Zukunftsfähig
: Vorstand im Interview: Bahn verliert 100.000 Mitarbeiter

Die Bahn hat in letzter Zeit ziemlich viele negative Schlagzeilen produziert. Wie schlecht ist die Stimmung in der Belegschaft?
Von
Dorothee Torebko,
Dieter Keller
Berlin
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Nach langen Verhandlungen: Martin Seiler, Vorstand Personal und Recht der Deutschen Bahn AG, gibt eine Erklärung zum Tarifergebnis ab. Bahn und Gewerkschaft hatten sich auf eine Lohnerhöhung von insgesamt 6,1 Prozent in zwei Stufen geinigt.

dpa/Annette Riedl

Die Bahn hat in letzter Zeit ziemlich viele negative Schlagzeilen produziert. Wie schlecht ist die Stimmung in der Belegschaft?

Wir haben gerade wieder unsere weltweit über 300.000 Mitarbeiter befragt. Die Zufriedenheit ist stabil. Bei Verbundenheit, Loyalität und Spaß bei der Arbeit haben sich die Werte sogar verbessert. Dass unsere Belegschaft hinter uns steht, zeigt auch die Entwicklung der letzten Jahre: Seit 2012 machen wir die Befragung alle zwei Jahre. Seither war die Mitarbeiterzufriedenheit durchgängig stabil.

Dennoch hat die Bahn mit einem schlechten Bild nach außen zu kämpfen. Unpünktliche Züge, veraltete Infrastruktur und zu wenig Mitarbeiter. Wie schwer macht dieses Image die Suche nach geeignetem Personal?

Wir stehen bei der jetzigen Arbeitsmarktsituation vor großen Herausforderungen, aber wir rekrutieren erfolgreich. Letztes Jahr haben wir über 24 000 neue Kolleginnen und Kollegen eingestellt. Dieses Jahr planen wir 22 000 Einstellungen. Wir sind zuversichtlich, dass wir das wieder schaffen. Die Situation ist aber unterschiedlich, je nach Region und Beruf.

Welches Personal ist besonders schwierig zu finden?

Neben Ingenieuren und IT–Experten besonders die bahnspezifischen Berufe, also Lokführer, Gleisbauer und Fahrdienstleiter. Wir suchen 2019 allein rund 1.500 Fahrdienstleiter, die in den Stellwerken den Zugbetrieb regeln, und über 2000 Lokführer. Sie sind nicht so einfach auf dem Markt zu finden wie etwa Bürokaufleute. Wir müssen sie in der Regel erst qualifizieren und brauchen dafür einen gewissen Vorlauf. Um hier schneller und besser zu werden, erhöhen wir in diesem Jahr die Ausbildungskapazitäten um ein Drittel. Aber die Bahn ist ein attraktiver Arbeitgeber. Wir haben allein im vergangenen Jahr 320 000 Bewerbungen bekommen.

In den kommenden Jahren verlassen aber auch viele Mitarbeiter den Konzern — etwa weil sie in Rente gehen. Wie wollen Sie diese Löcher stopfen?

In den nächsten zehn bis zwölf Jahren verlieren wir die Hälfte der Belegschaft in Deutschland, also rund 100 000 Mitarbeiter. Das heißt: Rekrutieren, Qualifizieren und dann auch in den Konzern Integrieren bleiben eine fortwährende Aufgabe. Wir besetzen nicht nur nach, sondern wachsen auch. Im letzten Jahr haben wir rund 7500 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Unsere Devise: Mehr Personal für mehr Qualität. Das sind wir unseren Kunden schuldig. Neben mehr Investitionen in Fahrzeuge und Infrastruktur ist das ein Schlüssel für eine bessere Bahn. Um diese neuen Mitarbeiter zu begeistern, gehen wir auch neue Wege.

Welche sind das?

Ein Beispiel: Wir haben in Frankfurt am Main und München einen Waggon in einen Bahnhof gestellt und gesagt: Jeder, der seine Bewerbungsunterlagen mitbringt, erhält, wenn alles passt, am gleichen Tag eine vorläufige Einstellungszusage. In München kamen rund 200 Interessenten, und wir haben 68 Zusagen gemacht. Das zeigt: Wenn man Hürden abbaut, kann es funktionieren.

Sie werben Über–50–Jährige und Studienabbrecher an. Sind Zehntklässler nicht qualifiziert genug für eine Ausbildung?

Wir müssen schlicht alle Zielgruppen betrachten. Schulabgänger kommen bei uns für eine duale Berufsausbildung infrage. Wir stellen zum September rund 4000 Azubis ein, nochmal 200 mehr als im Jahr davor. Am wichtigsten ist uns, dass die Neuen zu uns passen und dass sie motiviert sind, hier zu arbeiten und die Bahn nach vorne zu bringen. Alles andere, wie das Alter, ist zweitrangig.

Die Bahn hat mit einem angestaubten Image zu kämpfen. Ist sie für junge Arbeitssuchende ein attraktiver Arbeitgeber?

Die Bahn ist doch das Verkehrsmittel der Zukunft, allein aus ökologischer Sicht. Und der Trend zur Schiene ist ungebrochen. Heißt: Es gibt bei uns spannende Aufgaben mit Zukunft. Dafür bieten wir eine gute Ausbildung in 50 Berufen. Wir haben moderne Ausbildungsstätten und sind mehr und mehr digital unterwegs. Es gibt immer noch junge Leute, die sich ihren Kindheitstraum Lokführer erfüllen wollen und das mit viel Begeisterung angehen. Und nach der Ausbildung geht es dank unserer Übernahmegarantie in der Regel weiter. Wir bieten sichere Arbeitsplätze und Entwicklungsmöglichkeiten.

