2004 in Athen lief es nicht so gut, kam das Aus schon im Achtelfinale. "Dennoch hatte ich eine großartige Zeit. Erfahren Kollegen heute von meiner Sport-Karriere, spürt man die Anerkennung. Da ist bei mir auch nach zwei Jahrzehnten noch Stolz dabei."
Köber, der als eine der größten deutschen Schwergewichts-Hoffnungen galt, hatte als 17-Jähriger 1996 in seiner Heimatstadt bei der Premiere des internationalen Brandenburg-Cups gewonnen. Mit Männer-Trainer Karl-Heinz Krüger arbeitete er dann fast zehn Jahre zusammen, boxte in der Weltspitze mit, war EM- und WM-Dritter sowie Militär-Weltmeister. Sebastian und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Stefan Köber, ebenfalls ein Schwergewichtler, wurden bald als die "neuen Klitschkos" gefeiert. Zu vorschnell, wie sich zeigte.
Sebastian Köber trägt sein Herz nicht auf der Zunge wie ein Axel Schulz. Er überlegt sehr genau, bevor er etwas sagt. Im Ring war es ähnlich. "Nicht  prügeln, sondern intelligent kämpfen", lautete seine Philosophie. Der Gegner sollte gezwungen werden, so zu agieren, wie er es gern hätte. Es klappte freilich nicht immer. "Das Risiko minimieren, kontrollieren und in brenzligen Notsituationen richtig reagieren – ein Balance-Akt." Der ehemalige Bundestrainer Helmut Ranze hat die überlegte, beinahe behutsame Kampfesführung des "Kopfboxers" einst etwas sarkastisch beschrieben: "Ehe Sebastian den Hammer rausholt und zuhaut, schreibt er erst seine Doktorarbeit." Dahinter freilich steckte auch eine gewisse Anerkennung.
Wechsel zu den Profis lange geplant
Nach den verkorksten Spielen in Athen 2004 und dem Titel bei den Militärweltmeisterschaften im Jahr darauf war die Luft raus. "Keine echte Motivation mehr, keine Ziele als Amateur – der Zeitpunkt zum lange angedachten Wechsel war gekommen", erinnert sich der  102-Kilo-Mann an sein Hamburger Berufsboxer-Debüt im April 2006. In der Hansestadt lief es anfangs wie geschmiert für den Neu-Profi: In drei Jahren 19 siegreiche Kämpfe, die meisten allerdings gegen sogenannte Aufbaugegner, doch der angestrebte internationale Titelkampf bei "Universum" (später beim Schwesterstall "spotlight") kam nicht. 2010 setzte es dann zwei Niederlagen in Folge. Für die Öffentlichkeit kamen die Rück-schläge völlig überraschend – der Abschied vom 15-jährigen Leistungssport Monate später war es dann nicht mehr.
"Natürlich hätte ich gern um größere Titel geboxt, das war immer mein Anspruch", bekräftigt Köber und nennt Gründe für das Box-Ende: "Die ungewisse Zukunft meines Managements alsFolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die damit zusammenhängende Perspektivlosigkeit und sportliche Rückschläge haben mich zu dieser Entscheidung kommen lassen."
"Profiboxen ist ein Haifischbecken"
Sein Trainer Valentin Silaghi, der 20 Jahre vor dem Frankfurter für Rumänien ebenfalls Olympia-Bronze gewonnen hatte, sagte einmal: "Profiboxen ist ein Haifischbecken. Richtiges Geld verdienen die wenigsten. In Deutschland interessiert man sich mehr für große Namen als für gutes Boxen. Eine Niederlage kannst du dir kaum leisten." Und über seinen Ex-Schützling: "Sebastian war ein fleißiger, ein intelligenter Boxer. Für ihn war mehr drin als der deutsche Interimstitel. Ich glaube, er hatte gedanklich schon vor seinen beiden Niederlagen mit dem Kapitel abgeschlossen, mehr die Familie, Studium und Beruf im Kopf." Köber räumte ein: "Die Tatsache, dass ich einen Sohn habe, war mit entscheidend, dass ich meine Karriere beendet habe. Ich bin jetzt nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich, sondern für meine kleineFamilie."
