zur Seenotrettung: Europas Friedhof und Gründe für die Flucht über das Meer

André Bochow
Thomas Koehler/photothek.netDa haben sich die 2500 Kinder, Frauen und Männer, die von Januar 2018 bis zum Januar 2019 im Mittelmeer ertrunken sind, offenbar verkalkuliert. Könnte es sein, dass es das Rettungskalkül gar nicht gibt? Wenn es stimmt, dass Handys und soziale Medien auch unter Flüchtlingen rasche Informationsverbreitung möglich machen, stellt sich die Frage, warum Menschen, die ein besseres Leben suchen, das Überleben auf die harte Probe einer Schlauchbootfahrt stellen?
Eine Antwort darauf gibt ein 28–Jähriger aus Eritrea, der erzählte, er habe eineinhalb Jahre in libyschen Gefängnissen verbracht: „Viele starben und wurden wie Tiere begraben.“ Frauen wurden vergewaltigt, Gefangene geschlagen. Es gibt viele solche Berichte.
Mit Libyen hat Italien ein Migrationsabkommen, das von der EU unterstützt wird. Dabei handelt es sich bei dem nordafrikanischen Staat um ein Land im Bürgerkrieg, gespalten, mit einer machtlosen Regierung. Auf dieses Gebilde setzt die EU ihre Hoffnungen. Den Flüchtlingen, die es vorziehen, nicht in die Folterlager zurückzukehren oder den Rückmarsch durch die Wüste anzutreten, bietet die EU Härte an. Um jeden Geretteten wird gefeilscht. Schiffe dürfen nicht anlegen. Rettung wird bis zur Unmöglichkeit erschwert.
Und was ist, wenn die Gründe, die die Menschen auf oft fürchterliche Fluchtwege gebracht haben, so stark sind, dass sie weiterhin versuchen werden, zu uns zu kommen? Und wenn die Angst vor der Quälerei in Libyen größer bleibt, als die Angst vor dem Meer? Schauen wir beim Ertrinken zu? Das Mittelmeer ist schon jetzt Europas Friedhof. Und an jedem Tag kommen einige Tote dazu.