Herr Pencereci, gibt es in Brandenburg genug Wasser für große Industrieansiedlungen wie die von Tesla?
Brandenburg hat noch genügend Wasser, um die Industrie und  die Bevölkerung zu versorgen. Nur müssen wir langfristig schauen, dass das auch so bleibt.  Wenn es  längere und stärkere Trockenperioden gibt, wird man sparsamer, noch vernünftiger mit dem Wasser umgehen müssen. Weil wir dann eine Konkurrenz bekommen werden zwischen der Trinkwassernutzung, der Land- und Forstwirtschaft, dem Naturschutz.
Welche Auswirkungen hatten die letzten beiden trockenen Jahre?
In einigen Regionen ist das Grundwasser bislang nicht wieder ausreichend angereichert, auf einem Stand,  so wie er bisher war und sein sollte.
Welche Regionen betrifft das?
Der Osten des Landes ist stärker betroffen. Dort versickert das Wasser schneller in den sandigen Böden, aber es bildet nicht unbedingt ausreichend neues Grundwasser. Je nördlicher und östlicher man kommt, desto trockener wird es. Die Grundwasserspiegel erreichen dort teils noch nicht  die Pegel, die sie zuvor hatten.
Welche Konsequenzen haben diese gesunkenen Grundwasserstände bereits für die Verbände?
Die europäische Wasserrahmenrichtlinie sagt, dass die ortsnahe Versorgung  Vorrang hat. Wenn Wasservorkommen in einem Gebiet  knapp werden, dann muss man sich zunächst mit der lokalen Situation auseinandersetzen und schauen, ob man das Wasser vernünftig einsetzt und nicht verprasst. Dann kann sich auch die Frage stellen, ob ein Verband von woanders Wasser beziehen muss – von einem benachbarten Verband oder über eine Fernwasserversorgung. Das muss einerseits jeder vor Ort klären.  Und das muss andererseits übergeordnet geklärt werden, durch das Landesumweltamt und das Umweltministerium. Da sind die oberen und obersten Behörden erheblich gefordert.
Was heißt das?
Um die technischen Lösungen in ihrem Gebiet kümmern sich die Verbände und Versorger. Aber wenn es um großflächige Wasserkonzepte geht, sind die höheren Behörden gefordert mitzuwirken.  Solche Konzepte gibt es auch.
Gab es im vergangenen Sommer schon deutlich spürbare  Einschränkungen bei der Versorgung?
Es hat deutlich spürbare Vorsorgemaßnahmen gegeben. Die Wasserversorger haben rechtzeitig erkannt, dass Wasser nicht mehr in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht. Sie haben die Bevölkerung  aufgerufen oder es  angeordnet, nicht mehr den Garten zu wässern oder das Auto zu waschen.  Die Verbände werden künftig, wenn sich der Klimawandel fortsetzt, ganz stark gefordert sein, eine intelligentere und nachhaltigere Wasserwirtschaft zu betreiben. Wir könnten nicht nur ein Mengenproblem, sondern auch ein Qualitätsproblem bekommen. Die EU hat von Deutschland  verlangt, die Düngeverordnung zu überarbeiten, um das Grundwasser und die Gewässer zu schützen. Auf beides muss hohes Augenmerk gerichtet werden.
Was kann passieren, wenn es trockener wird und weiter gedüngt wird wie bisher?
Die Filterwirkung des Bodens ist begrenzt. Das heißt, wir haben dann mehr höhere Konzentrationen von Schadstoffen im Grundwasser, insbesondere Nitrat. Die Wasserwirtschaft ist in der Lage, aus jedem Wasser Trinkwasser zu machen. Nur dann werden die Kosten dafür dramatisch steigen.
Der Speckgürtel um Berlin wächst, es siedeln sich Menschen und Unternehmen an. Welche Probleme schafft das?
Wenn es einen Wettbewerb um Wasser gibt, hat die öffentliche Trinkwasserversorgung der Bevölkerung den Vorrang. Gewerbe und Industrie müssen natürlich auch versorgt werden. Die große, Wasser verbrauchende Industrie  recycelt in der Regel aber ihr Wasser und unterhält eigene Kläranlagen. Es gibt kaum  Betriebe, die gigantische Mengen Trinkwasser aus dem Netz entnehmen. Zumeist betreiben sie Wiederverwendung.