Seit er vor zehn Jahren die Boxhandschuhe an den Nagel gehängt hat, ist Sebastian Köber viel gelöster, lockerer, befreiter. So, als sei ihm eine große Last von den Schultern genommen. Der Druck der Trainingsschinderei, des Fokussierens auf den nächsten Gegner und des Gewinnen-Müssens ist weg, ebenso die Ungewissheit über das morgen.
Der waschechte Oderstädter hat schon immer versucht, sich neben der Boxerei mit anderen Dingen zu beschäftigen. Der Sportschul-Abiturient diente sich bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr  zum Stabsunteroffizier hoch und studierte parallel an der Fernuniversität Hagen. Köber büffelte Betriebs- und Volkswirtschaft, Rechnungswesen und Controlling, schloss eine Banklehre ab und arbeitete zwischen 2010 und 2018 bei der Sparkasse Oder-Spree.
"Das, was war, ist Vergangenheit. Das, was morgen kommt, haben wir heute in der Hand", philosophiert er. Seit gut einem guten Jahr ist er Leiter des Bereichs Liquiditätsteuerung und Bürgschaften für die deutsche Gruppe bei Bonava, einem schwedischer Projektentwickler im Haus- und Wohnungsbau mit Sitz in Fürstenwalde. Die Konzernmutter residiert in Stockholm. "Ich bin sehr neugierig und ehrgeizig", sagt der Mann im adretten Dress. "Der neue Job gibt mir die Möglichkeit, mich  in einem internationalen Konzern beruflich zu behaupten und weiterzuentwickeln."
Die aktuelle Situation im deutschen Boxen wie im Spitzensport allgemein sieht der bodenständige Frankfurter eher kritisch. "Die Kurve geht nach unten. Das liegt unter anderem an den Strukturen. Die alten wurden ab 1990 erstmal zerschlagen. Für die großen gesellschaftlichen Veränderungen wurden keine adäquaten Antworten und Lösungen gefunden. Da half es auch nicht, dass sich die ehemalige Sportschule erst Jahre später als Eliteschule neu erfunden hat. Grabenkämpfe zwischen Ost und West und auch in Brandenburger Verbänden hemmen die Entwicklung – ein Teufelskreis."
Frankfurt keine Box-Hochburg mehr
Frankfurt hat seinen Ruf als Box-Hochburg seit fast zwei Jahrzehnten eingebüßt. Sebastian Köber ist tatsächlich der letzte Medaillengewinner bei großen internationalen Meisterschaften. "Es gibt eigentlich beste Bedingungen, aber man macht zu wenig daraus." Der Versuch, Defizite im Männerbereich mit geburtenschwachen Nachwuchs-Jahrgängen begründen zu wollen, zähle schon lange nicht mehr. Zu denken gebe auch, dass heute überwiegend Athleten mit Migrationshintergrund die deutsche Boxszene bestimmen. "Wer will sich heute noch wofür quälen?"
Die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele von Tokio ins nächste Jahr ist für den 1,92-Meter großen Modell-athleten nachvollziehbar. "Unter Quarantäne-Bedingungen ist keine ordentliche Vorbereitung möglich. Das ist schade vor allem für jene Athleten, die alters- und leistungsmäßig ihre womöglich erste und letzte Olympia-Chance begraben müssen, aber die Gesundheit geht vor."

Zur Person: Sebastian Köber

geboren am 28.5.1979 in Frankfurt (Oder)180 Boxkämpfe als Amateur, Junioren-Europameister 1997, Olympiadritter 2000, EM-Bronze 2002, Militär-Weltmeister 2002 und 05, WM-Dritter 2003Profi von 2006 bis 2010, 21 Kämpfe, 19 Siege, Internationaler Deutscher Meister 2008-10Beruf: Bankkaufmann, Diplom-Kaufmannverheiratet mit Janet, Kinder Mika (12) und Mattis (7) he