Amateur-Fußball
: Gewalt gegen Schiedsrichter: Was Verbände und Vereine tun können

Dass die Attacken auf Unparteiische zunehmen, hat vorwiegend gesamtgesellschaftliche Gründe. Dennoch könnten die Verbände mehr tun, um ihre Spielleiter zu schützen.
Von
Michael Gabel
Berlin
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Im Amateur-Fußball kann das für Schiedsrichter gefährlich werden: Ein Schiedsrichter zeigt einem Fußballspieler die rote Karte.

Patrick Seeger/dpa

Zum Beispiel in Duisburg, wo beim Spiel Asterlagen gegen Büderich Schieds- und Linienrichter regelrecht über den Platz gejagt werden. Ein Linienrichter stürzt und wird mit Tritten attackiert. Oder im hessischen Münster, wo ein Spieler den Unparteiischen mit einem Fausthieb bewusstlos schlägt. Oder bei einem C-Jugendspiel im saarländischen Merzig, bei dem ein Vater auf das Feld stürmt und den Schiedsrichter krankenhausreif prügelt. Zuletzt erregte eine Gewalttat bei einem Verbandspokalspiel in der Pfalz die Gemüter. Ein Spieler des TSV Rüssingen streckte Linienrichter Jens Schmidt nieder, woraufhin das Spiel abgebrochen wurde. „Das linke Auge ist dick. Ich habe Kopfschmerzen, und mir ist schwindlig. Ich habe mich in der Nacht zwei-, dreimal übergeben“, klagte Schmidt danach.

Deutschlands Schiedsrichter haben einen schwierigen, manchmal sogar lebensgefährlichen Job. Die Probleme beginnen in der Bundesliga, wo kaum ein Profi die Entscheidungen des Unparteiischen einfach so hinnimmt. Stattdessen wird mit erhobenen Händen signalisiert: „Da war doch gar nichts.“ Oder der Spieler setzt einen flehenden Blick auf, um den „Schiri“ dazu zu bewegen, die Gelbe oder Rote Karte zurückzunehmen. Was allerdings fast nie gelingt.

Bei den Amateuren bleibt es oft nicht beim grotesken Schauspiel. Denn dort gibt es keine Fernsehkameras und damit auch keine größere Öffentlichkeit, die Spieler, Trainer und Betreuer disziplinieren. Die Folge ist, dass die Gewaltattacken bei vielen Spielen immer heftiger werden und dass auch die Zahl der Spielabbrüche zunimmt – von 667 im Spieljahr 2017/2018 auf 685 in der Nachfolgesaison. Bisher haben es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Landesverbände nicht geschafft, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Natürlich ist es schwer, Problemen beizukommen, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Aber Kritiker werfen den Verbänden auch vor, den Ernst der Lage zu verkennen.

Dreimal haben Amateur-­Schiedsrichter in letzter Zeit gestreikt, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen: in Berlin, im Saarland und zuletzt in Köln. Der Vorsitzende des Berliner Schiedsrichterausschusses, Jörg Wehling, fordert, dass Vereine Unparteiische künftig bei jedem Spiel durch Ordner schützen lassen. Außerdem wünscht er sich verpflichtende Regelschulungen für Vereinsmitglieder, damit diese Schiedsrichterentscheidungen besser nachvollziehen können. Er sagt aber auch, dass manchen Tätern nur mit härteren Strafen beizukommen sei.

Bei den Verbänden war man von den Streiks zunächst wenig begeistert. Gewalt sei „die absolute Ausnahme“, hieß es beispielsweise beim Saarländischen Landesverband. Und auch der DFB betont in seinem aktuellen „Lagebild Amateurfußball“, dass „nur 0,05 Prozent aller Spiele wegen eines Störungsfalls“ abgebrochen würden. Immerhin steht dort aber auch: „Jeder einzelne Fall ist einer zu viel.“ Weiter heißt es, die in der Saison 2018/2019 gezählten 2906 Angriffe auf Schiedsrichter bedeuteten „erstmals einen leichten Anstieg“. Die Erklärung liegt für DFB-Vize Ronny Zimmermann auf der Hand. „Soziale Konflikte brechen auf dem Fußballplatz durch“, wird er im „Lagebild“ zitiert. „In der Gesellschaft müssen wir insgesamt registrieren, dass vermehrt Ordnungsinstanzen angegriffen werden – man denke etwa an Rettungskräfte und Polizeibeamte.“

Drei Vorschläge

Der Sportsoziologe Gunter Pilz stimmt dieser Einschätzung im Grundsatz zu. „Bei vielen ist die Frustrationstoleranz geringer geworden. Von Anpöbeln bis zur Gewalt ist dann kein weiter Weg mehr“, sagt er dieser Zeitung. Drei Maßnahmen schlägt der Honorarprofessor an der Uni Hannover vor, mit denen man Schiedsrichtern das Leben erleichtern könnte. So sollen Verbände Anlaufstellen mit hauptamtlichen Mitarbeitern schaffen, die jeden Vorfall erfassen und aufarbeiten. Zudem könnten sich Sozialarbeiter, die von Ländern und Kommunen bezahlt werden, in den Vereinen um Problemfälle kümmern. Darüber hinaus fordert Pilz ein Anti-Gewalt-Training für Spieler und Trainer, die schon einmal auffällig geworden sind.

Oft sind es aber einfach Missverständnisse, die Situationen eskalieren lassen. Beim Spiel eines kurdischen Teams gegen Prenzlauer Berg in der Berliner Kreisklasse B fällt ein Spieler der Heimmannschaft dadurch auf, dass er sich über jeden Pfiff aufregt. Nach der Partie sagt ihm der Schiedsrichter, dass das so nicht gehe, und fügt hinzu. „Was wir jetzt machen, ist reden. Vorhin war meckern.“ Der Spieler hört genau zu. Es scheint, als habe er gerade etwas dazugelernt.

Und das sagt ein Amateur-Schiedsrichter im Interview:„Dann gibt’s Gelb“

Belastende Erfahrungen

Vier Fünftel der Schiedsrichter sind der Meinung, dass die Aggressionen bei Fußballspielen im Amateurbereich deutlich zugenommen haben. Das geht aus einer Befragung von 915 Spielleitern durch den Sportpsychologen Adrian Sigel aus Frankfurt/Main hervor. Auf die Frage, ob ihnen selbst schon mal während eines Spiels Gewalt angedroht worden sei, antworteten 46 Prozent "selten", zwölf Prozent "manchmal" und drei Prozent "häufig".

Einen Grund, wegen der weit verbreiteten Aggressionen das Schiedsrichteramt aufzugeben, sehen vier von fünf Referees aber nicht. Erschreckend ist jedoch ein anderer Wert: Zwei Drittel der Befragten belasten Gewaltandrohungen an den Spieltagen so sehr, dass sie sich noch Tage später gedanklich mit solchen Vorfällen beschäftigen.

Dass Fußballer aus Migrantenfamilien auf dem Platz emotionaler seien als andere, bestätigen 64 Prozent der Befragten, indem sie der Aussage "eher" oder "völlig" zustimmen. Etwas mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass es "bei Spielen eines Vereins mit vielen Spielern mit Migrationshintergrund häufiger zu Problemen" komme.⇥mg