Krise bei Union Berlin
: Ruhnert und Fischer schlagen Alarm – „da stimmt was nicht“

Nach der siebten Niederlage in Serie ist bei Union Berlin der Kampf um den Klassenerhalt plötzlich wieder ein Thema. Die Kritik wird lauter. Zumal das Team auch in Dortmund die mittlerweile gewohnten Fehler macht.
Von
Frank Noack
Berlin
Jetzt in der App anhören
  • Enttäuschung bei Robin Gosens: Union Berlin kassierte mit dem 2:4 (2:1) bei Borussia Dortmund die fünfte Niederlage in Folge in der Fußball-Bundesliga.

    Enttäuschung bei Robin Gosens: Union Berlin kassierte mit dem 2:4 (2:1) bei Borussia Dortmund die fünfte Niederlage in Folge in der Fußball-Bundesliga.

    Sebastian Räppold/Matthias Koch
  • Manager Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer übten nach dem Spiel in Dortmund deutliche Kritik.

    Manager Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer übten nach dem Spiel in Dortmund deutliche Kritik.

    Sebastian Räppold/Matthias Koch
1 / 2

Urs Fischer blickte während der Pressekonferenz nach der 2:4 (2:1)-Niederlage des 1. FC Union Berlin bei Borussia Dortmund oft gedankenverloren ins Leere. Erst als Fischer nach den Gründen für die aktuelle Krise der Eisernen aus Köpenick in der Fußball-Bundesliga gefragt wurde, nahm die Lautstärke in seiner Stimme deutlich zu. „Es wird eine ganz schwierige Spielzeit. So haben wir uns das nicht vorgestellt“, sagte der Trainer.

Auch die Fans haben sich das vermutlich ganz anders vorgestellt. Nach der siebten Niederlage in Serie ist Union Berlin in die untere Tabellenhälfte abgerutscht. Ausgerechnet in der Champions-League-Saison, wo Mitte der Woche der Glanz der Königsklasse bis nach Köpenick strahlt, steckt das Team im Bundesliga-Alltag in der Krise.

In jedem Fall schlugen Fischer und auch Manager Oliver Ruhnert nach der Niederlage in Dortmund deutlich hörbar Alarm. Beide rückten ein Ziel in den Mittelpunkt, das der Verein zuletzt angesichts seiner Erfolge meistens im Schnelldurchgang erledigt hatte: den Kampf um den Klassenerhalt. „Die Situation ist ungewöhnlich für uns, das muss man klar sagen. Dass wir so viele Spiele in Folge nicht gepunktet haben – das gab es in den vergangenen Jahren nicht“, erklärte Ruhnert: „Wir wurden immer dafür belächelt, dass wir mal in eine Situation kommen könnten, in der es erstmal die 40 Punkte anzustreben gilt. Im Augenblick scheinen wir uns ein bisschen dahinzubewegen.“

Dortmunds Nico Schlotterbeck (links) ist in diesem Zweikampf eher am Ball als Kevin Behrens von Union Berlin.

Bernd Thissen

Gründe für den internen Alarm lieferte die Partie in Dortmund reichlich. Nach einer guten ersten Halbzeit und den Berliner Treffern durch Robin Gosens (9. Minute) und das Premieren-Tor von Leonardo Bonucci (31., Foulstrafstoß) wurden die Eisernen zu Beginn der zweiten Halbzeit förmlich in die schwarz-gelbe Südtribüne gedrückt, obwohl auch Dortmund bis dahin bestenfalls auf durchschnittlichem Niveau agiert hatte.

Ruhnert äußerte ziemlich deutlich sein Unverständnis über die plötzliche Passivität. „Was ich nicht verstehe ist, wie wir zur zweiten Halbzeit herausgekommen sind und wie passiv wir geworden sind. Wenn du in Dortmund spielst und du den Eindruck hast, dass Dortmund nicht seinen besten Tag hat und wir uns so zurückziehen – das hat mir logischerweise nicht gefallen“, betonte der Manager.

Mit dieser Passivität kamen in dieser Phase die ganzen Mängel der vergangenen Wochen zurück – und zwar mit aller Macht. Sie schienen Kopf und Beine regelrecht zu hemmen. Dortmund nahm diese Einladung dankend an. „Es ist im Moment zu einfach, gegen uns Tore zu erzielen. Und wir müssen einen hohen Aufwand betreiben, um selbst Tore zu schießen. Da passt das Verhältnis einfach nicht“, konstatierte Ruhnert. Die Kurzversion seines kritischen Fazits: Das alles sei „nicht Union-like“, so Ruhnert.

Ohne die immer noch verletzten Leistungsträger Robin Knoche und Rani Khedira ist Union Berlin mehr denn je auf der Suche nach sich selbst. Auf der Suche nach den ureigenen Union-Stärken, die das Team auf seinem Höhenflug stets ausgezeichnet haben. Vor allem die fehlende Konsequenz in der Defensive machte Urs Fischer zu schaffen. Exemplarisch führte er in Dortmund das Führungstor durch Niclas Füllkrug an, als der BVB-Stürmer gleich zwei Anläufe nehmen durfte, ehe er den Ball über die Linie drückte. „Füllkrug kommt im Fünfmeterraum allein zum Abschluss – da stimmt bei uns einfach was nicht. Da hat die letzte Konsequenz gefehlt. So kannst du auf diesem Niveau nicht verteidigen“, kritisierte Fischer mit deutlichen Worten und ansteigender Lautstärke in seiner Stimme. „Wenn ich sehe, wie wir die vier Gegentore verteidigt haben, ist das einfach ungenügend.“ Am „Sky“-Mikrofon gebrauchte Fischer sogar die Worte „dumm“ und „naiv“.

Verbale Zeitenwende bei Union Berlin

Wenn der Eindruck von Dortmund nicht täuscht, dann wollen Ruhnert und Fischer mit ihren deutlichen Worten eine kleine Zeitenwende bei den Eisernen einläuten. In den vergangenen Wochen haben sich beide meistens schützend vor die Mannschaft gestellt. Am Samstag im Signal-Iduna-Park sprachen sie die aktuellen Defizite so deutlich wie noch nie an. Wohl auch in dem Wissen, dass nach den vielen Worten in den vergangenen Wochen nun auf dem Rasen auch Taten folgen müssen – in Form von Punkten und Siegen. Andernfalls könnte der Kampf um den Klassenerhalt in den nächsten Wochen und Monaten noch weitaus präsenter werden.

Die siebte Niederlage in Folge hat Ruhnert und Fischer endgültig alarmiert. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir nach all den Jahren zum ersten Mal so große Probleme haben, die Stabilität zu finden. Es gibt Gründe dafür, trotzdem ist es in dieser Form ungewöhnlich“, erklärte Ruhnert und blickte bereits voraus auf das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart nach der Länderspielpause: „Wir müssen das Spielglück wieder erzwingen.“

Das hört sich natürlich erst einmal nach einer fußballtypischen Floskel an. Es wäre in der aktuellen komplizierten Situation aber zumindest ein Anfang, um endlich die Niederlagenserie zu durchbrechen. Denn in der Champions-League-Saison ist in Berlin-Köpenick eigentlich niemand wirklich auf Abstiegskampf eingestellt.