1. FC Union Berlin
: Neven Subotic: Einwürfe eines Außenseiters

Neven Subotic gehört seit seinem Wechsel zum 1. FC Union Berlin zu den Sympathieträgern des Vereins. Auch Abseits des Fußballplatzes ist der gebürtige Bosnier aktiv: Mit einer Stiftung engagiert sich er sich gegen Armut in Äthiopien.
Von
Gunnar Leue
Berlin
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Sein neuer Arbeitsplatz: Neven Subotic im Stadion An der Alten Försterei in Berlin-Köpenick

Gunnar Leue

Herr Subotic, Sie haben kein Auto und fahren mit der S–Bahn zum Training. Bodenständigkeit kommt bei Fußballfans immer gut an – zumal bei Ihrem jetzigen Verein, der seine Tradition als Arbeiterverein hochhält. Sie haben mal gesagt, Sie seien ein Arbeiterkind. Was ist an Ihnen Arbeiterkind?

Meine Eltern sind 1990 vom Krieg in Bosnien nach Deutschland geflüchtet. Hier mussten sie die ganze Arbeit machen, die keiner gern machen möchte. Mein Vater hat auf der Baustelle gearbeitet und meine Mutter als Putzfrau, weil ihre Qualifikation nicht anerkannt wurde.

Sie haben nach Ihrer Ankunft in Deutschland in einem Schwarzwalddorf gelebt.

Es war kein leichtes Leben, aber wir hatten hier Sicherheit in unserem Alltag, ich durfte zur Schule gehen und hatte stets Essen auf dem Tisch, obwohl meine Eltern immer viel Geld an ihre Verwandten in Bosnien geschickt haben, damit sie durch die Kriegszeit kommen. Als wir von 1999 bis 2006 mit einer Green Card in den USA lebten, haben wir Schulklos und Klassenzimmer geputzt, damit meine Schwester und ich dort zur Schule gehen durften. Es hat mir gezeigt, dass man sich etwas erarbeiten kann, wenn man die Herausforderung annimmt und die Chance dazu bekommt.

Selbermachen und familiärer Zusammenhalt sind beim 1. FC Union eine Art Vereinsphilosophie. Hatte das Ihre Entscheidung, zum Aufsteiger zu wechseln, beeinflusst?

Ich bin in erster Linie Fußballer, der sympathischste Verein bringt mir nichts, wenn ich bei ihm sportlich keine Erfüllung finde. Das hat absolute Priorität. Was in die Entscheidung für einen Verein jedoch einfließt, ist sein Drumherum. Und in der Hinsicht hat Union Einzigartiges zu bieten. Allein, dass der Verein ein Stadion mit drei Stehtribünen hat, sagt eine Menge über ihn aus. Das Vereinsleben ist für viele Fans ein wichtiger Teil ihrer Identität. Wenn das verloren geht, sind wir in der Entertainmentindustrie und nur noch Clowns.

Wie in den USA, wo Sie als Jugendlicher auch schon Fußball spielten?

Ich habe als 17–Jähriger erlebt, dass es dort vor allem um Eines geht: Geld, Geld, Geld. Ob das der richtige Weg für den Fußball ist, bezweifle ich. Im Vergleich zu anderen Sportarten muss man sagen, dass in Europa viele Mannschaften und Spieler doch sehr gut über die Runden kommen. Ich fände es schade, wenn wir das eintauschen würden gegen ein System, bei dem sehr wenige Vereine von Investoren gepusht werden, die das nicht aus Liebe zum Fußball tun, sondern wegen der Rendite. Wenn Fans dagegen protestieren, bin ich auf ihrer Seite.

Alle sehnen sich nach Fußballtypen mit Mut zur eigenen Meinung. Braucht es einen ungeradlinigen Lebenslauf wie Ihren, um nicht stromlinienförmig zu werden?

Ich habe früh Erfahrungen gemacht, die bis heute mein Weltbild prägen  durch meine Eltern, aber auch durch Menschen aus Deutschland, die uns halfen, in die Gesellschaft rein zu finden. So wie Familie Egle aus unserem Schwarzwalddorf, die uns einmal im Monat zu sich einlud, oder Frau Stumpf, die uns bei sich aufnahm, während sie selbst auf der Couch schlief. Ich bin heute Bundesligaprofi und wer weiß, ob ich das je geworden wäre ohne diese Hilfsbereitschaft.

Nach ihrer Rückkehr aus Amerika sind Sie mit 17 in Mainz Fußballprofi geworden ...

... und ich war erstmal überfordert. Das immense Gehalt, das beim BVB zwei Jahre später noch mal höher war. Es gab keine Anleitung, wie man sich als junger Mensch damit verhalten soll. Der Umkreis um einen ist auch nicht zwingend förderlich, da es für alle eine orientierungslose Luxussituation ist.

Waren Sie dabei, der typische Fußballprofi zu werden – mein Haus, mein Auto, mein zweites Auto?