Der Wasserverband Strausberg-Erkner hat erklärt, er sehe schwerwiegende Probleme mit der Belieferung der Tesla-Fabrik. Können Sie die Sorgen nachvollziehen?
Es ist generell immer die Frage, inwieweit ein öffentlicher Versorger Gewerbe und Industrie mit versorgen kann. Natürlich ist er da in der Pflicht. Aber er muss auch eine Abwägung treffen – wie viel Wasser ist vorhanden, was kann er zur Verfügung stellen? Die Entsorgung des Abwassers ist übrigens nicht so das Problem im Land. Kläranlagen haben wir ausreichend.
Bestehen andernorts ähnliche Schwierigkeiten?
Bis jetzt konnten alle Verbände ihre Kunden  versorgen.  Mitunter sind sie an ihre Grenzen gestoßen. Es  hat aber keinen Fall gegeben, in dem das Wasser abgestellt werden musste. Noch schaffen wir das. Wir kämpfen aber auch ein bisschen gegen das Vergessen. Wenn jetzt nasse Sommer kommen, dann redet niemand mehr über das Trinkwasser.  Aber, man sollte sich bewusst machen: Ständig Wasser zur Verfügung zu haben, das ist ein Luxus. Das gibt es nicht überall auf der Welt. Selbst in anderen Industrieländern wie Großbritannien oder den USA steht Wasser nicht immer rund um die Uhr zur Verfügung. Vor allem nicht in Trinkwasserqualität.
Sie  sagen, wir haben noch ausreichend Wasser. Wann könnte es  denn kritisch werden, wenn sich das Klima so weiter verändert?
Das kann niemand genau sagen. Das kann in zehn Jahren sein oder in zwanzig. Wir halten es aber für angebracht, sich jetzt darum Gedanken zu machen und sich vorzubereiten.
Wie reagieren die Verbände?
Es gibt Managementpläne, wie  Wasserwerke in einem Verbandsgebiet  mit intelligenter Technik so gesteuert werden, dass sie einander ergänzen. Verbände machen sich Gedanken, woher sie außerhalb des eigenen Gebietes Wasser bekommen können. Man redet miteinander darüber.
Wenn nicht mehr so viel Wasser wie derzeit zur Verfügung steht, was dann?
Dann muss man Leuten sagen, bitte verbraucht nicht so viel. Fürs Duschen, die Pools, das Rasensprengen. Ein brauner Rasen wird im Herbst wieder grün. Man muss nicht so intensiv wässern im Sommer.
Ist es eine Alternative, mehr Brunnen zu bohren und die Grundwasserleiter stärker anzuzapfen?
Das geht nicht so schnell. Da müssen viele Untersuchungen und Berechnungen angestellt werden. Das ist nicht die Lösung.
Was dann?
Maßvoll Wasser zu verbrauchen ist sinnvoll. Wir haben oft das Gefühl, dass Wasser unbegrenzt vorhanden ist. Aber Süßwasser macht nur drei Prozent des weltweit vorhandenen  Wassers aus.  Es gibt auch die Idee eines zweiten Wasserkreislaufes.
Was heißt zweiter Kreislauf?
Wir verbrauchen nur drei bis vier Liter Trinkwasser am Tag. 100 bis 130 Liter nutzen wir für Zwecke, für die wir kein Trinkwasser benötigen.  Aber diesen zweiten Wasserkreislauf in mehrgeschossigen Häusern zu installieren, ist ein riesiger Aufwand, kaum machbar. Das extremste Szenario wäre, wenn aus dem Hahn nur noch Brauchwasser kommt, so wie in anderen Ländern.
Was droht, wenn der nächste Sommer wieder so trocken wird?
Niemand wird verdursten oder darf nicht mehr duschen. Aber es wird sicher Appelle geben: Geht sparsamer mit dem Wasser um. Das ist auch machbar.

Zur Person


Seit 1992 ist Turgut Pencereci als Geschäftsführer des  Landeswasserverbandstag Brandenburg e. V. (LWT) tätig. Der Verbandstag  ist die Dachorganisation der öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaft und ihrer Unternehmen im Bundesland Brandenburg. Ihm gehören 22 Wasser- und Bodenverbände und  38 Wasser- und Abwasserzweckverbände an. Der 58-jährige Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verwaltungsrecht stammt aus Bremen und lebt in Schwerin und Potsdam. ima