zu sinkenden Bahnticket-Preisen
: Keine Wunderwaffe

Die Bahn verzichtet auf eine Preiserhöhung im Dezember, wenn die Mehrwertsteuer sinkt. Damit will sie mehr Bahnkunden anlocken.
Von
Dorothee Torebko
Berlin
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Dorothee Torebko

privat

Der Staatskonzern ist der Feuerwehrmann, der vor dem Abpfiff noch das Klima retten soll. Die Strategie sieht so aus: Wir müssen ausnutzen, dass die Bahn ein umweltfreundlicher Verkehrsträger ist. Das machen wir, indem wir die Ticketpreise senken und zack, steigen Millionen Menschen vom Auto oder Flieger in den ICE um. Klingt nach schöner, grüner Mobilitätswelt. Doch so leicht ist es nicht.

Natürlich wäre es eine gute Nachricht für Bahnfahrer, wenn die Preise zum einen nicht ab Dezember erhöht würden. Und wenn zum anderen durch eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes Fahrkarten um bis zu zehn Prozent billiger werden könnten. Doch erstens profitierten nur wenige von einer Preisstabilität. 2018 betrafen die Preiserhöhungen einen Bruchteil der Bahnfahrer – nämlich zehn Prozent. Zweitens brächten billigere Tickets der Bahn keinen entscheidenden Vorteil gegenüber Flugzeugen: Für die Strecke Berlin–Düsseldorf zahlt der DB-Kunde 40 Euro mehr als mit dem Flieger und ist mindestens zwei Stunden länger unterwegs.

Nun werden umweltbewusste Politiker und Bahn-Fans sagen: Für das Klima muss der Bürger eben Zeit und Geld investieren. Eine aktuelle Umfrage des Digitalverbandes Bitkom bestätigt sogar den wachsenden Willen der Bürger, für den Umweltschutz auf Bequemlichkeit zu verzichten. Für 72 Prozent der Befragten spielt der Klimaschutz eine sehr große Rolle bei der Wahl des Verkehrsmittels. Das war vor ein paar Jahren nicht so. Die Voraussetzungen für die Klima-Wunderwaffe sind so gut wie nie zuvor. Deshalb rechnet die Bahn damit, dass sie durch ihre Preisoffensive mindestens fünf Millionen Kunden gewinnt.

Doch Stand heute kann das Unternehmen froh sein, wenn nicht mal zehn Prozent davon umsteigen. Denn das Streckensystem ist jetzt schon völlig ausgelastet. An Knotenpunkten stauen sich die Züge. Zudem müssen Weichen, Gleise und Brücken während des laufenden Betriebs modernisiert werden. Das bedeutet 800 Baustellen pro Tag – und jede Menge Verspätungen. Wäre das alles gelöst, nichts wäre gut. Denn es gibt nicht einmal genügend Schnellzüge, um die Reisenden zu transportieren. Die bestellten Züge sind teilweise kaputt. Im Sommer erst konnten ICE4 wegen kaputter Schweißnähte nicht ausgeliefert werden – eine Blamage. Und wenn die Fernzüge dann mal fahren, haben sie zumeist defekte Klos, das Bordbistro ist geschlossen oder sie sind heillos überfüllt.

Deshalb reicht es nicht aus, ein wenig an der Preisschraube zu drehen und zu hoffen, dass die Bahn das Klima schon retten wird. Sie ist derzeit dazu nicht in der Lage. Die Bahn braucht mehr Zeit, um die Probleme zu lösen und sich auf die Millionen Neu-Kunden einzustellen. Das Gute ist, dass sie das längst erkannt hat.

leserbriefe@moz.de