zum Bahn-Maßnahmenpaket der Grünen: Mehr Geduld, bitte

Dorothee Torebko
privatFlugreisende sind – abzüglich der Wartezeit am Airport – nicht nur vier Stunden früher am Ziel, sie sparen auch noch 23 Euro. Kein Wunder, dass vor allem Geschäftsleute den Flieger der Bahn vorziehen. Die Grünen wollen das ändern und haben dazu ein Maßnahmenpaket vorgelegt. Zugfahren soll so attraktiv sein, dass Inlandsflüge überflüssig werden. Klingt vernünftig, denn Fliegen ist extrem klimaschädlich und Kurzstrecken für Fluggesellschaften häufig unprofitabel. Doch so leicht ist es nicht.
Die Vorschläge der Grünen klingen wie ein Best-of der Forderungen zahlreicher Bahnverbände: Die Mehrwertsteuer für Zugreisen soll von 19 auf sieben Prozent gesenkt und im Gegenzug Kerosin besteuert werden. So könnte Bahnfahren billiger werden, während Fluggesellschaften ihre Preise erhöhen müssten. Parallel dazu soll die DB mehr Züge in den frühen Morgen- und späten Abendstunden einsetzen, um Geschäftsleute anzulocken. Wenn außerdem noch das Wlan funktioniert und die Züge pünktlich ans Ziel kommen, steigen bald die Fahrgastzahlen, hoffen die Grünen. Die Bundesregierung strebt gar eine Verdoppelung der Passagiere an.
Doch hält das System Schiene überhaupt so viele Fahrgäste aus? Wohl kaum. Die Schiene ist nicht darauf vorbereitet, noch größere Menschenmassen zu transportieren. Die Kapazität ist ausgereizt. Das zeigt sich täglich in den übervollen Zügen auf den Sprinterstrecken, bei denen man nur mit vorheriger Reservierung einen Platz ergattert. Die Bahn kümmert sich zwar darum, die Kapazität zu erhöhen. Etwa, indem sie mehr Schnellzüge auf die Schiene bringt, die Bahnen früher wartet und das Personal aufstockt. Doch das reicht nicht.
Die Probleme liegen tiefer. Die Bahn kämpft nicht nur gegen ein marodes Schienennetz. Sie muss eine Politik ausbügeln, die jahrzehntelang auf das Auto oder das Flugzeug ausgerichtet war. Die Bahn ist für viele nicht Verkehrsträger Nummer 1. Das zeigen allein schon die Schlagzeilen der letzten Monate: Obwohl Klimaschutz laut Umfragen das dringlichste aller politischen Themen ist, fliegen die Deutschen so viel wie nie zuvor. Pendler stehen lieber mit dem Auto im Stau statt sich in den klimafreundlichen, aber vollen Zug zu setzen. Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter lieber durch Deutschland fliegen, statt eine Videokonferenz einzuberufen.
Es braucht daher einen Mentalitätswandel auch unter den Nutzern von Verkehrsträgern. Natürlich muss dieses Umdenken einhergehen mit pünktlichen Zügen, funktionierenden Toiletten und moderaten Ticketpreisen. Doch solange die Bahn noch nicht so schnell ist wie ein Flugzeug oder so zuverlässig wie das Auto, bedarf es Geduld. Das beinhaltet auch mal, den Anschlusszug zu verpassen und auf den nächsten warten zu müssen.
