Union Berlin Bundesliga
: Gesang gegen die Krise – Ton vor Spiel gegen Neapel wird rauer

Union Berlin verpasst den Befreiungsschlag und verliert auch gegen Stuttgart. Kapitän Christopher Trimmel macht eine klare Ansage. Am Dienstag geht es schon in der Champions League gegen Neapel weiter.
Von
Frank Noack
Berlin
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  • Niederlage für Union Berlin: Trotz der Rückkehr von Robin Knoche (rechts) und Rani Khedira setzte sich die Krise der Eisernen mit dem 0:3 gegen den VfB Stuttgart fort.

    Niederlage für Union Berlin: Trotz der Rückkehr von Robin Knoche (rechts) und Rani Khedira setzte sich die Krise der Eisernen mit dem 0:3 gegen den VfB Stuttgart fort.

    Matthias Koch
  • Augen zu und durch? Lucas Tousart (links) von Union Berlin kämpft in dieser Szene gegen den Stuttgarter Maximilian Mittelstädt um den Ball.

    Augen zu und durch? Lucas Tousart (links) von Union Berlin kämpft in dieser Szene gegen den Stuttgarter Maximilian Mittelstädt um den Ball.

    Uwe Koch/Eibner-Pressefoto
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Die gute Nachricht aus Sicht des 1. FC Union Berlin nach dem 0:3 (0:1) gegen den VfB Stuttgart lautet: Trotz der erneuten Niederlage in der Fußball-Bundesliga wurde die Mannschaft auch diesmal durch die eigenen Fans gefeiert – und zwar auf ganz besondere Art und Weise.

Eine Viertelstunde nach dem Schlusspfiff standen die Spieler immer noch vor dem Fanblock an der Waldseite des Stadions An der Alten Försterei und hörten fast ein wenig ungläubig den nicht enden wollenden Gesängen der Anhänger zu. Sieht so eine Krise aus? Ja. Genau so sieht Krise aus. Und zwar in Köpenick. Denn gefühlt waren die Gesänge nach dem Schlusspfiff diesmal länger, lauter und auch emotionaler als sonst. Weil die Fans ein feines Gespür dafür haben, dass ihre Unterstützung gerade jetzt dringend gebraucht wird.

Die schlechte Nachricht für den 1. FC Union ist, dass die Niederlagenserie einfach nicht aufhört. Das 0:3 gegen Stuttgart war bereits die achte Pflichtspiel-Niederlage am Stück und außerdem die dritte Heim-Pleite in Folge. Das gab es noch nie seit dem Bundesliga-Aufstieg der Eisernen im Jahr 2019. „Ich weiß, dass Fußball ein Resultatsport ist. Es geht um die Tabelle. Und da sieht es im Moment nicht gut aus“, fasste Trainer Urs Fischer den neuerlichen Rückschlag zusammen.

Dieses 0:3 ist eine Niederlage, die ganz besonders wehtut, weil eigentlich alles für den Befreiungsschlag vorbereitet war. Die erste Partie nach der Länderspielpause sollte zu einem Neuanfang werden. Zumal mit Abwehr-Chef Robin Knoche und Mittelfeld-Chef Rani Khedira zwei absolute Leistungsträger nach überstandenen Verletzungen ins Team zurückkehrten. Aber spätestens, als ausgerechnet Knoche beim 0:1 in der 16. Minute gegen den Stuttgarter Torjäger Serhou Guirassy einen Tick zu spät war, ahnten viele der 22012 Zuschauer im ausverkauften Stadion an der Alten Försterei: Das Unternehmen Befreiungsschlag wird alles andere als ein Selbstläufer.

Die Gastgeber spielten vor der Pause eine ihrer schwächsten Halbzeiten in dieser Saison. Torchancen? Gab es keine. Zugriff auf Spiel und Gegner auch nicht, wie Fischer in seiner Analyse zu Recht beklagte. Sein Plan mit Kevin Volland an der Seite von Neu-Nationalspieler Kevin Behrens war nach 45 Minuten krachend gescheitert. Fischer setzte zwar mit einem Dreifach-Wechsel in der Halbzeitpause neue Impulse – aber vor dem gegnerischen Tor regierte die Brechstange statt Kreativität.

Dazu kam, dass die Eisernen nun ihre laut Kapitän Christopher Trimmel bis dahin zumindest „halbwegs stabile Defensive“ aufgaben und sich bei den Treffern von Silas (81.) und Deniz Undav (88.) zweimal per Konter überrumpeln ließen. Überhaupt – die vielen Gegentore. Sie bilden augenscheinlich im Moment das größte Problem. 17 Gegentore in acht Spielen sind ein katastrophaler Wert für eine auf defensive Stabilität bedachte Mannschaft wie den 1. FC Union.

Zum Vergleich: Nach acht Spielen der vergangenen Saison standen gerade einmal sechs Gegentreffer zu Buche – und die Köpenicker waren Tabellenführer. „Die vielen Gegentore machen mir am meisten Sorgen. Das sind nicht wir, das ist nicht Union Berlin. Daran müssen wir arbeiten“, warnte Christopher Trimmel mit sehr deutlichen Worten.

Union Berlin spielt gegen SSC Neapel

Der Kapitän sowie Rückkehrer Robin Knoche gaben nach dem Schlusspfiff gegen Stuttgart die Tonlage für die nächsten Tage vor. Immerhin geht es bereits am Dienstagabend mit dem Champions-League-Heimspiel gegen den SSC Neapel weiter (21 Uhr). Unverkennbar: Der Ton wird rauer und die Ansagen konkreter. Man werde sich „intern nicht zerfleischen“, versicherte der Kapitän einerseits. Er formulierte andererseits aber eine klare Forderung an die Mannschaft: „Jeder sollte sich an die eigene Nase fassen und einfach seine Arbeit machen.“

Auch Robin Knoche war bemerkenswert klar in seiner Analyse. Der Abwehrchef ließ durchblicken, dass es derzeit offenbar eine große Kluft zwischen Theorie und Praxis gibt: „Wenn wir die Fehler, die wir analysieren, danach erneut auf dem Platz machen, können wir keine Spiele gewinnen.“ Eine Kette von Fehlern ging auch dem 0:1 voraus, an dem Knoche beteiligt war. „Ich habe meine Sicht vom Spielfeld aus. Aber ich werde jetzt hier nicht über einzelne Spieler oder Fehler sprechen. Das werden wir intern aufarbeiten“, kündigte er an.

In Köpenick ist in diesen Tagen auch verbales Krisenmanagement gefragt. Der Wille, die Dinge intern aufzuarbeiten, scheint zwar nach wie vor da zu sein. Aber mit jeder Niederlage steigt natürlich der Druck. Und spätestens nach dem verpassten Befreiungsschlag gegen Stuttgart stellt sich mit Blick auf die nicht enden wollenden Gesänge der Fans immer mehr die Frage, wie weit die Leidensfähigkeit der Anhänger noch reicht. Klar, Pfiffe für die eigene Mannschaft gab es bei Union Berlin schon lange nicht mehr. Aber acht Niederlagen in Folge eben auch nicht.