zur Psychologie in der Corona-Krise: Können wir, schaffen wir

André Bochow
MMHUnd es fehlt nicht an jenen, die die Angst schüren. Szenarien für den schlimmsten aller Fälle dringen an die Öffentlichkeit. Das Wort „apokalyptisch“ wird so inflationär gebraucht, dass für eine wirkliche Apokalypse die Sprache erschöpft sein würde. Nichts, was man sich als Schrecken ausmalen kann, wurde nicht schon vorausgesagt. Und auch jenseits unseriöser Schwarzmalerei ist es düster genug. Politiker lassen wenig von Hoffnung auf schnelle Besserung zu. Vielmehr halten sie es für ihre Pflicht, wie zuletzt auch wieder die Bundeskanzlerin, zu wiederholen, es sei noch nicht vorbei. Nichts dürfe vorerst gelockert werden. Wer danach fragt, gilt als unverbesserlich. Als Corona-Dissident.
Ja, wir müssen uns vorsehen. Und der Staat, die Polizei, die Politiker haben ihre Aufgaben. Was aber völlig fehlt, ist die Vision. Eine optimistische Vision. Der Satz: „Wir schaffen das!“ ist sicher abgenutzt. Zumal nie ganz geklärt wurde, was genau damit in der Flüchtlingskrise gemeint war. Aber es war immerhin ein Versuch, Mut zu machen. Es kann auch gern ein „Yes, we can“ sein.
Denn wir können und wir werden aus diesem Corona-Tal herauskommen. Vermutlich verändert. Aber wir werden die Krise hinter uns lassen. Weil wir Menschen noch aus jeder Krise herausgekommen sind. Sogar die Folgen von Weltkriegen haben wir bewältigt, und zwar auf höchst eindrucksvolle Weise. Bei allem Respekt vor dem Ausmaß und den Wirkungen der gerade wütenden Pandemie: Corona ist kein Weltkrieg. Das Virus fordert Opfer. Viel zu viele. Aber es wird Medikamente und Impfstoffe geben. In absehbarer Zeit. Das ist mehr als eine Hoffnung.
Unser politisches System bricht nicht zusammen, und die Menschen sind in der Regel klug, geduldig und solidarisch. Sie brauchen keine Kriegsrhetorik, wie sie Staatenlenker anderswo für richtig halten. Sie brauchen auch keine Durchhalteparolen. Motivation aber fänden die meisten von uns mehr als hilfreich. So wie bei einer Fußballmannschaft, die zur Halbzeit 0: 2 zurückliegt und dank der Traineransprache am Ende 6:2 gewinnt.
Und wenn die Politiker partout mit pessimistischen Gesichtern herumlaufen wollen, dann müssen wir die Sache eben selbst in die Hand nehmen. Wir unterrichten unsere Kinder zu Hause, schaffen es, unsere Eltern und Großeltern trotz allem ins Familienleben einzubeziehen, wir entdecken immer mehr Möglichkeiten des Digitalzeitalters, und wir drehen im Homeoffice nicht durch. Da wird es uns doch auch gelingen, uns gegenseitig Mut zu machen. Klar doch, das können wir. Und yes, das schaffen wir.
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