Es ist weiterhin ungewohnt. Im weiten Rund des Berliner Olympiastadions feuerten am Sonntag 3500 Zuschauer die Leichtathleten beim 79. Istaf an. Das sind weniger zehn Prozent dessen, was sonst zu dem größten Meeting dieser Art in Deutschland kommt. Gleichwohl war Meeting-Direktor Martin Seeber im Vorfeld froh, dass die Veranstaltung überhaupt möglich war. „Unser Ziel ist es, mit dem Istaf ein Zeichen für den Sport zu setzen und ein Leuchtturm für die Leichtathletik zu sein. Wir wollen zeigen, dass wir auch in schwierigen Zeiten für die Fans und die Athleten da sind. Es ist vielleicht ein erster kleiner Schritt zurück zur Normalität.“

Stimmung ist trotzdem grandios

Und die Fans auf den Rängen taten, animiert von Stadionsprecher Karsten Holland, lautstärkemäßig wirklich alles, um die Athleten ihre Begeisterung spüren zu lassen und es gelang ihnen einige Male, die Stimmung der sonst rund 45.000 Zuschauer zu simulieren. Etwa bei der Vorstellung der Athleten, die dazu auf ein Podest vor der Haupttribüne gerufen wurden, auf dem mit roten Kreuzen die Position aufgeklebt war, damit die korrekten Corona-Abstände eingehalten werden. Die Athleten zahlten die Begeisterung mit zum Teil hervorragenden Leistungen zurück. Zumal es für viele wie Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo und der deutsche Rekordhalter im Speerwurf, Johannes Vetter, der jeweils letzte Wettkampf in dieser Corona-bedingt verrückten Saison war. „Das Istaf als großes Finale einer außergewöhnlichen Saison – das passt“, sagte Mihambo. Zunächst standen andere technische Disziplinen im Vordergrund. Die Dreispringer setzten den ersten Höhepunkt.

Dreispringer Heß zwingt Favorit Taylor zu Jahresweltbestleistung

Dabei hatte der deutsche Europameister von 2016, Max Hess, den vierfachen Weltmeister und zweifachen Olympiasieger Christian Taylor am Rande der Niederlage. Der 24-jährige Hess steigerte sich im fünften Versuch auf 17,17 Meter. Weiter war er nur zweimal in seiner Karriere gesprungen, die Bestleistung beträgt 17,20 Meter. Taylor, dessen größte je erzielte Weite 18,21 Meter beträgt, musste sich im letzten Durchgang auf die Weltjahresbestleistung von 17,57 Meter steigern, um Hess noch abzufangen. Der Chemnitzer, den lange Zeit Rückenschmerzen plagten, zeigte sich anschließend aber keineswegs enttäuscht. „Das war ein krönender Abschluss der Saison. Der Christian ist halt ein Biest. Aber ich bin froh nach einem Jahr mit vielen Verletzungsproblemen wieder 17 Metern springen zu können.“

Gudzius besiegt im Diskuswerfen Weltmeister Stahl

Während Taylor eine Niederlage gerade noch verhinderte, hatten zuvor hatte bei den Diskuswerfern die durchaus zahlreich erschienen Anhänger aus Schweden ein kleine Enttäuschung erlebt. Ihr Landsmann nd Favorit Daniel Stahl kassierte als amtierender Weltmeister die erste Niederlage in der Saison. Der 145-kg-Kolloss musste sich mit der mäßigen Weite von 65,89 Metern mit Platz 2 begnügen. Besser war der Litauer Andrius Gudzius. Dem Europameister von 2018 an selber Stätte liegt das Berliner Olympiastadion ganz offensichtlich. Er bezwang Stahl mit im letzten Versuch erzielten 66,72 Meter.

Hyvin Kiyeng aus Kenia sprintet zum Sieg

Der bunte Reigen starke Leistungen setzte sich fort. Im 3000-Meter-Hindernis-Rennen der Frauen fehlte mit Gesa-Falicitas Krause, die ihre Saison bereits beendete, der lokale Fixstern. Allerdings lieferte Hyvin Kiyeng aus Kenia in 9:06,14 Minuten die nächste Weltjahresbestleistung. Im spannenden Endspurt bezwang sie ihre Landsfrau Beatrice Chepkoech (9:10, 07). die deutsche Meisterin Elena Burkhard steigerte ihre Jahresbestleistung auf 9:35,67 Minuten und wurde Siebte.