Ich hatte ein Haus und drei Autos. Du kommst als Jüngster in eine Mannschaft und orientierst dich schlicht an den Älteren. Die machen das so, also machst du das auch so: Haus, Autos, Party. Heute kann ich drüber lachen. Damals hielt ich das für cool, bis ich merkte, dass es keinen Spaß bereitet und völlig sinnlos ist. Das war ein innerer Reifeprozess.

Sie haben Ihre Autos verkauft und 2012 Ihre Stiftung gegründet, die dank Spenden Brunnen in Äthiopien baut, um Menschen Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen zu ermöglichen.

Weltweit fehlt 844 Millionen Menschen der Zugang zu einer einfachen Wasserversorgung, also jedem Zehnten. Wir bauen Brunnen in der Tigray Region im Norden von Äthiopien, wo die Hälfte der Menschen keine Wasserversorgung hat. Die Menschen dort laufen jeden Tag durchschnittlich sechs Kilometer zu einer Wasserquelle und tragen dabei 20–Liter–Kanister. Das ist nicht nur ein enormer Kraftaufwand, sondern stiehlt auch produktive Zeit für die Schule oder Arbeit. Hierzulande spülen wir mehrmals am Tag literweise trinkbares Süßwasser die Toilette hinunter. Schon das reicht als Anlass, uns auch mal andere Lebensrealitäten bewusst zu machen.

Würden Sie sich als Vorbild bezeichnen, zum Beispiel gegenüber Profikollegen?

Nein, ich bin kein Lehrer. Wer uns unterstützen will, kann das gern tun und manche Kollegen tun das auch. Allerdings sollen sie nicht spenden, bloß weil sie den Typen Subotic toll finden. Zu sagen, ‚okay, ich spende mal‘, ist ein guter Anfang. Aber ich finde es besser, sich auch damit auseinanderzusetzen, dass das eigene Handeln nie konsequenzlos ist. Wenn sich das Weltbild der Leute nicht ändert, bringt die Spenderei letztlich wenig. Wir möchten schon Aufklärungsarbeit leisten, damit deutlich wird, woher die Unterschiede zwischen dem globalen Norden und Süden rühren und dass die letzten 500 Jahre Aufschwung der westlichen Welt auch auf dem Schaden des Südens beruhen.

Man könnte auch hierzulande Sozialprojekte gegen Armut fördern oder in Bosnien. Wo fängt man an, wo hört man auf — treibt Sie diese Frage manchmal um?

Ich komme aus einer Kriegsregion und ich spüre auch Druck, dass ich für meine Verwandten in meinem Heimatdorf, für mein Heimatland spenden soll. Meine Eltern haben von Deutschland aus immer viel gespendet, Geld, Medikamente und natürlich ist es immer ein echtes Zeichen, wenn jemand für seine Heimat spendet. Deshalb war bei der Stiftungsgründung eine entscheidende Frage, worauf wir uns fokussieren.

In Deutschland gibt es natürlich auch Armut, aber dahinter steckt für mich vor allem ein krasses Verteilungsproblem, und im globalen Vergleich ist die Armut hier relativ. Selbstverständlich ist es auch wichtig, dass sich Menschen und Organisationen hier engagieren. Aber für mich als Stiftungsgründer war es am Wichtigsten, mich dort einzusetzen, wo es jeden Tag an elementarsten Lebensgrundlagen fehlt: an sauberem Wasser.

Damit die Spenden für Ihre Stiftung zu 100 Prozent in den Brunnenbau gehen, bezahlen Sie die Personal– und Verwaltungskosten aus eigener Tasche. Wie viel ist das im Jahr?

Da geht schon etwa mein Gehalt drauf. Trotzdem verhungere ich nicht, schließlich habe ich noch Ersparnisse aus meinen früheren Fußballerjahren. Außerdem brauche ich persönlich nicht so viel Geld, um glücklich zu sein.

Der Vereinsfußball ist vielleicht das letzte große Gemeinschaftserlebnis, bei dem noch Leute aus allen möglichen Schichten zusammenkommen. Müsste dieses Potenzial stärker für sinnstiftende Dinge genutzt werden?

Es gibt heute keine andere Organisation, die so viel Vertrauen bekommt wie ein Fußballverein von seinen Fans. Dieses Vertrauen verpflichtet den Verein, sich nicht nur auf finanzielle Ziele auszurichten. Ein Verein lebt ja nur von den Fans, also hat er eine Verantwortung für die Gemeinschaft. Beim 1. FC Union gibt es zum Beispiel die Faninitiative „Eisern trotz(t) Handicap“, die Auswärtsfahrten für Rollstuhlfahrer organisiert.

Das zentrale Thema eines Fußballvereins ist natürlich der Fußball und je weiter oben er mitspielt, desto wichtiger sind für ihn monetäre Dinge. Aber er darf nicht ignorieren, welche Bedeutung ein Verein innerhalb der Gesellschaft hat, welche Rolle er einnehmen kann. Wer das beherzigt, kann, wie man auch an Union sieht, selbst mit geringeren Mitteln Identifikation schaffen.