zu Work-Life-Balance: Die wichtige Forderung nach mehr Zeit statt nach mehr Geld

Tanja Wolter
SWPMehr Freizeit statt mehr Geld – durchgesetzt wurde dieses Novum von den Gewerkschaften. Der Erfolg der Regelungen zeigt: Sie hatten den richtigen Riecher für die Wünsche der Beschäftigten – und damit auch für potenzielle Neu-Mitglieder.
Das eigentlich Neue an den Vereinbarungen ist, dass der Arbeitnehmer eine Wahl hat. Er kann weitgehend selbst entscheiden, ob er – um bei der Bahn zu bleiben – sechs Tage Urlaub oben drauf legt oder 2,6 Prozent mehr Geld bekommt, wie es die jüngsten Tarifabschlüsse vorsehen. Die Freizeit-Alternative wird überraschend gut angenommen, nicht nur bei der Bahn. Auch in der Metall- und Elektroindustrie steht sie hoch im Kurs. Selbst die Post verzeichnet eine rege Nachfrage, obwohl Zusteller längst nicht so gut verdienen wie Metaller.
Allein mit Wohlstand lässt sich der starke Zuspruch also nicht erklären. Er offenbart ein gewachsenes Selbstbewusstsein, sich einfach mal dem Leistungsdruck zu entziehen, anstatt sich mit Geld zu einem möglichst noch höheren Arbeitspensum bestechen zu lassen. Unternehmen mit großem Personalbedarf bleibt momentan kaum etwas anderes übrig, als sich solchen „weichen“ Anliegen zu öffnen, wenn sie attraktiv sein wollen. Zeit ist dabei nur ein Faktor: Umfragen belegen, dass vielen Beschäftigten neben der Work-Life-Balance auch Respekt, ein gutes Betriebsklima und eine offene Unternehmenskultur wichtiger sind als die Bezahlung. Das gilt insbesondere für jüngere Generationen.
Für die Nutznießer ist das alles schön. Millionen Beschäftigte im Niedriglohnsektor haben dagegen keine Wahl, für sie zählt jeder Euro. Aber auch sonst ist nicht ausgemacht, dass sich solche Tarifverträge in der Breite durchsetzen. Denn die Zeiten der Wunscherfüllung könnten bald vorbei sein. In einer Rezession drohen Kurzarbeit, Nullrunden und Entlassungen. Vielleicht haben manche dann mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Gerade für junge Menschen, die solche Phasen noch nicht kennen, kann es ein böses Erwachen geben.
