Es war ein denkwürdiger Tag, der den aufgrund der Corona-Bestimmungen erlaubten 5000 Anwesenden auf der Mariendorfer Bahn noch lange in Erinnerung bleiben wird. Gewinnt Europas Sulkysport-Legende Heinz Wewering im Alter von 70 Jahren zum neunten Mal das Deutsche Traber-Derby? Das war die Frage, die das Publikum im Vorfeld der mit 225.555 Euro dotierten Prüfung eindringlich beschäftigte. Sie wurde am Sonntag schon nach wenigen Metern beantwortet – denn Wewerings Hengst Keytothehill war überhaupt nicht zu der vorgeschriebenen Gangart zu bewegen, verfiel in Galopp und wurde disqualifiziert. Ein Stöhnen ging durch die Menge, der Ultra-Favorit war raus aus der Partie.

Robin Bakker ist Mr. Derby

„Ich habe das alles aus direkter Nähe beobachtet, denn mein Hengst Wild West Diamant lag ja unmittelbar neben Wewerings Pferd“, sagte wenige Minuten später derjenige Mann, der als Sieger der 125. Auflage des schon seit 1895 ausgetragenen Klassikers den Winner-Circle betrat, um geehrt zu werden. Es war Robin Bakker. Doch noch viel besser als unter seinem Familiennamen ist der 37-jährige Niederländer den Rennsportfans unter seinem Spitznamen „Mr. Derby“ bekannt. Denn was Bakker geschafft hat, ist einzigartig. Innerhalb von nur acht Jahren hat der im Nordosten der Niederlande beheimatete Sportler zum sechsten Mal das Derby gewonnen. Es scheint eine goldene Regel zu sein: Egal, wer startet – am Ende steht Bakker im Winner-Circle.

Neue Rennrekordzeit aufgestellt

Mit seinem Hengst Wild West Diamant hielt sich der Trabrennfahrer zunächst aus allen Positionskämpfen heraus. „Ich wusste, dass mein Pferd über einen unglaublichen Speed verfügt und dass unsere Chance kommt“, erklärte Bakker im Anschluss seine Taktik. Mit Nerven wie Stahl hatte der Holländer bis in die Zielgerade hinein abgewartet und behielt Recht: Wild West Diamant flog in neuer Rennrekordzeit wie ein Pfeil an den Gegnern vorbei. Erste Gratulantin im Winner-Circle war natürlich Bakkers Ehefrau Titsia. Paul Hagoort, der Trainer des Pferdes, war dagegen zum Zuschauen verdammt. Der 42-Jährige, der zu den weltbesten Vorbereitern gehört, war von dem strikt auf die Einhaltung aller Corona-Maßnahmen achtenden Sicherheitspersonal abgewiesen worden. Eine Anekdote, die er ganz und gar nicht witzig fand.

Michael Nimczyk siegt am Sonnabend

Mindestens ebenso großen Jubel wie bei Bakkers Triumph hatte es bereits am Samstag gegeben, denn das ausschließlich den Vierbeiner-Ladies gewidmete und mit insgesamt 97.000 Euro dotierte Stuten-Derby wurde zur Beute eines Berliner Pferdes. Die von Michael Nimczyk gesteuerte Kyriad Newport aus dem Besitz des Mariendorfer Bahneigentümers Ulrich Mommert stürmte in einem hochdramatischen Finish mit den allerletzten Schritten zum Sieg. Michael Nimczyk (34) war nach dem Erfolg überglücklich: „Es ist ein Wahnsinnsgefühl, hier zu stehen“, strahlte der amtierende deutsche Champion. „Zumal es anfangs gar nicht so aussah, als würde sich Kyriad Newport zu solch einem tollen Pferd entwickeln. Sie war immer recht störrisch und hat ihren ganz eigenen Willen. Aber die Stute verfügt über das Herz einer Löwin!“