aufgebrachten und selbsternannten Querdenker, Freiheitskämpfer und Anhänger von Verschwörungs-Mythen fühlen sich doch in der Annahme bestätigt, dass die vermeintlich diktatur-lüsternen Politiker, Corona ausnutzen, um auf Dauer durchzuregieren und die Bürger mit Zwangsmaßnahmen zu knechten. Doch auch jene Mehrheit, die die Realitäten einer Pandemie anerkennt, akzeptiert Zwangsmaßnahmen nur dann, wenn sie ihr sinnvoll erscheint. Es ist für unser Zusammenleben von großer Bedeutung, dass auch lokale Erfolge im Kampf gegen Corona anerkannt und nicht durch Gleichmacherei schnöde ignoriert werden.

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