zur Versöhnung von Klimaschutz und Wohlstand: Wachstum neu denken

Igor Steinle
Marc HörgerGanze Bücherregale ließen sich mit Werken über die „Postwachstumsgesellschaft“ füllen, in der die Menschen weniger kaufen und weniger besitzen, dafür aber glücklicher sind, weil sie auch weniger arbeiten müssen. Wir müssten nur alle unsere Pullover selbst stricken und eigene Lebensmittel anbauen — schon ist das Klima gerettet.
Leider klammert diese Sichtweise ein paar entscheidende Fakten aus. Nicht nur, dass unter all den Ideen noch immer keine vernünftige Alternative zur sozialen Marktwirtschaft ist, die das Zeug dazu hat, ein auskömmliches Leben für alle zu garantieren. Für das Klima entscheidend ist jedoch ein anderes Problem: Schwellen– und Entwicklungsländer müssen ihren Wohlstand erst noch erwirtschaften. Für sie ist ein Verzicht auf Wirtschaftswachstum schlichtweg keine Option. Die Klimadebatte mit der Wachstumsdebatte zu vermengen, gefährdet den Planeten daher mehr, als es ihm helfen würde. Würde sich Deutschland als Mutterland der Energiewende vom Wachstum abwenden, würden sich die ärmeren Länder vom Klimaschutz abwenden. Und gerade auf sie wird es ankommen.
Denn der deutsche Anteil an den globalen CO2–Emissionen liegt bei zwei Prozent. Selbst wenn man sich also von allen Annehmlichkeiten des modernen Lebens verabschiedet — dem Klima wäre es egal. Wenn gleichzeitig aber die aufstrebenden Staaten bei ihrer Aufholjagd nach Wohlstand auf fossile Energien setzen, würden jegliche Klimaschutzbemühungen im Rest der Welt vergebens.
Wie kommt man also raus aus diesem Dilemma? Nötig wäre eine Neudefinition von Wirtschaftswachstum, kein Abschied. Denn weder sind die enormen volkswirtschaftlichen Umweltschäden, die das gegenwärtige Wirtschaftsmodell anrichtet, ausreichend eingepreist. Noch die Tatsache, dass die Ressourcen dieser Erde begrenzt sind. Aus der sozialen muss deswegen eine sozial-ökologische Marktwirtschaft werden. Die Grünen etwa haben zuletzt einen solchen Vorschlag als Leitantrag geliefert.
Wenn es Deutschland gelingt, ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell zu etablieren, könnten andere Länder es übernehmen. Ähnlich, wie es bereits bei den Erneuerbaren Energien geschehen ist. Dass Solar– und Windenergie weltweit wettbewerbsfähig sind, ist allein der deutschen Energiewende zu verdanken. Hätte man die Technologien nicht massiv gefördert, gäbe es heute wahrscheinlich nicht den Hauch einer Hoffnung, die Erderwärmung noch begrenzen zu können.
Dass grünes Wachstum möglich ist, hat Deutschland dabei schon längst bewiesen. Die Wirtschaftsleistung wurde hierzulande bereits von den CO2–Emissionen entkoppelt. So ist der Ausstoß seit 1990 sind um ein Drittel zurückgegangen, während sich das Sozialprodukt im selben Zeitraum verdoppelt hat. Dieser Weg muss schneller und konsequent weitergegangen werden.
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