Noch vor der Masseninfektion im Schlachthof des Fleischkonzerns Tönnies meldeten andere Schlachtereien ein vermehrtes Aufkommen von Infizierten. Zu den Betroffenen zählten vor allem ausländische Werkarbeiter, zumeist aus Osteuropa, die von Subunternehmern angeheuert wurden. Sowohl die fehlenden Möglichkeiten der Abstandseinhaltung im Betrieb als auch die Wohnbedingungen in den Unterkünften stellten sich als Ursachen für die schnelle Ansteckung heraus. Diese Schutzlosigkeit angesichts der Pandemie ist nur ein Problem von vielen, dem ausländische Arbeiter hierzulande ausgesetzt sind.

Unkenntnis wird ausgenutzt

Neben der Fleischindustrie baut man auch im Bauwesen, in der Logistik und Landwirtschaft maßgeblich auf Arbeitskräfte aus Polen, Bulgarien, Rumänien, aber auch Afghanistan und der Ukraine. Doch sprechen die Männer und Frauen selten deutsch und verfügen nur über geringe Kenntnis ihrer Rechte. Das nutzen Arbeitgeber mitunter aus. "Die Bedingungen sind höchst prekär", erklärt Philipp Schwertmann. Er ist Fachbereichsleiter für die Fachstelle Migration und Gute Arbeit in Brandenburg. Sie ist verschwestert mit dem gleichnamigen Berliner Beratungszentrum, an den Deutschen Gewerkschaftsbund angeschlossen und wird staatlich gefördert. Ausländische Arbeiter finden in ihr eine Anlaufstelle, mithilfe derer sie ihre Rechte geltend machen.
Die Situation für die Arbeitskräfte, die sich bei der Fachstelle melden, beschreibt Schwertmann als gravierend: "Sie bekommen oft kein Geld ausgezahlt oder nur unzureichende Lohnabrechnungen. Denn die Arbeitgeber wissen, dass die Arbeitnehmer unter Druck stehen und Geld für ihre Familie zu Hause verdienen müssen." Viele würden aus Verzweiflung direkt zur nächsten Arbeit ziehen. Hintergrund ist laut Schwertmann der Preisdruck in den Branchen, in denen Löhne häufig die höchsten Kosten ausmachten. "Die illegale Einsparung der Lohnkosten ist zudem ein wettbewerbsverzerrender Faktor für andere Betriebe, die sich an die Vergütung halten."
Die Tricks sind vielseitig: "Erntehelfer aus der Ukraine haben von den Papieren her als Praktikanten gearbeitet", berichtet der Fachbereichsleiter. Häufig werde der Mindestlohn unterlaufen, indem Unterkunft und Verpflegung abgezogen werden. "Eine Spedition in Brandenburg hat versucht, vom Bruttolohn sogenannte Palettenschäden abzuziehen, sodass die Auszahlung am Ende null Euro betrug." In einem anderen Fall sollten Spargelernter nach Vermarktungsfähigkeit des geernteten Gemüses bezahlt werden. "Es ist jedoch illegal, das unternehmerische Risiko auf diesem Weg auf die Beschäftigten abzuwälzen" Die Arbeitgeber würden kalkulieren, dass die Geprellten nicht zum Arbeitsgericht gehen, sondern aus der Not heraus zur nächsten Arbeit weiterziehen.
Das Team Migration und gute Arbeit bietet in solchen Fällen Beratung und Unterstützung an: "Wir erheben die Situation und ermitteln, was ihnen zusteht. Bei nicht korrekt ausgezahlten Löhnen zeigen wir Wege, diese geltend zu machen und vermitteln Anwälte", sagt Schwertmann. Zudem werde muttersprachlich in Arabisch, Polnisch, Französisch und Englisch beraten.
Wie die Arbeit der Fachstelle aussieht, illustriert Schwertmann mit einem Beispiel: "2018 erlebten wir einen klassischen Fall. Die Saisonarbeiter wurden erst am letzten Tag ausgezahlt. Der Bus stand schon vor der Tür, sodass die elf polnischen Erntehelfer unter Zeitdruck standen und den Lohn nicht nachprüfen konnten, weil sie auch keine Dokumentation über dessen Berechnung bekamen." Doch hatten die Arbeiter das schon befürchtet und sich bereits vorher Hilfe von der Fachstelle organisiert, die ihnen eine Mitarbeiterin vor Ort an die Seite stellte. In einem Gespräch erreichte diese, dass der Landwirt den Saisonarbeitern den tatsächlichen Lohn – 15 000 Euro für elf Leute – auszahlte.

Schwierige Recherche

Allerdings müssen die ausländischen Arbeiter zunächst einmal erfahren, dass es für sie Hilfe gibt. "Die große Herausforderung im weitläufigen Brandenburg ist für uns, in die Fläche zu kommen", erläutert Schwertmann. Daher fahren sie gezielt zu landwirtschaftlichen Höfen, um über Arbeitsrecht, Arbeitsstandards, Arbeitssicherheit und Mindestlöhne zu informieren. "Da wir die Aktionen gemeinsam mit der IG-Bau durchführen, die für Beschäftigte in der Landwirtschaft zuständig ist, haben wir damit ein Zugangsrecht für die Betriebe." Die Besuche werden angekündigt.
Allerdings liegen die Felder häufig ganz woanders. "Diese ausfindig zu machen, ist mitunter eine schwierige Rechercheaufgabe", sagt der Fachbereichsleiter. Daher wird versucht, die Menschen mit Ständen vor den Supermärkten zu erreichen. Allerdings haben die Corona-bedingten Quarantänemaßnahmen nach der Einreise die Zugänge zu den Arbeitern weiter abgeschnitten.
Schwertmann weist daraufhin, dass sich die Zustände herumsprechen. "Das Bild von Deutschland in Rumänien leidet aktuell. Es hat einen richtigen Pressewirbel verursacht, wie die rumänischen Arbeiter hier teilweise behandelt wurden." Weniger Menschen könnten zum Arbeiten kommen, obwohl viele brandenburgischen Wirtschaftsbereiche auf sie angewiesen sind, erklärt der Fachbereichsleiter. "Viele der Erntehelfer für Spargel, Erdbeeren oder Gurken kommen auch aus Polen. Vielleicht überlegen sie es sich bald anders und gehen künftig in die Niederlande."