Fußball-WM 2014: Das 1:7 gegen die deutsche Elf tut Brasilien immer noch weh

Ein Tor für Deutschland: Das 1:7 im WM-Halbfinale 2014 wirkt in Brasilien nach.
Marcus Brandt/dpaSete a um: Sieben zu Eins. Das Ergebnis im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, im Spiel Deutschland gegen Brasilien. In Brasilien ist „sete a um“ zu einer Metapher geworden, die Worte stehen heute nicht nur für die historische Niederlage im eigenen Land, die dem deutschen Team den Weg zum WM-Titel ebnete. Sie sind zu einer Phrase, zu einem allgemeinen Ausdruck von Demütigung geworden. Minute 11, 23, 24, 25, 29 – innerhalb dieser Zeit hat das deutsche Team den brasilianischen Traum vom Sieg im eigenen Land zerschossen. Wie konnte es zum höchsten Halbfinalsieg der WM-Geschichte kommen?
Brasilien, fünfmaliger WM-Sieger. Deutschland, viermaliger WM-Sieger. Am 8. Juli 2014 treffen zwei große Fußballnationen im brasilianischen Stadion Belo Horizonte aufeinander. Quirlig beginnen die ersten Minuten. Nach einem Fehlpass von Boateng und einem erfolglosen Zweikampf gibt es schon in der ersten Minute einen Eckball für Brasilien. Statt das Spiel langsam aufzubauen, abzuwarten, spielt die Seleção überfallartig auf das Tor der Gegner, setzt sie unter Druck. Die Deutschen kommen nicht mit beim wilden Spiel der Brasilianer. Gleichwohl halten sie an ihrer 4-3-3-Formation fest, die sich schon im Viertelfinale gegen Frankreich (1:0) bewährt hat. Brasilien hingegen, eigentlich 4-2-3-1 aufgestellt, legt nicht viel Wert auf Struktur.
Marcello, der links verteidigen soll, verlässt immer wieder seine Position – ein spielentscheidender Fehler. Die Deutschen sehen ihre Chance über die rechte Seite, nutzen Marcellos Abwesenheit und machen Druck. Sami Khedira und Thomas Müller versuchen es mehrmals mit der gleichen Kombination über rechts – Marcello scheint es nicht zu merken, sieht noch nicht einmal über die eigene Schulter.
Minute 11: Eckball für Deutschland.
Toni Kroos schießt. Alle kopfballstarken Männer sind von der brasilianischen Mannschaft gedeckt. Dante steht bei Mats Hummels, bemerkt den freistehenden Müller, kommt aber nicht an Hummels vorbei. Miroslav Klose blockt David Luiz. Ganz flach über den Rasen schießt Kroos den Eckball durch die Menge im Strafraum genau zu Müller, der den Ball rechts unten in das Tor schießt. Julio Cesar hat keine Chance. „Gol da Alemanha“ ruft der brasilianische Kommentator das erste Mal. Sechs weitere Male werden folgen – und auch dieser Satz, portugiesisch für „Tor für Deutschland“ steht heute noch exemplarisch für alles, was schiefläuft.
Schon in der 11. Minute ändert sich die Stimmung im Stadion. Obwohl die Deutschen nur einen kleinen Teil der Zuschauer ausmachen, wird aus dem Jubel der grün-gelben Fans ein tosendes „Allee, Allee“ und „Superdeutschland, Superdeutschland“. Was dann beginnt, nennt der Kommentator einen „Torrausch“.
Auf Müller folgt Klose in der 23. Minute, erst trifft er Cesar, der Ball prallt zurück, dann trifft Klose das Tor – und löst Christiano Ronaldo als Rekordtorschützen ab. Es folgen zwei Tore von Toni Kroos in zwei Minuten (24., 25.). Es steht 4:0, die Fehler der Brasilianer häufen sich. Luiz als rechter Verteidiger wird fahrig, verlässt seine Position und lässt Khedira völlig freistehen. Der nutzt seine Chance und trifft in der 29. Minute. Zur Halbzeit steht es 5:0. Thomas Müller, der seine Freude nach den ersten drei Toren noch nicht gezügelt, seinen Mund weit auf- und die Hände nach oben gerissen hat, blickt fassungslos zu seinen Teamkollegen. Es ist Ungläubigkeit, vielleicht sogar ein wenig Mitleid. Die Augen der Brasilianer sind glasig, sie schauen zu Boden, einige zucken nur mit den Schultern.
Nach der Halbzeit trifft André Schürrle zweimal. Die Anzeige im Fernsehen, die die Liste der deutschen Tore anzeigt, beginnt zu scrollen, weil nicht mehr alle Namen in den Kasten passen. In der 90. Minute trifft Oscar für die Gastgeber Das Gnadentor, mehr nicht. Kein Jubel von den Fans, einige haben das Stadion längst verlassen, bei anderen fließen nur die Tränen, sie schütteln die Köpfe.
Sete a um: Die Brasilianer projizieren den Verlust auf ihre ganze Nation, sie sinken nach dem Spiel auf die Knie, falten die Arme vor den gelben Trikots und beten zu Gott. Auf die Frage, wie das passieren konnte, findet Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari erst mal keine Worte. „So ein Desaster können wir nicht darauf schieben, dass Neymar gefehlt hat“, sagt er dann. Der Stürmer und Hoffnungsträger hatte sich im Spiel gegen Kolumbien einen Lendenwirbel gebrochen. Für Thomas Müller ist der Grund für den Sieg wie immer simpel. „Wir sind einfach eine geile Mannschaft“, sagt er nach dem Spiel. Aber die Ballsicherheit der deutschen Spieler basiert vor allem auf ihrer Gefasstheit. „Das Mentale ist einfach wahnsinnig wichtig“, sagt Oliver Kahn. Er wisse nicht, was die Brasilianer alles auf ihren Schultern mittragen und „was sie hineininterpretieren in den Fußball“. „Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten, all den Menschen, die so viel leiden“, sagt David Luiz weinend in die Kamera. „Ich möchte mich bei allen entschuldigen, bei allen Brasilianern.“ Der Junge auf der Tribüne weint immer noch, er kann die Entschuldigung von David Luiz unten auf dem Platz nicht hören. Er kann nur dabei zusehen, wie sich die deutsche Nationalmannschaft zur LaOla-Welle vor ihren Fans versammelt.