Sie bieten neuerdings Azubis eine sozialpädagogische Begleitung an — warum?

Mit so einer Anlaufstelle wollen wir Motivation und Leistung steigern. Und gleichzeitig Ausbildungsabbrüche vermeiden. Junge Menschen, die ins Berufsleben starten, haben mit einer Vielzahl von Themen umzugehen und bringen manchmal Probleme mit, die in der Vergangenheit anders abgefedert wurden. Da kann es um Familie oder das soziale Umfeld gehen, aber auch um Probleme beim Lernen. Mit dem Angebot von regelmäßigen persönlichen Gesprächen machen wir gute Erfahrungen, und wir wollen das Zug um Zug ausbauen.

Tun sich Jugendliche im Arbeitsleben heute schwerer als früher?

Sie bringen heute oft andere Fähigkeiten mit, gehen viel selbstverständlicher mit mobilen Endgeräten und digitalen Entwicklungen um. Sie lernen auch ganz anders als wir Babyboomer vielleicht. Darauf muss man sich als Arbeitgeber einfach einstellen. Da geht es etwa um die Konzentrationsfähigkeit oder das Lernen über Apps und in kleinen Häppchen. Deswegen ist es wichtig, dass wir sie mit einem Tablet ausrüsten, damit es keinen Bruch zwischen Ausbildung und privatem Umfeld gibt.

Azubis brauchen Perspektiven. Aber bietet die Bahn überhaupt dauerhaft sichere Arbeitsplätze, oder fallen viele durch die Digitalisierung weg?

Ich habe keine Angst vor der Digitalisierung, denn sie bietet große Chancen. Wenn wir unser Schienennetz digitalisiert haben, gehen wir von 20 Prozent mehr Kapazität aus. Damit wird es auch neue, andere Arbeitsplätze geben. Klar fragen sich unsere Mitarbeiter: Was macht die Digitalisierung mit mir? Aus meiner Sicht ist am wichtigsten, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, was sich für sie verändert. Außerdem geben wir unseren Leuten einen sicheren Rahmen für den Wandel: Wir bieten einen unbefristeten Kündigungsschutz und einen tarifvertraglichen Anspruch auf Qualifizierung. Das heißt, wir qualifizieren die Mitarbeiter fortwährend in ihren Berufsfeldern weiter — auch in Sachen Digitalisierung.

In Baden Württemberg werden gezielt Geflüchtete für Bahn–Jobs angeworben. Ist das ein Modell für die ganze Deutsche Bahn?

Wir tun das bereits und haben dafür vier verschiedene Programme aufgesetzt. Das erste ist eine Orientierungsphase, in der wir uns kennenlernen. Als zweites gibt es für junge Menschen ein Vorbereitungsprogramm für eine Ausbildung. Drittens haben wir Quereinsteiger — zum Beispiel Elektriker –, die sich aufgrund ihrer Erfahrung und des Alters nicht mehr als Azubis eignen. Die unterstützen wir gezielt. Und viertens, das ist neu und gerade im Entstehen, wollen wir gezielt geflüchteten Frauen beim Einstieg in den Job helfen. Das A und O bei allem sind Sprachkurse. Wir unterstützen aber nicht nur fachlich, sondern haben auch sogenannte Soziallotsen.

Welche Aufgabe haben die?

Sie helfen, wenn jemand zum Amt muss oder einen Arztbesuch hat. Unsere Programme bieten wir derzeit an zehn Standorten an, darunter auch Stuttgart und Berlin, und wollen das in den nächsten drei Jahren ausweiten. Wir haben bereits 300 Geflüchtete auf diesen Wegen qualifiziert. Neulich war ich bei einer Zeugnisübergabe in Hamburg dabei. Zu sehen, mit welchem Elan die Menschen in den Beruf gehen und wie sie sich reinhängen, war beeindruckend.

Anfang 2018 hat sich mehr als die Hälfte der Mitarbeiter für sechs Tage mehr Urlaub statt mehr Geld entschieden. Nach dem neuen Tarifvertrag bieten Sie 2021 erneut diese Wahl. Ist das nicht tollkühn angesichts der Personalprobleme?

Absolut nicht. Deshalb war uns der lange Vorlauf so wichtig. Wir haben jetzt bis 2021 Zeit, uns in den Betrieben vorzubereiten, stellen rechtzeitig ein und qualifizieren. Wie viele Mitarbeiter sich für den zusätzlichen Urlaub entscheiden, wissen wir noch nicht, aber wir unterstellen in der Planung das Ergebnis vom letzten Mal.

Ist den Mitarbeitern Geld nicht mehr so wichtig?

Arbeitnehmer wollen verstärkt Arbeitsbedingungen, die zu ihrer Lebenssituation passen. Die kann mit 20 anders sein als mit 30 oder 50. Da ist es klug, die Wahl zwischen Geld und Freizeit zu bieten. Das gibt es inzwischen auch in anderen Branchen. Wir merken bei der Nachwuchssuche, dass die Menschen stärker auf flexible Modelle Wert legen. Auch Weiterentwicklung und Voll– und Teilzeit werden immer wichtiger. Am Ende fördert das auch Motivation und Zufriedenheit.

Vor dem Wechsel zur DB waren Sie bei der Deutschen Telekom und der Post. Was haben Sie von dort mitgenommen?

Alle drei Unternehmen stehen vor ähnlichen Herausforderungen bei Digitalisierung und Qualifizierung. Diese Veränderung zu gestalten ist auch bei der Bahn die große Aufgabe, die ich sehr reizvoll finde.

finde.