Zustand
: Wald-Zukunft hängt eng mit Klimawandel zusammen

Hans-Georg von der Marwitz ist schon seit seiner Kindheit mit dem Wald verbunden.
Von
André Bochow
Berlin
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Hans-Georg von der Marwitz zu Besuch bei der MOZ

René Matschkowiak

Herr von der Marwitz, dem deutschen Wald geht es offenbar nicht gut. Was ist das Schlimmste? Die Waldbrände? Die Schädlinge? Die Stürme?

Eines bedingt das Andere. Der Zustand und die Zukunft unserer Wälder hängen eng mit dem Klimawandel zusammen. Die extremen Wetterlagen, Stürme wie „Kyrill“ oder „Friedericke“ haben regelrechte Schneisen geschlagen. Vor allem in die Fichtenbestände. Im Schadholz vermehrte sich der Borkenkäfer. Erst recht, als nach Friedericke der heiße, trockene Sommer kam. Im vergangenen Jahr hatten wir bis zu vier Käfergenerationen. Das hat es bislang noch nie gegeben.

Was hat die Trockenheit mit der Vermehrung der Borkenkäfer zu tun?

Die Fichten wehren sich mit Harz gegen den Käferbefall. Ohne Wasser können sie kein Harz bilden. Die Borkenkäfer vernichten die schützende Borke und die Fichte vertrocknet. Eigentlich können sich gesunde Fichten schützen. Aber unter diesen Bedingungen nicht. So sind sehr schnell ganze Wälder betroffen. Hinzu kommen andere Schädlinge, die andere Baumarten befallen.

Aber die Fichten sind besonders betroffen?

Ja. Forscher gehen davon aus, dass sich die Fichten unterhalb von 800 Metern nicht mehr halten können. Und das ist nicht zuletzt eine Katastrophe für die, die vom Wald leben. 26 Prozent der deutschen Wälder bestehen aus Fichte. Aber 90 Prozent der Erträge stammen von der Verarbeitung dieses Baumes. Und vom Wald leben mindestens so viele Menschen wie in der Autoindustrie arbeiten.

Warum wird das Schadholz nicht aus den Wäldern herausgeholt?

Wird es ja. Aber es ist einfach zu viel. Der Markt ist gesättigt, die Preise für Holz sind ins Bodenlose gefallen und die Kosten für den Abtransport sind hoch. Den staatlichen Forstbetrieben fehlen überdies Tausende Mitarbeiter. Und es kommt hinzu: Fast die Hälfte des privaten Waldes ist im Kleinstbesitz. Viele haben ein, zwei Hektar geerbt, wissen nicht, was sie damit anfangen sollen und oft passiert in diesen Wäldern gar nichts. Jedes Jahr kommen 60000 neue Walderben hinzu.

Letztlich sind die Waldbesitzer überfordert?

Letztlich sprechen wir über eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. 1946 gab es einen fürchterlichen Käferbefall. Da sind zehntausende Menschen in die Wälder gezogen und haben mit ihrer Körperkraft das Holz herausgeholt. Natürlich waren die Leute damals viel direkter betroffen und viel stärker auf die Wälder angewiesen. Auf der anderen Seite ist der Borkenkäferbefall jetzt um ein Vielfaches höher als damals. Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden.

Was ist denn mit dem Forstschädenausgleichsgesetz? Hilft das nicht?

Es würde vielleicht helfen, wenn es man es in Kraft setzte. Das hat aber der Bundesrat im vergangenen Jahr abgelehnt. Aus sehr formalen Gründen. Wir brauchen eigentlich ein praxisnäheres Gesetz. Für den Moment wäre uns schon geholfen, wenn die staatlichen Forste damit aufhören würden, Frischholz zu schlagen. Das steht übrigens im Gesetz schon drin.

Wie reagiert denn die Politik? Sie sind Bundestagsabgeordneter der Regierungspartei CDU. Was sagen die Kollegen?