Istaf-Rekord über 1500 Meter von Linda Muir

Und die Zeit der schnellen Läufe setzte sich fort. Bei den Frauen über 1500 Meter lief Laura Muir ein Rekord-Rennen von der Spitze weg. die britische Rekordhalterin über diese Strecke stellte mit 3:57,40 Minuten nicht nur eine neue Jahresweltbestleistung auf, sondern stellte auch einen neuen Istaf-Rekord auf. Den alten hielt die Türkin Süreyva Ayhan (3:58,43) aus dem Jahr 2002. Die Australierin Jessica Hull verbesserte als Dritte hinter der zweiten Britin Laura Weightman (4:00,09) in 4:00,42 Minuten den Ozeanien-Rekord.

Warholm verpasst Weltrekord

Die 400-Meter-Hürden der Männer wurden zur erwarteten One-Man-Show. Karsten Warholm aus Norwegen lief die Konkurrenz aber nicht nur in Grund und Boden, er wollte auch den Weltrekord von Kevin Young (46,78 Sekunden) angreifen. Vor gut drei Wochen in Stockholm lief der in dieser Saison noch ungeschlagene Weltmeister von 2017 und 2019 schon in 46,87 Sekunden die zweitschnellste je gelaufene Zeit. Auch auf der blauen Berliner Bahn stürmte er los. Am Ende reichte es aber „nur“ zur Siegeszeit von 47,08 Sekunden. Damit verbesserte Warholm aber den 40 Jahre alten Meeting-Rekord von Edwin Moses um neun Hundertstel.

Duplantis springt am höchsten

Andere Disziplinen, die im Vorfeld weit höher gehandelt wurden, hielten den Erwartungen nicht ganz stand. Die personell am besten besetzte Disziplin Stabhochsprung mit dem Hallen-Weltrekordler und Europameister von 2018 in Berlin, dem Schweden Armand Duplantis, dem Weltmeister von 2019 Sam Kandricks aus den USA, dem Sechsmeter-Springer Piotr Lisek aus Polen und Rio-Olympiasieger Thiago Braz aus Brasilien, verlief weniger spannend, als erhofft. Kendricks musste bereits bei 5,57 Metern die Segel streichen. Braz und Lisek übersprangen immerhin 5,82 Meter. Für den Brasilianer war es immerhin die Saisonbestleistung. An 5,91 Metern scheiterten die beiden je dreimal. Nur Duplantis konnte diese Höhe meistern. Und als sein Sieg feststand, tat es dem Publikum den Gefallen und ließ die Freiluft-Weltrekordhöhe von 6,15 Metern auflegen. Daran scheiterte der Schwede allerdings diesmal noch dreimal deutlich.

Speerwerfer Vetter diesmal zehn Meter kürzer

Die Speerwerfer haben im Berliner Olympiastadion durchaus komplizierte Windbedingungen. Auch diesmal taten sie sich schwer. Johannes Vetter gewann zwar zum dritten Mal beim Istaf und zum neunten Mal im neunten Wettkampf dieser Saison. Aber mit der Siegesweite von 87,26 Metern aus dem zweiten Versuch dürfte der Dresdner nicht ganz zufrieden sein. Bei seinem Deutschen Rekord von den 97,76 Metern vor Wochenfrist in Chorzow hatte nicht nur er sich mehr erwartet. Der Erfolg beim Istaf fiel indes souverän aus. Der zweitplatzierte Andrian Mardare aus Mazedonien erzielte 82,61 Meter.

Mihambo muss sich geschlagen geben

Bei den Weitspringerinnnen musste sich Mihambo unerwartet Maryna Bech-Romantschuk geschlagen geben. Die Weltmeisterin und deutsche Sportlerin der Jahres 2019 wirkte im Anlauf nicht ganz frisch und landete bei 6,77 Metern. Damit musste sie sich ihrer Dauer-Kontrahentin aus der Ukraine beugen. Weitere Siege feierten in den 100-Meter-Sprints bei den Frauen die Niederländerin Daphne Schippers in 11,26 Sekunden und bei den Männern Artur Cisse von der Elfenbeinküste in Saisonbestleistung von 10,10 Sekunden. Die besten Deutschen waren Lilly Kaden als Vierte (11,45) und Deniz Almas aus Wolfsburg als Zweiter (10,25).

Corona-Tests negativ

Eine frohe Kunde gab es zum Schluss. Alle 106 Covid-19-Tests der Athleten, die am Freitag und Sonnabend durchgeführt wurden, fielen negativ aus.