Handball: Riesige Erwartungen

Handball-Bundestrainer Christian Prokop wartet während der Pressekonferenz am 9. Januar 2019 zum ersten WM-Spiel der deutschen Handball-Nationalmannschaft auf Fragen. Zum Auftakt spielt Deutschland am Donnerstag in Berlin gegen das Team Korea.
dpa/Soeren Stache„Ich kann es kaum erwarten. Je näher der Anpfiff rückt, umso fokussierter wird man“, gesteht der deutsche Mannschaftskapitän Uwe Gensheimer vor der Partie in der Berliner Arena am Ostbahnhof und gibt Einblick in seine Gedankenwelt. „Ich sehe vor mir schon das schwarz–rot–goldene Fahnenmeer der Fans, und ich höre die Anfeuerungsrufe des Publikums. Dieses Championat wird etwas ganz Besonderes“, ahnt der beim französischen Spitzenverein Paris Saint Germain unter Vertrag stehende Linksaußen.
Wie Gensheimer fiebert das gesamte deutsche Team dem Start entgegen. „Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ist immer etwas Spezielles. Für mich setzen die Spielorte noch einen drauf — das gibt es nur einmal im Leben“, freut sich Paul Drux. Der Rückraumakteur der Füchse tritt zur Vorrunde in seiner Wahlheimat Berlin an und strebt zur Hauptrunde nach Köln, wenige Kilometer entfernt von seinem Geburtshaus in der Handball–Hochburg Gummersbach.
So könnte jeder deutsche Spieler aus dem 16–köpfigen Aufgebot seine ganz privaten Eindrücke preisgeben, doch die Zeit des Anfassens wie beim öffentlichen Training am Dienstag im Sportforum Hohenschönhausen ist erst einmal abgebremst. „Du gerätst bei so einem Turnier in einen Tunnel. Die Mannschaft will ja nicht nur mit den Fans schäkern, sondern strebt vor allem den sportlichen Erfolg an“, bittet Torwart Silvio Heinevetter um Verständnis, dass während des Turniers nicht jeder Zuschauerwunsch um ein Foto oder Autogramm erfüllt werden kann.
Ziel der Mannschaft ist das Endspiel im dänischen Herning, auch wenn das niemand offensiv verkündet. „Wir müssen vor allem demütig bleiben. Das Ziel Finale haben viele Mannschaften. Für mich wäre es wundervoll, wenn wir das Halbfinale in Hamburg erreichen können“, legt Bundestrainer Christian Prokop die Messlatte einen Skalenstrich niedriger. Ähnlich formuliert es auch Bob Hanning, als Vizepräsident des deutschen Verbandes für den Leistungssport zuständig. „Das ist eine WM mit fast allen Spielen im eigenen Land. Da gibt es keine Ausreden“, erklärt der 50–Jährige, der bei seinem Amtsantritt Olympiagold im Jahr 2020 als Ziel nannte und die bevorstehende WM als Generalprobe sieht.
Bei der Ausgeglichenheit der gegenwärtigen Weltspitze gibt es keinen Topfavoriten, und selbst der Auftritt Deutschlands wird von einigen Experten mit Spannung erwartet. „Die Mannschaft kann ins Endspiel kommen“, orakelt Ex–Nationalspieler Stefan Kretzschmar als Fernseh–experte, verweist aber auf die Gegenseite: „Das ist aber auch ein Team, das über die eigenen Beine stolpern kann. Es arbeitet als Mannschaft, hat aber keinen Superstar, der in Krisensituationen die Sache regelt. Ich bin sehr gespannt“, will sich der gebürtige Leipziger nicht festlegen.
Für die deutsche Mannschaft hält schon die Vorrunde extreme Schwierigkeiten parat. „Wir werden so unterschiedlichen Spielsystemen begegnen, die uns alles abverlangen. Schon das Tempo von Korea und die langen Angriffe von Brasilien in den ersten beiden Partien sind grundverschieden. Aber wir werden uns nicht am Gegner orientieren, sondern unsere eigenen Stärken ausspielen und zur Geltung bringen“, sagt Christian Prokop, der mit seiner Mannschaft für das Erreichen der Hauptrunde einen der ersten drei Plätze belegen muss. Immerhin warten mit Russland und Serbien zwei weitere Hochkaräter schon in der Berliner Vorrunde und als Krönung Titelverteidiger Frankreich. Die Grande Nation gewann vier der vergangenen fünf Weltmeisterschaften. „Wir dürfen nicht den Fehler machen und zu weit vorausschauen. Auch wenn es wie eine Floskel klingt: Ich denke von Spiel zu Spiel“, sagt Prokop.