zum Missbrauch in der evangelischen Kirche: Evangelische Kirche stellt sich Missbrauch

Elisabeth Zoll
Volkmar KönneckeDoch drängend bleibt die Frage: Warum erst jetzt? Fast zehn Jahre sind seit den Berichten über sexuelle Gewalt am katholischen Canisiuskolleg vergangen. Danach begann die katholische Aufarbeitung. Sie hat eine Flut von Informationen und Studien über sexuelle Gewaltverbrechen in Kirchen und Gesellschaft angestoßen. Wähnte sich die evangelische Kirche dennoch fern dieser beschämenden Realität?
Der Eindruck drängt sich auf. Sexueller Missbrauch galt lange als „katholisches Problem“. Das ging sogar beim jüngsten Kirchentag in Dortmund einer früheren Kirchenfunktionärin noch flott über die Lippen. Die katholische Sexualmoral sei Ursache des Problems, so die Lesart, gegebenenfalls auch die Ehelosigkeit katholischer Priester. Doch die evangelische Kirche hat eigene Fallstricke. Auf sie zu schauen, war man nicht bereit. Dabei hätte der Kirchentag Gelegenheit zur Selbstreflexion geboten.
Auf Kirchentagspodien wurde über Jahre hinweg einer liberalen Reformpädagogik das Wort geredet. Der mutmaßliche Haupttäter an der reformorientierten Odenwaldschule, der evangelische Theologe Gerold Becker, wirkte im Kirchentagspräsidium und in Gremien der evangelischen Kirche. Eine kritische Aufarbeitung unterblieb. Bis jetzt. Zu eng war möglicherweise das persönliche Geflecht aus liberalen Pädagogen und Persönlichkeiten des deutschen Protestantismus. Zu unangenehm die Schrammen am Selbstverständnis, die kritisches Nachforschen erzeugen könnte. Hinzu kommt die vereinsartige Struktur vieler Gemeinden im Protestantismus, die eine Gesamtschau auf Missbrauchsverbrechen erschwert. Jede der 20 Landeskirchen stellt sich dem beschämenden Thema auf eigene Weise. Ohne die couragierte Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs wäre dies womöglich so geblieben. Fehrs fordert eine klare Haltung der evangelischen Kirche auf allen Ebenen und eine Offenheit gegenüber den Opfern.
Die Kirche müsse Betroffene anhören und aushalten. Auch müsse sie sich bewusst machen, dass dort, wo viele Opfer sind, es auch viele Täter gebe, mahnte beim Kirchentag Kerstin Claus, eine Betroffene. „Das Gemeine ist: Täter sind nicht diejenigen, die man eh nicht mag.“ Die Gefahr gehe oft von jenen aus, die unter Jugendlichen besonderes Vertrauen genießen: als Pfarrer, Lehrer, Jugendleiter, Betreuer in Kinder– und Jugendheimen. Die persönliche Nähe, wie es sie auch in der Odenwaldschule gab, schützt Täter, nicht die Opfer. Diese werden in ein Geheimniskonstrukt gedrängt.
Ohne solch ein System blieben die Verbrechen nicht so lange unentdeckt. Deshalb ist es so wichtig, dass die evangelische Kirche missbrauchsbegünstigende Faktoren in ihren Strukturen beseitigt. Sie muss sicherstellen, dass Verbrechen überall erfasst und an die Staatsanwaltschaft gemeldet werden. Auch muss sie kontrollieren, dass Schutzkonzepte in allen Gemeinden umgesetzt werden. Ohne das steht ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.
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