Es wächst das Bewusstsein, dass schnell gehandelt werden muss. Das Schadholz muss aus dem Wald, egal wie. Ein nicht unwesentliches Problem dabei: Es fehlt an Transportkapazitäten. Dafür wären die Länder zuständig. Bislang ziehen nicht alle mit. Manche behaupten, die jeweiligen Brücken würden den Belastungen nicht standhalten. Absurd.

Welche Rolle spielt der Wald als Monokultur?

Nach dem Krieg wurde entschieden, schnell wachsende, verwertbare Kulturen aufzuforsten. Das waren vor allem Fichte und Kiefer. Aber es hat auch immer wieder Waldbesitzer gegeben, die gewarnt haben und eine andere, nachhaltige Waldwirtschaft bevorzugten. Mein Vater zum Beispiel. Und natürlich müssen wir etwas ändern. Nur: Alles, was wir im Wald tun, muss in Zeitabschnitten von 30, 60 oder 100 Jahren gesehen werden. Die Frage ist, ob die Gesellschaft dazu bereit ist.

Der Wald ist außerordentlich wichtig für die CO2-Bilanz. Warum wird der Wert eines Waldes für diese Bilanz nicht berücksichtigt?

Das ist genau der Punkt. Wenn der Wald nicht nur als Holzlieferant gesehen würde, sondern als Wasserspeicher, als Erholungsort, als bedeutendes Ressort für die Artenvielfalt und eben auch als CO2-Speicher, dann hätte er auch einen anderen materiellen Wert.Ich bin ohnehin für CO2-Bepreisung. Waldbesitzer würden ein entsprechendes Zertifikat bekommen, mit dem sie handeln könnten und hätten Geld für die Beseitigung von Schäden und für die Aufforstung.

Wenn der Wald nicht erhalten wird, dann ist auch die Klimabilanz futsch?

So ist es. Bislang wurde der Wald bei der Klimabilanz als gegeben hingenommen. Das geht nicht mehr.

Und wenn man den Wald sich selbst überließe? Manche glauben, er kann sich allein helfen.

Das ist möglich. Aber es würde ungefähr 150 Jahre dauern. In Bayern und Sachsen-Anhalt laufen solche Experimente. In den entsprechenden Waldstücken explodiert die Borkenkäferpopulation. Irgendwann würde sich das System sicher regulieren. Wir müssen aber jetzt etwas gegen den Temperaturanstieg unternehmen. Und dafür brauchen wir die Wälder.

Das Zauberwort lautet also Waldumbau.

Ja, wir brauchen mehr Mischwälder. Aber das ist eigentlich jedem Waldeigentümer klar. Und wir brauchen andere, bislang fremde Baumarten, die dem Klimawandel standhalten.

Welche denn?

Douglasie. Roteiche. Japanische Lerche und andere mehr. Wir müssen auch züchten, damit heimische Baumarten resistenter werden.

Erleben wir eigentlich derzeit das Waldsterben, von dem in den 80er Jahren so viel die Rede war und das dann doch nicht kam?

Ich benutze den Begriff nicht gern. In den 80er Jahren war der saure Regen das große Problem. Und dagegen wurde etwas unternommen. Mit Erfolg. Aber wenn wir jetzt nichts unternehmen, dann wird es noch wärmer, dann brennen die Wälder noch mehr oder trocknen aus und die Schädlinge verbreiten sich noch schneller. Wie gesagt: Die Rettung der Wälder geht wirklich alle an.

Aber in 100 Jahren wird der deutsche Wald auf jeden Fall anders aussehen als heute?

In jeder Katastrophe steckt eine Chance. Wenn wir Letztere nutzen, werden wir gesunde Wälder bekommen, in denen aber wahrscheinlich viele Bäume stehen, die wir heute dort nicht sehen. Wenn wir nichts unternehmen wird sich der Wald auch verändern. Dann wird es trostlos. Dabei wird Holz, als nachwachsender Rohstoffimmer mehr gebraucht. Je mehr Holz genutzt wird, desto besser für den Wald. Wenn sich die Forstwirtschaft lohnt, stehen zeitgleich mehr Mittel für den Naturschutz und die Erholungsleistung der Wälder zur Verfügung. Dies dient allen in unserer Gesellschaft!