zur Sehnsucht nach dem Land: Anders leben

Dorothee Torebko
NBR/privatDie Stadt ist für viele gleichbedeutend mit Freiheit. Hier leben die Bewohner meist anonymer als auf dem Land — und sie haben die Wahl: Hardrock–Konzert oder Oper? Snooker oder Wikingerschach? Es ist Platz für unterschiedliche Geschmäcker. All das ist nun ausgesetzt. Kinos, Theater und Restaurants: geschlossen. Straßen: leergefegt. Nicht einmal in Parks dürfen die Stadtbewohner längere Zeit verweilen. Wer es dennoch tut, wird von manchen Mitmenschen an den virtuellen Pranger gestellt. Die Stadt ist zur Kontrollzone und damit unfrei geworden.
All das befördert die Sehnsucht nach dem Land. Zuletzt zeichnete sich ein Trend zur Stadtflucht ab. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar zufolge wollen rund 34 Prozent der Befragten am liebsten in einem Dorf wohnen, nur knapp 13 Prozent im Stadtzentrum. Sowohl junge Familien als auch Singles, die Teil der digitalen großstädtischen Elite sind, erobern das Land. In Coronazeiten wird dieser Trend verstärkt. In Zeiten des Homeoffice–Booms spielt es keine Rolle mehr, ob die Wohnung in der Stadt oder im Umland des Arbeitgebers ist. Hauptsache, die Internetverbindung stimmt. Dörren die Städte somit irgendwann aus? Wohl kaum. Erstens kann die Digitalisierung derzeit noch nicht mit der Eroberung des ländlichen Raums Schritt halten. Zwar prognostizieren Wissenschaftler wie Politiker, dass Corona die Digitalisierung beschleunigt. Dennoch wird es dauern, bis in jedem Dorf Highspeed–Internet zur Verfügung steht. Zweitens profitieren von dem Sehnsuchtsort Dorf derzeit eher diejenigen, die sich ein Zweithaus leisten können.
Drittens schürt die Corona–Krise Konflikte zwischen Stadt– und Landbewohnern in bislang unbekanntem Ausmaß. Wer ein Auto mit auswärtigem Kennzeichen fährt, wird misstrauisch beäugt. Einige Landkreise verwehren Städtern sogar den Zugang zum Zweitwohnsitz, weil sie ein Kollabieren der dortigen Gesundheitssysteme befürchten. Es wurden sogar Gerichte bemüht. Manch’ einer wird deshalb froh sein, wenn er wieder in der Stadt ist.
Corona wird das Stadtleben nicht revolutionieren, es wird die Städte aber durchaus verändern. Vielleicht wird sich der ein oder andere langfristig aufs Dorf begeben und das Leben dort kulturell anreichern. Damit wäre nicht nur den Metropolen geholfen, die aus allen Nähten platzen, sondern auch den Dörfern, die unter der Überalterung leiden.
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